128

nicht  schrecken.  Ihre  Tage  hier  im  Lande  sind,  wie
ich  Dir  in  allernächster  Zeit  noch  auseinandersetzen
werde,  gezählt.  Aber  man  soll  mir  einmal  nicht
nachsagen,  daß  ich  gemeine  Rache  geübt  habe.  Auch
diesen  meinen  Wunsch  wirst  Du  später  begreifen.
Des  Ritters  Strafe  wird  daher  nur  die  gleiche  sein,
die  setine  Volksgenossen  trifft.  Man  wird  sie  über
die  Grenze  bringen  und  ihnen  bei  Leib=  und  Lebensstrafe
  die  Rückkehr  untersagen.  Ein  niedriges
Rachestück  aber  würde  es  sein  und  für  den  Ritter
eine  härtere  Strafe  als  der  Tod  bedeuten,  wenn
ich  die  öffentliche  Brandmarkung,  die  ich  ihm  im
ersten  Aufwallen  meines  Zornes  bestimmt  hatte,  gegen
  ihn  anwenden  würde.  Denn  ein  deutscher  Ritter
  ist  von  anderem  Schlage  als  die  Pfaffengesellschaft,
  von  der  Du  sprachst.  Diesen  allerdings
schreiben  ihre  heiligen  Satzungen  vor,  den  empfangenen
  Schlag  nicht  zu  erwidern,  vielmehr  ihre
grimmigsten  Feinde  zu  lieben,  eine  dem  Feigen  willkommene
  und  Schwächlinge  züchtende  Lehre.  Ein
deutscher  Ritter  aber  besitzt  nach  allem,  was  ich  erfahren
  habe,  ein  sehr  feines  Ehrgefühl  und  soll
viel  lieber  den  Tod  erleiden  als  seiner  Ehre  das
Geringste  vergeben.  Daher  würde  ich  mich  zwar
großmütig  bezeigen,  wenn  ich  ihn  zum  Tode  verurteilte,
  jedoch  würde  auch  dies  immer  eine  persönliche
  Rachenahme  bleiben  und  als  solche  richtig
gedeutet  werden.  Aber  das  neue,  bessere  Zeitalter,
das  bald  für  unser  Land  anbrechen  wird,  soll  nicht
durch  eine  niedrige  Tat  eingeleitet  werden,  die  leitenden
  Männer  sollen  durch  eine  solche  nicht  befleckt
  werden."“

Aber  nun  sprang  der  Oberpriester  mit  einer  Behendigkeit,
  die  man  bei  seiner  starken  Beleibtheit
kaum  erwartet  hätte,  von  seinem  Sitze  auf  und  rief
mit  erregter  Stimme:  „Das  darf  unter  keinen  Umständen
  geschehen,  Herr  Sambor!  Wollt  Ihr  für
Eure  Person  von  einer  Bestrafung  des  Schurken
absehen,  so  fordere  ich  ihn  für  mich  als  Oberpriester
  und  Vollstrecker  des  Willens  umserer  Götter.
  Er  hat  durch  geheime  Zaubermitteb  eine  Tochter
  des  Wendenvolkes  und  Bekennerin  des  alten
Götterglaubens  in  schmählichster  Weise  verführt,
ihrem  Volke  und  ihren  Göttern  untreu  zu  werden.
Diese  aber  fordern  als  Sühne  für  einen  so  grassen
Frevel  des  Uebeltäters  Leben.“

Herr  Sambor  schürzte  spöttisch  die  Lippen,  während
  er  dem  rachsüchtigen  Priester  erwiderte:  „Wir
wollen  uns  doch  gegenseitig  nichts  weismachen,
Kanja.  Du  weißt  ebenso  gut  wie  ich,  daß  es  keine
Zauberei  gibt;  der  Zauber,  dem  junge  Mädchen  so
leicht  unterliegen,  ist  natürlicher  Art.  Und  der  Ritter
  soll  ein  sehr  wohlgebildeter,  schöner  Mann  sein,
dazu  von  hochgemutem  und  bestrickendem  Wesen.“

„Mag  alles  zutreffen,“  sagte  Kanja,  „seine
Schuld  aber  bleibt  einmal  bestehen  und  die  Götter
fordern  seine  Bestrafung.“

„Kanja,  die  Götter!“

Der  Priester  räusperte  sich  verlegen,  während  er
dem  bedeutsamen  Blicke  Herrn  Sambors  auswich

Unser  Dommerland

und  zur  Seite  schielte.  Dann  aber  begann  er  aufs
neue:  „Wenn  das  Volk  den  Vorfall  erfährt  und  den
Verbrecher  straflos  ausgehen  sieht,  so  ist  es  nicht
allein  um  Euer  Ansehen  geschehen,  Herr  Sambor,
sondern  auch  um  den  alten  Glauben,  dessen  starkes
Bollwerk  bisher  immer  noch  Eure  Herrschaft  war.
Das  Volk  wird  der  Meinung  werden,  daß  Ihr  das
Verhalten  Eurer  Tochter  billigt,  ein  heimlicher  Anhänger
  der  neuen  Lehre  seid.  Es  wird  seine  Schlüsse
daraus  ziehen  und  sich,  wenn  auch  vorerst  heimlich,
den  Christengöttern  zuwenden.  Viele  mag  überhaupt
  nur  Euer  Beispiel  noch  davon  zurückhalten."“

Herr  Sambor  runzelte  unmutig  die  Stirn.  „Jch
dächte,  Du  hättest  den  beiden  Mitwissern  umnseres
Geheimmnisses  Stillschweigen  auferlegt,“  warf  er  ein.
„Somit  läge  es  nur  an  Dir,  wenn  die  Sache  ruchbar
  würde."

„Sobald  den  Schuldigen  die  gerechte  Strafe
träfe,“  bemerkte  Kanja,  „würden  sie  schweigen;  im
anderen  Falle  aber  könnte  ich  nicht  verhindern,  daß
sie  ihrer  Unzufriedenheit  über  Euer  Verhalten  zu
anderen  Ausdruck  gäben.“

„Die  schwerste  Strafe  würde  sie  in  diesem  Falle
treffen."

„Dadurch  würde  das  gesprochene  Wort  nicht  ungesprochen
  gemacht  werden.“

Herr  Sambor  grub  in  seinem  machtlosen  Zorne
seine  Zähne  tief  in  die  Unterlippe.  Verlauten  durfte
von  der  Sache  nichts,  sollten  nicht  seine  Pläne,  die
er  betreffs  der  Tochter  verfolgte,  kläglich  scheitern,
das  war  ihm  klar.

Da  bemerkte  Herr  Gniefomar:  „Wenn  Dein
Oberpriester  den  Mann  für  sich  fordert,  so  gib  doch
seinem  Willen  nach!  Deinem  Vorsatze  wirst  Du  dadurch
  nicht  untreu.  Und  Kanja  ist  ein  kluger
Mann,  er  wird  seine  Anstalten  so  zu  treffen  wissen,
  daß  auch  nach  dieser  Richtung  hin  unser  Geheimnis
  gewahrt  bleibt.“

Herr  Sambor  zerrte  in  innerlicher  Erregung  an
seinem  Barte,  daß  es  ihn  schmerzte.  Er  sann  auf
einen  Ausweg  aus  seiner  bösen  Lage,  aber  er
quälte  vergeblich  sein  Hirn.  Dem  Priester  traute
er  nicht  über  den  Weg.  Wurden  dessen  Rachelüste
nicht  befriedigt,  so  ließ  er  seine  beiden  Geschöpfe
sprechen,  lediglich  schon,  um  dennoch  seinen  Willen
durchzusetzen.  So  blieb  ihm  nichts  anderes  übrig,
als  dem  Unhold  nachzugeben,  und  er  erklärte  dem
Priester,  daß  er,  wenn  auch  schweren  Herzens,  seinem
  Verlangen  stattgeben  wolle.

„Ich  werde,“  fuhr  er  fort,  „zwei  kräftige  und
gewandte  Burgknechte  auswählen  und  Dir  zusenden,
  damit  Du  sie  mit  ihrer  Aufgabe  bekannt  machst
und  alle  Einzelheiten  mit  ihnen  durchsprichst.  Verpflichte
  sie  durch  einen  bindenden  Eid  zu  strengster
Verschwiegenheit  und  schärfe  ihnen  vor  allem  ein,
daß  sie  vorsichtig  zu  Werke  gehen.  Erkläre  ihnen,
daß  die  härteste  Strafe  ihrer  wartet,  wenn  sie  aus
Ungeschicklichkeit  oder  gar  Feigheit  ihren  Auftrag
nicht  zu  Deiner  Zufriedenheit  ausführen.  Meinet-