Meer,  in  der  Nähe  der  väterlichen  Burg  gelegen
war.  Endlich  aber  trennten  sich  die  Liebenden  nach
inniger  Umarmung.  —

Der  junge  Ritter  erschien  zur  verabredeten
Stunde  und  kam  abermals  und  öfter.  So  erfreu—
len  sich  die  beiden  jungen  Menschenkinder,  im  dichlen
  Dinenwalde  geborgen,  eine  Zeit  lang  ungefährdet
  ihrer  heimlichen  Liebe.  Aber  eines  Tages
halte  einer  der  Fischer,  der  in  dem  großen,  am
Schilssee  gelegenen  Dorfe  wohnte  und  der  bei  ruhigem
  Wetter  zuweilen  auch  dem  Fischfang  auf  dem
Meere  oblag,  das  fremde  Segelboot  landen  sehen,
war  neugierig  ihm  genaht  und  hatte  mit  dem  deutschen
  Schiffsmann,  der  des  Bootes  am  Strande
h  iteie,  ein  Gespräch  begonnen.  Dieser  aber  hatle
den  Wenden  derb  abgewiesen  und  ihn  gar  mit  Prügeln
  bedroht,  als  er  von  seiner  Zudringlichkeit
nicht  abließ.  Grollend  hatte  jener  sich  da  mit  seinem
  Fahrzeuge  zurückgezogen  und  sich  vorgenommen,
  den  Schimpf  zu  rächen.

Während  der  nächsten  Zeit  machte  er  sich  nun
in  seinem  Rachedurst  und  seiner  Neugier  täglich  den
mehr  als  halbstündigen  Weg  zum  Strande,  um  zu
erforschen,  ob  das  fremde  Segelboot  wiederum  dort
jenseits  des  Fliezes  anlege  und  welche  Bewandtnis
  es  damit  habe.  Da  entdeckte  er  denn  eines  Tages,
  wie  das  Fahrzeug  vom  Wasser  her  angesegelt
kam  und  wiederum  an,  der  bekannten  Ulferstelle  lan—
dete,  worauf  der  deutsche  Ritter  dem  Fahrzeuge
entstieg,  um  allsogleich  im  Dünenwalde  zu  verschwinden.
  Sobald  der  Späher  nun  an  einem  der
nächsten  Tage  das  Fahrzeug  wieder  auftauchen  sah,
eilte  er  an  das  Flietz,  begab  sich  über  eine  dort
befindliche  Laufbrücke  an  das  jenseitige  Ufer  und
verdarg  sich  dort  in  der  Nähe  der  bekannten  Landungsstelle
  in  einer  dichtlaubigen  Linde.  Von  hier
aus  sah  er  den  Fremden  in  den  Wald  eindringen,
solgte  ihm,  geräuschlos  wie  eine  Katze  schleichend,
und  bemerkte  nun  auch  Slavina,  die  Herrentochter,
wie  sie  dem  Ritter  entgegeneilte  und  sich  in  seine
Arme  warf.  Nun  wußte  er  genug  und  hämicch
grinsend  machte  er  sich  stracks  auf  den  Weg  zu  dem
wendischen  Oberpriester,  der  gleichfalls  im  Dorfe
wohnte.  Jenem  berichtete  er  den  durch  die  Grafeutochter
  dem  ganzen  Stamme  angetanen  Schimpf.
Der  heimtückische  Verräter  wußte  gar  wohl,  daß  der
Oberpriester  es  allein  wagen  durfte,  Herrn  Sambor
von  dem  sträflichen  Umgange  seiner  Tochter  zu  berichten,
  ja,  daß  der  Gefürchtete  sogar  die  Gewalt
besaß,  den  Herrn  zu  zwingen,  den  Fremden  mit
Schimpf  und  Schande  zu  vertreiben,  ihm  wohl  gar
ein  Leid  anzutun.  Denn  da  das  blbinde  Volk  dem
Vertrauten  der  Götter  in  knechtisch  unterwürfiger
Furcht  ergeben  war,  so  durfte  Herr  Sambor  es
nicht  wagen,  dem  Begehren  jenes  entgegen  zu  sein.
Im  geheimen  hoffte  der  Angeber,  daß  bei  dieser
Gelegenheit  auch  der  grobe,  hochmütige  Fährmann
des  Ritters  sein  Teil  erhalten  möchte,  und  so  sein
Rachegefühl  befriedigt  werden  würde.

Unser  Dommerland.

123

Kanja,  der  Oberpriester  des  gesamten,  Herrn
Sambor  zugehkrigen  Herrschaftsbetzirks,  nahm  die
schier  unglaubliche  Kunde  nichts  desto  weniger  miuheimlicher
  Herzensfreude  auf.  Hier  bot  sich  ihm
endlich  einmal  Gelegenheit,  seinen  langgenährten
Haß  gegen  die  fremdgläubigen  Eindringlinge  zu  befriedigen.
  Und  daß  er  mit  dem  deutschen  Ritter
zugleich  das  Oberhaupt  der  gangen  Sippe  tresfen
wirde,  bereitete  ihm  besondere  Genugtuung.  Durch
eine  demütigende  Kränkung  des  Ritters  aber  hielt
er  den  schweren  Schimpf  nicht  für  gesühnt,  auch  erschien
  ihm  eine  solche  Rache  viel  zu  milde  gegenüber
  seinen  Todfeinden,  die  ohne  Herrn  Sambors
mannhaftes  Beharren  beim  alten  Glauben  auch  ihn
zu  Spaten  und  Dunggabel  verdammt  hätten.  Nein,
hier  munzte  Blut  fließen,  nur  die  Vernichtung  des
frechen  Verführers  konnte  die  Schmach  tilgen  und
zugleich  jenen  hochmütigen,  Pfaffenhäuptling  zu
Wollin  in  tiefster  Seele  verwunden.

Am  liebsten  hätte  er  es  nun  gesehen,  wenn  das
Strafgericht  alsbald  vollzogen  worden  wäre;  allein,

der  Gebieter  war  zur  Zeit  abwesend  und  kehrte
voraussichtlich  erst  nach  Wochen  zurück.  So  mußte
er  denn  seinen  Rachedurst  vorläufig  unterdrücken.

Er  selber  wollte  sich  nicht  zum  Rächer  aufwerfen.
Denn  wenn  die  Tat  ruchbar  wurde,  so  war  es  um
ihn  geschehen.  Hohe  Herren  aber  vermochten  sich
besser  ihrer  Haut  zu  wehren.  Ein  wachsames  Auge
aber  wollte  er  auf  die  beiden  Liebenden  haben,  und
darin  mußten  ihm  der  Fischer  und  sein  Tempeldiener,
  den  er  ins  Vertrauen  zu  ziehen  beabsichtigte,
  beistehen.

Solcher  Art  waren  Kanjas  Gedanken.  Unterdessen
  aber  genossen  die  Liebenden  ihres  Glückes,
sobald  nur  der  Wellengang  des  Meeres  es  erlaubte.
Sie  ahnten  nicht,  daß  man  ihnen  nachspähte,  und
freuten  sich  sorglos  ihrer  jungen  Liebe,  zumal  sie
während  der  Abwesenheit  Herrn  Sambors  nichts
befürchten  zu  dürfen  glaubten.  Wie  Kunrad  der
Geliebten  mitteilte,  hatte  Fürst  Ratibor  dem  Bischof
  versprochen,  alsbald  nach  Herrn  Sambors
Rückkehr,  die  Kunrad  vermelden  sollte,  seinen  Edlen
zu  sich  zu  entbieten,  um  ihn  zu  bewegen,  Herrn
Kunrad  die  Tochter  zum  Ehegemahl  zu  geben.  Er
hatte  dem  geistlichen  Herrn  allerdings  nicht  verhohlen,
  daß  Herr  Sambor  ein  sehr  starrköpfiger
und  vor  allem  stolzer  Herr  sei,  dessen  Vorfahren
mit  den  seinigen  harte  Kämpfe  um  die  Herrschaft
im  Lande  ausgefochten  hätten,  bis  sie  sich  endlich
dem  Greifenszepter  hätten  unterwerfen  müssen  Er
hoffte  jedoch,  durch  besondere  Gunsterweisungen  den
Stolzen  zu  bewegen,  seine  Einwilligung  zu  der
Vermählung  zu  geben.

So  schauten  die  Liebenden  denn  voll  Hoffmug
in  die  Zukunft,  auf  die  Ueberredungskunst  und

Macht  des  Fürsten  vertrauend.  Der  Oberpriester
aber  ließ  durch  den  Fischer  und  Tempeldiener

fleihig  nach  dem  Ritter  Auslug  halten  und  vermerkte
  daheim  sorgfältig  jeden  Tag,  an  dem  Herr
Kunrad  erschien,  sowie  die  Stunde  seiner  Ankunft