zu  Dr.  sow  besucht,  dessen  Besitzung  an  die  seinige
grenzte.  Auch  Herr  Dubnitz  hatte  wiederholt  bei
ihm  vorgesprochen.  Herr  Radeslav  zu  Schleffin
hatte  sich  mit  Krankheit  entschuldigt  und  ihn  nicht
empfangen,  Herr  Borant,  sein  zweitnächster  Nachbar
  nach  Süden  zu,  war  von  ihm  nicht  angetroffen
worden;  aber  auch  hier  hatte  es  ihm  geschienen,  als
ob  man  ihn  nicht  empfangen  wolle.  Die  Krechte
hatten  ihn  sogar  mit  recht  feindseligen  Blicken  gemessen
  und  ihm  gar  nicht  einmal  das  Palisadentor
geöffnet.  Seitdem  hatte  er  sich  beschieden  und  war
in  seinen  vier  Pfählen  geblieben.  Als  deutscher
Ritter  hielt  er  es  für  seiner  unwürdig,  um  die
Freundschaft  dieser  Wendenherren  zu  betteln.

Aber  nun  war  mit  frischem  Knospentrieb,  mit
jungem  Wiesengrün  und  dem  fröhlichen  Sange  der
ersten  Lenzesboten  der  Frühling  ins  Land  gekommen.
  Da  hielt  es  denn  Herrn  Kunrad  nicht  länger
in  den  engen  Mauern  seines  Heims  und  täglich
konnte  man  ihn  in  Gesellschaft  zweier  mächtiger
Riden,  den  starken  Jägerspieß  über  der  Schulter,
Feld  und  Waldeshalde  durchstreifen  sehen.

So  befand  er  sich  auch  eines  Tages  in  dem  ostwärts
  seiner  Feldmark  gelegenen  Waldrevier  auf
der  Jagd.  Er  verfolgte  die  Fährte  eines  Wolfes,
der  bereits  mehrere  Stücke  Wild  zerrissen  hatte  und
dem  von  seinen  Leuten  bisher  vergeblich  nachgestellt
  worden  war.  Plötzlich  brach  wenige  Schritte
von  ihm  entfernt  durch  die  niedrigen  Kiefern  ein
Hirsch,  dessen  Hals  von  einem  Pfeile  durchbohrt
war.  Der  Ritter  bändigte  seine  Rüden,  die  dem
bereits  schwankenden  Tiere  zu  folgen  versuchten.
und  spähte  sodann  nach  dem  unbekannten  Schützen
aus.  Da  sprengte  es  auch  schon  auf  kleinem  Wendenrosse
  heran.  Aber  wie  erstaunte  Herr  Kunrad,
als  er  eine  in  lieblichster  Schönheit  prangende
Wendenmaid  erblickte,  die  nach  Männersitte  zu
Pferde  saß.  —  Wer  konnte  dies  jungfrische  Wesen
sein,  dessen  Wangen  in  der  freudig  erregenden  Lust
des  edlen  Weidwerks  so  purpurrot  glühten  und
dessen  dunkelsternige  Augen  so  wunderbar  leuchteten?
  Weder  Herr  Dubnitz  noch  Herr  Radeslav  besaßen
  Töchter  in  diesem  jungfräulichen  Alter.  Sollte
es  die  Tochter  jenes  mächtigen  Edlen  sein,  dessen
Waldgebtet  an  das  seinige  stieß  und  vor  dem  ihn
sein  Ohm  gewarnt  hatte,  da  er  ein  hochfahrender,
gegen  seine  Knechte  und  Zinspflichtigen  von  fast
fürstlichem  Herrenstolze  beseelter  Mann  sei  und  bisher
  weder  selber  die  christliche  Lehre  angenommen
habe  noch  es  gestatte,  daß  irgend  jemand  seiner
Untergebenen  ihr  folge?

Als  die  junge  Reiterin  den  Deutschen  erblickte,
hlelt  sie  sogleich  ihr  Rößlein  an  und  blickte  mit
zornig  blitzenden  Augen  zu  dem  Störer  ihrer  Jagd
freude  hinüber.  Der  junge  Edelmann  aber  rief  in
dem  Glauben,  daß  er  sich  auf  eigenem  Grund  und
Boden  befinde,  der  Jägerin  scherzend  zu:  „Ihr  jagt
auf  fremdem  Gebiet,  schöne  Jungfrau!  Euren  Bogen
  muß  ich  mir  pfänden  zusamt  dem  Köcher  und

Unser  Dommerland

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den  Pfeilen,  die  so  sicher  und  tödlich  ihr  Ziel  treffen.“


Herr  Kunrad  sprach  das  Pommernwendische
fließend.  Während  seines  langjährtgen  Aufenthaltes
am  bischöflichen  Hofe  hatte  er  es  gelernt.

Die  Angeredete  aber  runzelte  zornig  die  Stirn
und  Blitze  schossen  aus  ihren  dunklen  Augen,  während
  sie  heftig  entgegnete:  „Dies  Land  gehört  meinem
  Vater  zueigen,  dessen  Burg  eine  Stunde  von
hier  drunten  am  großen  Schilfsee  gelegen  ist.  Ihr
aber  scheint  mir  einer  der  gierigen  deutschen  Räuberbande
  zu  sein,  die  unsere  Nachbarn  im  Süden  und
Westen  beretts  überfallen  hat  und  nun  auch  unser
Land  heimzusuchen  beginnt,  um  Stück  auf  Stück
davon  an  sich  zu  reißen.  Ich  rate  Eucht:  tretet  mir
nicht  nahe,  soll  mein  Pfeil  nicht  Eure  Brust  durchbohren!“


Hochaufgerichtet  auf  ihrem  Rosse,  die  Sehne  des
Bogens  mit  dem  Pfeilschaft  straff  anziehend,  ihren
Widerpart  zornfunkelnden  Auges  messend,  erschien
die  Wendin  als  eine  grimme  Gegnerin,  die  blutigen
  Ernst  zu  machen  gewillt  war,  sofern  ihre  Warnumg
  nicht  beachtet  wurde.  Voll  Bewunderung
blickte  der  Ritter  auf  die  schöne  Maid,  die  ihm  in
der  Aeußerung  ihres  Zorngefühls  nur  noch  herrlicher
  erschien.  Aber  nicht  einen  Augenblick  ließ  er
sich  durch  ihre  Drohung  einschüchtern.  Seinen  Jagdspeer
  stieß  er  in  die  Ende,  befestigte  daran  den
Koppelstrick  der  Rüden  und  ging  dann  festen  Schrittes,
  ohne  mit  der  Wimper  zu  zucken,  auf  die  Reiterin
  zu.  Und,  o  Wunder,  diese  ließ  den  Bogen
simken  und  starrte  fassungslos  ob  solcher  todverachtenden
  Kühnheit  den  Ritter  an.  Dieser  aber  hob
den  Pfeil,  der  dem  Mädchen  entfallen  war,  vom
Boden  auf  und  sprach  dann,  indem  er  sich  geziemend
  verneigte:  „Den  Pfeil,  edle  Herrin,  laßt  mir
als  Angedenken,  die  Pfändung  Eures  Bogens  aber
unterbleibe,  bis  ich  festgestellt  habe,  ob  der  Herr
Herzog  meinem  hochwürdigen  Herrn  Ohm,  wie  ich
nach  Euren  Worten  schier  befürchten  zu  müssen  vermeine,
  in  Wahrheit  irrtümlicherweise  fremdes  Eigentum
  zugesprochen  hat.  Und  nun  beendigt  in  Frieden
  Euer  Weidwerk!  Der  von  Eurem  Ffeile  getroffene
  Hirsch  ging  vor  wenig  Augenblicken  flüchtig
an  mir  vorüber.  Er  trägt,  wie  ich  bemerkte,  die
Todeswunde  und  muß  wenige  hundert  Ellen  von
hier  zusammengebrochen  sein.“

Nach  diesen  Worten  ergriff  Ritter  Kunrad  seinen
Jagdspieß,  ließ  die  Rüden  frei  und  eilte  ihnen  in
weit  ausgreifenden  Schritten  nach.  Die  Jägerin
folgte,  ohne  Widerspruch  zu  erheben.  Bald  verbellte
  der  Hund  den  toten  Hirsch,  und  der  Ritter
hob  voll  Artigkeit  die  Reiterin  aus  dem  Sattel.
Errötend  ließ  diese  sich  die  Hilfe  gefallen,  verharrte
aber  schweigend  neben  ihrem  Rößlein,  während  ihr
Begleiter  auf  seinem  Jagdhorn  dem  Hirsch  die
letzte  Ehre  erwies.  Als  er  jedoch  nach  deutscher
Sitte  ein  grünes  Reis  von  einer  nabestehenden
Tamne  trennte  und  ihr  den  frischen  Bruch  mit  den
Worten  „der  glücklichen  Schützin“  darreichte,  dankte