Volkshumor  und  Volksweisheit.

Jugend!  Heimat!

Im  Sommer  durchstreiften  wir  Brüder  unter
des  Vaters  Führung  Fluren  und  Wälder,  Moore
und  Hügel,  suchten  Steine  und  Pflanzen,  Käfer,
Schmetterlinge  und  Wespen,  lagen  am  sonnigen
Feldrain  oder  Waldessaum  und  sahen  die  lichten
Wölkchen  am  blauen  Himmel  droben  werden  und
vergehen;  oder  wir  fuhren  in  unsicherem  Kahn  über
die  stillen,  klaren  Seee  Hinterpommerns  und  verträumnten
  Stunden  im  flüsternden  Schilf  —  überall
umtönt  von  den  Stimmen  der  Natur.  An  den  langen
  Winterabenden  aber,  wenn  die  Winde  das
Haus  umtobten  und  Schnee  und  Eisnadeln  prasselnd
  an  die  Fensterladen  warfen,  da  drängten  wir
uns  gern  um  den  warmen  Ofen,  starrten  aus  dem
Dunkel  des  Zimmers  in  seine  hellen  Gluten  und
lauschten  dem,  was  der  Mutter  Mund  uns  sang
und  sagte.  Selige  Jugendzeit!  —  —

Jugenderinnerungen  sind  zum  guten  Teile  auch
die  folgenden  Aufsätze.

CTierstimmen.

Wenn  der  Frühling  kommt  und  die  liebe  Sonne
mit  ihren  warmen  Strahlen  die  Erde  zu  neuem
Leben  erweckt,  da  wird's  draußen  in  Wald  und
Feld  lebendig.  Fliegen  und  Mücken  erfüllen  mit
leisem  Summen  die  linden  Lüfte,  in  schwerfälligem
  Fluge  zieht  der  „Busbunk“,  der  Mistkefer,
brunmend  seine  Bahn,  und  da  steckt  gar  schon  ein
Frosch  seinen  dicken  Kopf  mit  den  verwunderten
Augen  aus  der  kalten  Flut  hervor  und  stimmt  mit
gurgelndem  Ton  sein  Frühlingslied  an.  Und  einer
nach  dem  andern  arbeitet  sich  aus  dem  tiefen
Schlamm  hervor  und  fällt  mit  ein.  Allmählich
werden  ihre  Stimmen  heller  und  heller;  wie  hundert
  Orgeln  braust  hinan  zum  Himmel  der  Choral.
Plötzlich  verstummt  der  Gesang  und  macht  einer
allgemeinen  Unterhaltung  Platz.  Zwei  Froschweibchen
  haben  ein  eifriges  Wirtschaftsgespräch:

„Varrersch,  Varrersch,  wenne  backst,  wenne  backst?“

„Moargen,  moargen.“

„Back  ick  uck,  back  ick  nck.“

Von  Drof.  Dr.  A.  BSrunk.

Eine  andere  richtet  den  Blick  besorgt  zum  Himmel
empor:

„Vaddersch,  morgen  wi'  wi  waschen,  waschen!“
und  erhält  die  verständnisinnige  Antwart:

„Ick  ick  ick  uck!“

Die  Männer  dagegen  können  auch  im  Froschvolke
  die  politischen  und  religiösen  Srreitigkeiten
nicht  lassen.  Die  einen  loben  den  „Lutherr,  Lutberrr",
  die  andern  den  „Paapst,  Paapst“,  die  dritten
  ihren  „Rrabbi,  Nrabbil“

Einige  ahnungsvolle  Gemüter  gquacken:

„Nawersch,  Nawersch,  hefft  ji  den  Mann  mit  de

roden  Beinen  nich  scihn?“
Andere  erwidern  sorglos:
„Wat  weit  ick  ick  ick!“
Aber  wenn  man  den  Teufel  an  die  Wand  malt,
dann  kommt  er,  wenn  auch  nicht  immer  in  derselben
  Gestalt.  Würdevoll  spaziert  am  Rande  des
Teiches  ein  Schwarzrock  einher  und  lockt  so  schmeichelnd:

„Kumm  rut,  kumm  rutl!“
Doch  der  Frosch  traut  ihm  nicht:
„Du  krrallst  mi,  du  krrallst  mil!“
Als  aber  der  Schwarze  wiederholt  versichert:
„Fürwohr  nich,  fürwohr  nich!“
Da  kriecht  er  heraus.  Doch  sofort  hat  ihn  der  Rabe
gepackt  und  verschlungen  und  frohlockt  der  zarten
Speise:

„Rindfleisch  is  täg,  Rindfleisch  is  täg!"  1)
Die  andern  fliehen  eilends  und  verbergen  ihr  Haupt
trauernd  unten  im  Schlamm.  Um  den  Verunglückten
  weinen  eine  liebende  Braut  und  eine  alte  Mutter.
  Während  aber  jene  auf  ihre  Klage

„Nu  krieg  ick  keinen  Mann!“
nur  die  höhnische  Antwort  erhält:
„Dat  is  di  gaud,  dat  is  die  gaud!“

1)  Auch  der  Storch  lockt  den  Frosch:  „Kumm
wat  häer!“  Der  fühlt  sich  aber  im  Wasser  sicherer
und  antworket:  „Nee,  du  knickst  mi!“  Aehnliches
erzählt  man  sich  von  der  Eule  und  der  Maus.  Die
Eule  steht  vor  dem  Mauseloch  und  spricht  zutraulich
  zur  Maus:  „Kumm  arute,  kumm  arute,  ick  dau
di  nist!“  Die  Maus  riecht  aber  den  Braten  und
antwortet:  „Ick  tru  di  nich,  ick  tru  di  nich;  du
büst  e  Schalk.“"