Trä-Vra-




„Solange  man  Kinder  hat,
nen  nicht!  Man  glaubt  bei  der  Heirat  mit
geliebten  Manne,  daß  dies  das  Fundament  zum
Glück  ist,  und  denkt  nicht  an  die  Last,  die  einst
von  oben  drücken  wird.  Wenn  Sie  an  Ihr  liebes
Kind  droben  denken,  tröstet  es  Sie  vielleicht,  was
ich  Ihnen  jetzt  erzähle:  Ich  habe  vier  Söhnen  das
Leben  geschenkt,  davon  sind  jetzt  drei  in  der  Irrenanstalt,
  und  sie  kennen  mich,  ihre  Mutter,  nichi,
wenn  ich  sie  —.“

Sei  müßt  heftig  weinen  un  wull't  sick  nich  ankamen
  laten,  wo  swer  ehr  dat  Hart  wir.  As  sei
suck  en  Ogenblick  besunnen  hadd,  wir  sei  gefaßter
um  vertellt  wider:

„Der  vierte  blieb  gesund  und  war  der  Stolz
meines  Lebens,  mein  Trost  und  meine  Hoffnung.
Er  war  sehr  begabt  und  wurde  schon  früh  Regierungsassessor,
  so  daß  ihm  eine  ehrenvolle  Laufbahn
bevorstand.  Als  solcher  besuchte  er  uns  mit  seiner
jungen  Frau,  die  guter  Hoffnung  war,  in  der
Weihnachtszeit,  und  er  zeigte  mir  heimlich  das  Geschenk,
  das  er  seinem  Vater  von  seinem  verdienten
Gelde  gekauft  hatte,  eine  lange  Pfeife  und  ein
Pfund  Tabak.  Mein  Mann  rauchte  damals  so
gern.  Damit  ihnen  die  Zeit  bis  zur  Bescherung
nicht  lang  werde,  und  da  wir  Frauen  noch  in  unseren
  kleinen  geheimen  Vorbereitungen  nicht  gestört
werden  sollten,  so  riet  ich  meinem  Mann  und  meimem
  Sohn  —  hören  Sie  gut  zul  Ich  riet  beiden,
mit  dem  Jäger  auf  die  Entenjagd  zu  gehen.  Das
laten  sie.  Sie  fuhren  hinaus  im  Boot  auf  die
Moorseen,  mein  Mann  saß  in  der  Mitte  und  ruderte,
  mein  Sohn  vorn  und  der  Jäger  hinten  am
Steuer  mit  schußfertigem  Gewehr.  Er  und  mein
Sohn  folgten  mit  dem  Gewehr  dem  Flug  der  Enten,
  mein  Sohn  richtete  sich  ein  wenig  auf  —  gerade
  als  der  Jäger  abdrückte.  —  Und  da  gingen
ihm  Schrote  in  den  Kopf,  daß  er  zurücksiel  —  tot!“

„Die  Jagd  im  Boot  soll  so  gefährlich  sein,"
säd  de  arm  lütt  Fru  wider,  as  sei  wedder  de  Gewalt
  äwer  sick  funnen  hadd,  „und  das  wußte  ich
nicht!  Der  Jäger  schrie  herzzerreißend  über  das
Unheil,  das  er  ohne  seinen  Willen  angerichtet
hatte,  und  wollte  sich  ins  Wasser  stürzen.  Mein
Mann  hatte  genug  zu  tun,  ihn  davon  zurückzuhalten.
  Sehen  Sie,  das  war  mein  Weihnachten  vor
sechszehn  Jahren.  Der  Heilige  Abend  ist  für  mich
ein  Tag  des  Weinens,  ich  kann  dann  niemand  um
mich  sehen  und  gehe  dann  früh  zu  Bett  und  lese
etwas  von  dem  großen  Dulder,  der  noch  mehr  gelitten
  hat  als  wir.  In  der  Stunde  des  Weinens
und  der  Verzweiflung  wendet  man  sich  wieder  zu
ihm,  und  das  Vertrauen  auf  ihn  bringt  die  Seele
wieder  ins  Gleichgewicht.  Am  heiligen  Abend  weiß
man  erst,  wie  glücklich  man  einst  gewesen  ist.

Mein  Mann,“  säd  de  Dam  tauletzt,  „hatte  sich
mit  zunehmendem  Alter  das  Rauchen  abgewöhnt,
aber  an  jedem  heiligen  Abend,  der  ihm  noch  beschieden
  war,  ließ  er  sich  ein  Pfund  Tabak  aus  der
Stadt  mitbringen  und  stopfte  sich  die  Pfeife,  aus

versiegen  die

Unser  Dommerland.

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der  er  dann  einige  Züge  tat.  Den  übrigen  Tabak
verschenkte  er!  Also,  gute  Frau,  sehen  Sie  sich  immer
  erst  genau  die  Leute  an,  die  mehr  Geld  haben
und  nach  Ihrer  Meinung  besser  daran  sind  als
Sie,  dann  wird  es  Ihnen  leicht,  das  Geld  nicht
als  das  höchste  Gut  zu  achten!  —  Wie  golden
strahlt  die  Sonne  über  den  Wäldern,  auch  mir
scheint  noch  eine  andere  Sonne,  mein  Enkel.  Gott
gebe,  daß  er  von  seiner  schweren  Krankheit  genese;
es  scheint  ja  so!  Sehen  Sie  nur,  wie  schön  und
klar  und  verheißungsvoll  der  ferne  Horizont  ist!"

„Jal  Dor  mücht  ick  ok  mal  eins  henführen,  in
dei  Gegend  bün  ick  noch  nie  nich  west.  —  Gott
in'n  hogen  Himmel  —  de  Klock  is  meist  fif,  dor
kümmt  de  Inspekter  antauriden!"  säd  de  Fru  un
smet  ehren  Kram  up'n  Handwagen.  „Dörf  ick
minen  Wagen  dörch  den  Herrenweg  trecken?  Das
is  en  beten  neger  nah't  Vérwark,  un  ick  hewwt
bild!“

„Versteht  sich!“  antwurdt  de  Gräfin  un  langt  in
ehr  Tasch.  „Dal  Tun  Sie's  in  die  Sparbüchse  für
Ihre  Kinder!  Ich  geb's  Ihnen  zur  Belohnung
dafür,  daß  sie  eine  Mutter  haben,  die  schon  morgens
  früh  so  fleißig  ist!“  -

De  Fru  bedankt  sick  för  dat  Goldstück  un  drückt
sick  nah'n  Herrenweg  rin.  De  Gräfin  güng  en
Fautweg  entlang  dörch  dat  Kurn,  un  de  leiwe
Sünn  warmt  ehr  de  Glieder.  Up  desen  Weg  begegent
  ehr  de  Inspekter,  dei  den  Haut  treckt  un
von't  Pird  sprüng.

„Im  Vorwerk  wohnt  eine  fleißige  Frau,“  säd  sei
tau  em,  „sie  hat  schon  in  aller  Frühe  Kartoffeln
und  Klee  geholt!  Solche  Frauen  schätze  ich  sehr,
Sie  ja  auch.  Haben  Sie  ein  Auge  auf  sie,  daß
wir  sie  auf  dem  Gute  behalten!“

„Das  kann  nur  die  Güselsch  vom  Vorwerk  sein!“
antwurdt  de  Inspekter  nahdenklich.  „Sie  ist  erst
seit  Michaelis  hier!“"  Hei  dacht  en  Ogenblick  nah.
„Wo  ist  sie  denn?“  frög  hei.

„Ich  habe  ihr  Erlaubnis  gegeben,  durch  den
Herrenweg  nach  Hause  zu  gehen.  Lassen  Sie  es
an  nichts  fehlen  —  vorerst  habe  ich  ihr  eine  Kleinigkeit
  gegeben!  —  Aber  ich  muß  mich  beeilen!  Guten
  Morgen!“

De  Inspekter  red  nah't  Vörwark  hen  un  stürt
up  den  Katen  tau,  wo  Güsel  wahnt.  De  Fru  wull
grad  ehren  Handwagen  in'n  Stall  trecken.

„Dor  hewwen  wi  de  Bescherung  !“  rep  hei.
„Wo  vel  Geld  hett  de  gnädig  Fru  Sei  gewen?“

„Twintig  Mark!“  antwurdt  de  Fru  benaut.

„Un  dat  dorför,  dat  Sei  ehr  de  Tüffel  un  den
Klewer  stahlen  hewwen!  —  Wat  willen  Sei  mit  all
de  Tüffel?“

„Dei  verköp  ick  in  de  Stadt!“  hult  sei.

„Un  babenin  riten  Sei  noch  vör  mi  ut  —  dörch
den  Herrenweg!  Sei  fünd  jo  'ne  tweimal  Dörchgedreigte!
  Ick  will  de  gaud  Gräfin  ditmal  nicks
von  des'’  Nichtswürdigkeiten  vertellen,  dat  würd  ehr
vel  mihr  weih  daun  as  Sei,  äwer  passiert  dat  noch
mal,  denn  fleigen  Sei  von'n  Hof  un  direkt  in't  Lockl“