Der  Osten.)

Man  mag  den  Begriff  einer  niederdeutschen  Kultur
  im  engsten  oder  im  weitesten  Sinne  fassen,
an  der  einen  und  nun  doch  einmal  bestimmenden
Tatsache,  daß  sie  im  nord-nord-östlichen  Gebiet  zurückgeht,
  ist  nicht  zu  zweifeln.

Nun  wird  ja  freilich  richtig  sein,  daß  „Kultur“
und  das,  was  etwa  unter  niederdeutscher  Art  und
Sprache,  vielleicht  auch  niederdeutscher  Kunst  zusammenzufassen
  ist,  sich  nicht  so  recht  decken;  daß
das  eine  vornehmlich  Fortschritt,  das  andere  Bebarren
  zur  Voraussetzung  hat.  Immer  aber  bleibt
bestehen,  daß  den  Niederdeutschen  hier  Boden  verloren
  geht,  mag  gleich  der  Wille,  ihn  zu  halten,  an
manchen  Stellen  noch  so  warm  sein,  so  entschieden
wirken  wollen.

Es  ist  überhaupt  eine  merkwürdige  Sache:  das
Niederdeutsche  bedarf  der  Pflege,  wenn  es  sich  in
gesunder  Weise  erhalten,  entwickeln  soll.  Aber  die
bewußte  Pflege  der  Eigenart  hat  oft  einen  sonderbaren
  Charakter  zu  eigen.  Sie  läßt  Zeichen  des
Leidens  hervortreten,  die  sonst  entweder  nicht  da
sind  oder  doch  nicht  gesehen  werden.  Und  es  will
öfter  einmal  so  scheinen,  als  ob  die  Pflege  hier
umd  da  nicht  ganz  ohne  Schuld  sei  an  solchen
Schwächen.  Als  ob  die  stärkste  Kraft  unvereinbar
bleibe  mit  allem,  was  Teil  hat  an  solcher  Pflege,
Geist  und  Taten

Aber  das  ist  wohl,  um  mit  Fontane  zu  reden,
ein  „weites  Feld“,  ein  Feld,  zu  groß  und  unübersichtlich,
  als  daß  man  hoffen  könnte,  es  gründlich
charakteristeren  zu  können  in  einem  Rahmen,  wie  er
hier  nun  einmal  gegeben  ist.  Schwenken  wir  also
ab  zur  einfachen,  referierenden  Würdigung  allgemein
  gegebener  Tatsachen.

Es  ist  genügend  bekannt,  daß  zwischen  dem
Norden,  der  Mecklenburg  heißt,  und  dem  Nordosten
um  Danzig  und  Königsberg  herum  recht  viele  Unterschiede
  bestehen.  Ich  bin  auf  der  einen,  der
nérdlichen  Seite  des  Gebiets  zu  Hause,  auf  der  andern
  und  mitten  inne  zwischen  beiden  lange  genug
heimisch  gewesen,  um  dergleichen  Unterschiede  zu
kennen.  Der  Nordosten  ist,  wenn  man  es  in  ganz
knappem  Umriß  zeichnen  will,  viel  weniger  an  der

*)  Dieser  treffliche  Artikel  ist  dem  „Niederdeutschen
  Jahrbuch“  entnommen,  auf  das  wir  auch
hier  empfehlend  hinweisen  wollen.

Von  Otto  Weiltzien.

Pflege  niederdeutscher  Eigenart  beteiligt,  wie  der
andere  Teil  des  Ganzen;  er  hat  sich  in  der  bewußten
  Sprachpflege,  in  der  Betonung  seiner  Eigenart
auf  den  Wegen,  der  Literatur  und  Kunst  stets  sehr
viel  lässiger  gezeigt,  wie  die  Leute  im  Lande
Niklots  und  Pribislavs,  Sie  dagegen  haben  manches
  hinnehmen  müssen  von  den  kleinen  Nöten,  die
aus  Fehlern  erwachsen  mögen.  Und  sind  im  Grunde
doch  nicht  viel  weiter  gekommen.  Blieben  wie  die
andern  im  Nordosten  auch  dabei  stehen  oder  kamen
mehr  und  mehr  dahin,  daß  das  Land  stärker  wie
je  als  der  Träger  der  niederdeutschen  Sprache  in
ihrer  eigensten  Art,  in  der  Sonderkraft  ihrer  Anschauungen
  und  Begriffe  empfunden  wird  im  oft
freilich  noch  unbewußten  und  auch  wohl  noch  nicht
so  scharf  merkbaren  Gegensatz  zu  der  Siedelung  mit
städtischem  Charakter,  die  das  Stärkste  vom  Eigenen
eintauschte  gegen  —  Kulturwerte  anderer  Art.

Von  einer  preußischen  Kunst  (die  Eigenschaft  auf
Niederdeutsches  angewandt)  ist  mir  nichts  bekannt

reworden.  Man  müßte  denn  schon  Leutchen,  die
auf  der  Bühne  oder  sonst  im  Vortragssaal  „Keenigsbarg"“

  ganz  richtig  frei  und  treu  nach  dem  Original
  auszusprechen  vermögen  und  die  auch  noch
wirkliche  oder  vermeintliche  andere  Witze  hizufügen
können,  zur  Kunst  rechnen.  Aber  das  hat  wenig
Wert,  soll  denn  auch  hier  vermieden  werden.

Die  Literatur  derer  von  Reichmmann  und  Johannes
  kann  aus  ähnlichen  Gründen  gegenwärtig
noch  nicht  die  Stellung  angemessen  vertreten,  die
eine  wirkliche  Stammesliteratur  einnehmen  darf  und
festhalten  soll;  vorher  muß  schon  noch  der  Reuter
der  Frühzeit  weniger  mißverstanden,  der  der  „Tiden“
  besser  nachgeahmt  werden.

Pommern  hat  vor  allem  den  Willen  gezeigt,  die
niederdeutsche  Literatur  durch  eine  groß  angelegte
Sammelstätte  ihres  Schaffens  zu  fördern.  Die  Universittät
  Greifswald  dokumentierte  durch  den  Beginn
  dieser  Sammeltätigkeit,  daß  sie  sich  einer  Aufgabe
  bewußt  ist,  die  auf  den  hohen  und  den  anderen
  Schulen  in  niederdeutschen  Landen  sonst  —
ein  Fehler  zweifellos  von  uns  aus  gesehen!  —  zu
sehr  vernachlässigt  wird.  Es  ist  ja  selbstverständlich,
  daß  sich  unter  den  Tausenden  von  Nummern,
die  gesammelt  wurden,  weiter  gesammelt  werden
können,  viele  finden,  die  mit  der  Literatur  im  engeren
  Sinne  nur  oberflächliche  Beziehungen  unter-