Dat  söte  Länneken.

Der  gebildete  Deutsche  pflegt  gemeinhin  von
Hiddensee,  der  westlich  dem  nördlichen  Rügen  vor—
gelagerten,  schmalen,  von  Buchten  zerrissenen,  17
Kilometer  langen  Insel,  nicht  viel  mehr  zu  wissen,
als  daß  besonders  die  Schiffer,  die  dort  geboren,
in  der  Ferne,  voll  bitteren,  unbezwinglichen  Heimwehs
  an  „dat  söte  Länneken"  denken  umd  nichts
sehnlicher  wünschen,  als  dorthin  zurückzukehren  und
ihren  Lebensabend,  wenn  auch  noch  so  bescheiden,
in  der  trauten  Heimat  zu  beschließen.  Und  wem
der  gebildete  Deutsche,  von  dem  oben  die  Rede
war,  in  seinem  „Goethe“  wohlbeschlagen  ist,  so  erinnert
  er  sich  bei  dem  Namen  Hiddensee  an  die
Wendung  in  den  „Maximen  und  Reflexiowmen“:
„Liebes,  gewaschenes  Seelchen  ist  der  verliebteste
Ausdruck  auf  Hiddensee.“  Ein  seltsamer  Ausdruck,
über  dessen  Ursprung  man  unter  den  Goethe-Philologen
  viel  hin  und  her  gestritten  hat.  Arved  Jürggensohn
  hat  in  einem  Schriftchen  über  Hiddensee
(Stralsund,  Bremer  1913)  als  Quelle  das  „Plattdeutsche
  Wörterbuch"  des  Greifswalder  Professors
Joh.  Karl  Dähnert  (Stralsund  1781)  nachgewiesen,
in  dem  es  heißt:  „Witt“,  adj.  weiß  .  .  „witt
Tüg",  gewaschenes  Zeug  .  .,  „miin  lewet  wittet
Seelken“  ist  die  größte  Schmeichelei  der  Verliebten
auf  Hiddensee;  „wittet"  —  gewaschen  —  wird  hier
wohl  im  Sinne  von  „rein  unschuldig“  gemeint  sein.
Wer  freilich  heute  auf  Hiddensee  weilt,  wird  schwerlich
  die  Ausdrücke  „dat  söte  Länneken“  und  „wittet
Seelken“  noch  im  Schwange  finden.  Der  Reelismus
  der  Gegenwart  ist  solcher  Sentimentalität  feindlich
  gesinnt.

Der  in  der  neuesten  deutschen  Literaturgeschichte
Bewanderte  weiß,  daß  Gerhart  Hauptmann  oft  in
Hiddensee  Aufenthalt  nahm  und  hier  an  seiner
„Versunkenem  Glocke“  dichtete,  daf  die  Namen
„Schluck“  und  „Jau“  (eig.  Gau)  hier  landesüblich
sind,  daß  auch  „Gabriel  Schillings  Flucht“  hier
seinen  Schauplatz  hat.  Einen  tiefangelegten  Roman
läßt  Clara  v.  Sydow  auf  Hiddensee  sich  abspielem
(„Einsamseiten",  München,  Beck  1911),  ist  sie  doch
in  Altenkirchen  a.  Rg.  aufgewachsen,  wo  einst  L.
Kosegarten  der  Vorgänger  ihres  Vaters  war,  und
Kosegarten  (1758—1818)  wurde  nicht  müde,  die
Naturschönheit  Rügens  und  Hiddensees  zu  preisen;
ihm  folgten  Arndt,  Chamisso,  Wilhelm  Müller  u.
a.  m.  Daß  Maler  wie  Schönleber,  Leistikow,  Müller-Karuzwelly,
  Oskar  Kruse-Lietzenburg  und  zahl-Von

  Alfred  Biele-Frankfurt  a.  M

lose  andere  hier  Stoffe  und  Stimmung  für  ihre
Bilder  fanden,  ist  wohl  begreiflich.  Und  daß  hier
jetzt  manche  Feldgraue  von  ihren  Wunden  und
Strapazen  Erholung  suchen,  ist  wohl  berechtigt.
Wie  schön  unser  deutsches  Land  ist,  das  werden
gerade  sie  jetzt  würdigen,  doch  auch  uns  allen  anderen
  ist  es  aufs  neue  geschenkt  und  doppelt  teuer  geworden,
  seitdem  es  in  so  grimme  Gefahr  gestürzt
wurde.

Die  norddeutsche  Inselwelt  der  Ostsee  hat  ihre
ganz  besonderen  Reize.  Diese  ist  nicht  oft  so  wild
wie  die  Nordsee;  der  liebliche  Charakter  wiegt  vor,
doch  auch  sie  kann  toben  und  ein  kraufes  Gesicht
anmehmen;  wer  vierzehn  Tage  an  ihrer  Küste  weilt,
erlebt  zumeist  den  ganzen  Wechsel  von  Sonnenschein
  und  Regen,  von  Stille  und  Sturm,  zumal
auf  einer  Insel,  wo  der  Wind  fast  regelmäßig  entweder
  von  Ost  oder  West  pfeift.  Hiddensee  zeichmet
sich  vor  anderen,  zumal  von  den  Nordseeinseln,
durch  seine  waldige  und  hohe  Küste  im  Nordwesten
aus.  Unendlich  verschlungene  schmale  Pfade  führen
da  durch  den  sogenannten  „Dornbusch“,  d.  h.  einen
Waldbestand,  der  aus  hohen  Stranddronbüschen,  die
zum  Teil  umdurchdringlich  sind,  und  Kiefern,  Birken,
  Ginster  und  Heckenrosen  und  Flieder  gar  anmutig
  gemischt  ist.  Da  wandert  man  in  lauschigen
Tannengängen,  und  plötzlich  öffnet  sich  der  Blick
auf  das  Meer  —  und  wie  wechselnd  ist  dessen  Beleuchtung,
  wie  phantastisch  gestaltet  sind  die  Wolken!
  —  und  unablässig  ist  der  Wanderer  auch  im
tiefen  Walde  von  dem  Rauschen  der  Wogen  umd
von  der  Musik  des  Windes  umtbnt.  Ganz  besonders
  lauschig  liegt  inmitten  des  Kiefernwaldes  ein
Waldhotel  „Zum  Klausner“;  nicht  weit  davon  erhebt
  sich  ein  Leuchtturm,  der  natürlich  in  Kriegszeit
  außer  Betrieb  gesetzt  ist.  Von  dort  überschaut
man  das  ganze  Ländchen  mit  seinen  Einschnitten;
drüben  von  Rügen  grüßt  bei  klarer  Luft  uns  der
Arndt-Turm  auf  dem  Rugard,  und  gleitet  das
Auge  südlich,  der  Kirchturm  von  Schaprode,  und
alles  beherrschen  in  der  Umschau  die  stolzen  Türme
von  St.  Marien  und  St.  Nikolai  in  Stralsund.
Ist  es  recht  sichtige  Luft,  kann  man  auch  das  kreidige
  Felseneiland  Möen  aufragen  sehen.

Der  Name  Hiddensee,  wie  Goethe  und  viele  andere

  schreiben,  ist  durchaus  nicht  so  sicher,  wie
Jürgensohn  meint.  Vielmehr  scheint  er  auf  falscher
Volksetymologie  zu  beruhen.  Saxo  Grammaticus