Hest'n  schlichten  Wirt,  so  drif

Wid  weg,  wid  weg  weg  weg  weg!“
Als  wenn  der  Gesang  der  Lerche  ihn  angestecht
hätte,  so  singt  und  flötet  der  Junge  beim  Weiter—
treiben  mit  ihr  um  die  Wette,  bis  er  den  Waldessaum
  erreicht  und  sich  an  einem  sonnigen,  über—
windigen  Plätzchen  ins  warme  Gras  streckt.  Sein
Hund  legt  sich  neben  ihn  und  blinzelt  nach  den

19)  Er  soll  auch  rufen:

„Lat't  schieten,  lat't  schieten.

Lat  de  Mücken  frieken,  wenn  s'  di  ok  pieken.

Ick  hal  s'.  Hu  jupp,  hu  jupp!“

In  alten  Zeiten  waren  die  Rohrdommel  und
der  Ossupup  (Wiedehopf)  Hirten.  Die  Rohrdommel
h'tete  die  Ochsen  auf  fetter  Weide.  Davon  wurden
diese  so  wild,  daß  sie  wegliefen.  Die  Rohrdommel

Unser  Dommerland  —

L

Kühen,  ob  sie  auch  verbotene  Wege  wandeln.  Nicht
weit  von  ihm  läuft  der  sonst  so  scheue  Wiedehopf
zwischen  der  Herde  und  ruft  unler  den  drolligsten
Verbeugungen:

„Ich  bin  der  schöne  Wiedehopf,

Trag  eine  Krone  auf  dem  Kopf,

Und  doch  sagen  die  Leute,  ich  stink.“  19)

(Fortsetzung  folgt.)

lief  ihnen  nach  und  rief  immer:  „Prr,  Bunt
(Schecke).!  Prr,  Bunt!"“  Darum  ruft  sie  auch  jetzt
noch  so.  Der  Ossupup  weidete  seine  Ochsen  auf
Sandboden.  Daher  magerten  sie  so  ab,  daß  die
Beine  sie  nicht  mehr  tragen  konnten.  Wenn  sie
nun  aus  Mattigkeit  hinlegten,  rief  er  immer:  „Oß,
up  up!“  Und  so  ruft  er  bis  heute.

—

Sal,  nicht  fahl.

Eine  Berichtigung.

Jeder,  der  sich  mit  der  Sprache  des  Volkes  beschäftiat,
  weiß,  daß  sie  eine  Menge  alter  Wörter
und  Redewendungen  erhalten  hat,  die  entweder  in
die  Schriftsprache  garnicht  Aufnahme  gefunden  haben
  oder  schon  lange  außer  Gebrauch  gekommen
sind.  Zu  diesen  gehört  auch  ein  Wort,  das  ich  in
dem  kleinen  Aufsatz  „Aus  einem  stillen  Winkel“  in
No.  4-5  angeführt  habe,  das  aber  nicht  nur  in  unserm
  Pommerland,  sondern  auch  in  der  „Täglichen

Rundschau“,  der  unsere  Zeitschrift  jenen  Aufsatz
entnommen  hat,  durch  den  Setzer  entstellt
ist.  Dort  erzählte  ich  von  dem  Aufenthalt  der  Kömigin

  Luise  in  meiner  Heimatstadt:  „Da  hatte  die
Königin  den  Wagen  halten  lassen  und  hatte  den
kleinen  Prinzen  einer  Kammerfrau  abgenommen
und  emporgehoben  und  der  tief  ergriffenen  Menge
gezeigt.  Dabei  hatte  sie  so  „sal“  (d.  h.  gelblich  und
welk)  ausgesehen,  daß  jedermann  ahnte,  sie  werde
es  nicht  mehr  lange  machen.“

Dieses  sol“  ist  ein  uraltes  Wort,  das  schon  im
Althochdeutschen,  der  Sprache  des  8—12.  Jahrhunderts,
  begegnet.  Es  bedeutet  matt,  verschossen,
fahl.  Mit  letzterem  Wort  kommt  es  auch  wiederhol?
  durch  den  Reim  verbunden  im  Mittelhochdeutschen
  vor:

die  ougen  erbleichent  (im  Tode),

der  munt  unt  din  nase  val,

die  füeze  unt  die  hende  sal.
Im  Neuhochdeutschen  ist  es  verschwunden;  es  isi
aßer  aus  dem  Deutschen  in  die  romanischen  Sprachen
  übernommen  imd  liegt  dem  Italienischen  „salavo“
  sowie  dem  jetzt  von  den  Franzosen  so  oft  gebrauchten
  Schimpfwort  „sale“  =  Schmutzsink  zu
grunde.

Von  Prof.  Dr.  Brunk

Aehnlich  sagt  die  Volkssprache  von  alten  oder
auch  kränklichen  Leuten,  deren  Kräfteverfall  sich
äußerlich  bemerkbar  macht,  sie  seten  „spack“  Spack
hei  zt  eigentukch  dürr,  trocken:  Holzeimer,  die  vor
Trockenheit  in  allen  Fugen  klaffen,  Wagen,  die  vor
Trockenheit  klapprig  werden,  sind  „spack“,  Im  bildlichen
  Sinne  hat  dieses  mundarlliche  Wort  unser  bed
  hmter  Landsmann  Johann  Gustav  Droysen  (er
stammt  aus  Treptow  a.  d.  R.)  in  seiner  meeisterhaften
  Uebersetzung  der  Komödien  des  Aristophanes
berwandt:

Denn  du,  du  bist  schon  spack  und  spahn,
ein  alter  Stümper,  der  nicht  mehr  kanm.

Wenn  schon  unsere  hochdeutsche  Sprache  die
meisten  Fremdsprachen  an  Reichtum  des  Wortschatzes
  und  Bildsamkeit  in  der  Zusammensetzung
und  Wortfügung  übertrifft,  so  gilt  das  in  noch
viel  höherem  Grade  von  der  Sprache  des  Volkes,
den  Mundarten.  Zwar  fehlen  ihnen  viele  allgemeine
Begriffe;  dafür  stehen  ihnen  aber  für  die  feinsten

Abstufungen  und  Abtönungen  des  Sinnes  Ausdrücke
  zur  Verfügung,  und  wo  sie  ihr  fehlen,  da
haben  sie  noch  immer  die  Föhigkeit,  die  dem  zur

Schriftsprache  erstarrten  Hochdeutschen  fast  ganz  verloren
  gegangen  ist,  sie  schöpferisch  selbst  zu  bi  den.
Darum  sollte  man  gerade  jetzt  bei  dem  löblichen
Streben,  die  deutsche  Sprache  von  den  Fremdwörtern
  zu  säubern,  dort,  wo  entsprechende  hochdeutsche
  Ausdrücke  nicht  vorhanden  sind,  nach
Luthers  alter  Anweisung  „die  Mutter  im  Hause,
die  Kinder  auf  der  Gassen,  den  gemeinen  Mann
auf  dem  Markte  drumb  fragen  und  denselbigen  auf
das  Maul  sehen,  wie  sie  reden,  und  darnach  dolmetschen.“

