Die  Ciebelole.

Erzählung  aus  der  pommerschen  Oerzogszeit  von  Ollo  Drosß.

(Fortsetzung.)

Als  der  junge  Ritter  kaum  einige  Schritte  auf
der  trügerischen  Fläche  getan  hatte,  begann  sein
Fuß  bereits  einzusinken  und  unwillkürlich  beschleunigte
  er  seine  Schritte,  um  wieder  auf  festen  Bodem
  zu  gelangen;  aber  während  er  sich  der  Mitte
näherte,  geriet  er  nur  tiefer  in  den  breiigen  Sand.
Schon  stand  er  bis  über  die  Kniee  im  tückischen
Grunde,  da  nahm  er  alle  seine  Kräfte  zusammen,
um  der  unheimlichen  Fesseln  ledig  zu  werden.  Aber
gleich  als  wären  seine  Füße  mit  Steinen  beschwert,
  hafteten  sie  in  dem  saugenden  Sande,  und
sobald  er  den  einen  Fuß  hob,  sank  der  andere  nur
noch  tiefer  ein.  Er  vermochte  sich  nicht  mehr  frei
zu  machen.  Da  gab  er  die  Hoffnung,  dem  in  so
gräßlicher  Gestalt  sich  erneut  nahenden  Tode  zu
entrinnen,  auf  und  rief  in  tiefem  Seelenschmerze  aus:
„O  du  gnadenreiche  Jungfrau  Maria,  die  du  als
boldes  Bildnis  meinen  guten  Schild  schmückst  und
der  ich  bisher  in  Treuen  diente,  warum  ließest  du
mich,  anstatt  daß  ich  hier  jämmerlich  und  unrühmlich
  verderbe,  nicht  schon  vordem  daheim  in  ehrlichem
  Kampfe  fallen?  Meine  Sippe  hätte  meines
Andenkens  als  eines  tapferen  Kämpen  in  ehrender
Minne  gewartet,  nun  aber  muß  ich  hier,  ohne
Kunde  meines  Unterganges  zu  hinterlassen,  elendiglich
  ersterben  gleich  dem  Edelhirsch  des  Waldes,  der
vor  der  treibenden  Meute  der  Hunde  auf  das
schwankende  Moor  flüchtet  und  dem  unter  trügerischer
  Decke  lauernden  Tode  in  den  gierigen  Rachen
  sinkt!““  Und  dann  gedachte  er  der  vermeintlichen
  Verräterin,  doch  nur  in  tiefem,  klagendem
Schmerze;  kein  häßliches  Gefühl  bösen  Zornes,
keine  Regung  unchristlichen  Hasses  übermannte  sein
Herz  im  Angesichte  des  Todes.  Aber  über  die  unselige
  Gegend  ringsumher  sprach  er  eine  schwere
Verwünschung:  „Fluch  dir,  du  tückische  Stätte!“
rief  er  zornvoll  aus.  „Liebe  hoffte  ich  hier  zu  finden
  vertrauensvollen  Herzens,  aber  liebelos,  wie  in
der  Wenden  Mundart  schon  dein  Name  klingt,  erwürgst
  du  ohne  Erbarmen  voll  Tücke  mein  jungfrisches
  Leben.  „Liebelose“  müßte  fortan  dein  Name
sein!“  Dann,  bereits  bis  an  die  Hüften  im  gurgelnden
  Sande  versunken,  befahl  er  Gott  und  allen
Heiligen  seine  Seele  und  erwartete  voll  Ergebung
den  Tod.  —

Inzwischen  war  es  in  Herrn  Sambors  Burg
gleichfalls  zu  Streit  und  Kampf  gekommen,  wenn

es  dabei  auch  nicht  blutig
Waldrevier  am  Lindenbach.

Slavina  befand  sich  gerade  in  der  Vorhalle  der
Burg,  als  schweißbedeckt  und  heftig  atmend  der  ihr
wohlbekannte  Tempeldiener  Metelka  erschien  und
Herrn  Sambor  zu  sprechen  wünschte.  Der  Mann
stutzte  sichtlich,  als  er  der  jungen  Herrin  ansichtig
wurde,  und  scheu  wich  sein  Auge  dem  ihrigen  aus,
während  sie  ihm  bedeutete,  daß  er  den  Vater  im
Saale  finden  werde.  Slavina  dachte  über  das
eigenartige  Benehmen  des  Mannes,  der  irgend  eine
eilige  Botschaft  zu  bringen  schien,  nicht  weiter  nach,
weilten  doch  ihre  Gedanken  bei  dem  Geliebten,  zu
dessen  Empfang  sie  in  wenigen  Augenblicken  aufzubrechen
  gedachte.  Nur  wollte  sie  noch  vorher  Bogen
und  Pfeile,  die  sie  auf  ihren  Ausgängen  stets  bei
sich  führte,  aus  ihrer  Kammer  herabholen.  So  stieg
sie  denn  die  breite  Holzstiege  zu  ihren  Gemächern
empor,  nahm  Waffe  und  Köcher  an  sich  und  war
gerade  im  Begriff,  das  Zimmer  zu  verlassen,  als
der  Vater  bei  ihr  eintrat  und  berichtete,  daß  nach
soeben  eingetroffener  Meldung  in  kurzer  Frist  Herr
Jakzo  zu  Besuch  erscheinen  werde.  Slavina  dürfe
die  Burg  nicht  verlassen,  da  sie  dem  Gaste  den  Begrüßungstrank
  zu  reichen  habe.  Auch  müsse  sie  der
Mägde  achthaben,  damit  sie  Speise  und  Trank  nach
Gebühr  herrichteten.

Da  Herrn  Sambors  einzige  Gattin  bereits  gestorben
  war,  lag  es  der  Tochter  ob,  die  Pflichten
der  Hausfrau  zu  erfüllen.  Nun  aber  war  der  rohe
und  trunksüchtige  Jakzo  der  jungen  Maid  in  der
Seele  zuwider.  Sie  wußte,  daß  er  um  sie  warb
und  befürchtete,  daß  der  Vater  ihm  ihre  Hand  bereits
  zugesagt  habe.  So  erwiderte  sie  diesem  denn,
während  sich  ihre  Wangen  in  edlem  Eifer  röteten:

„Ich  begehre  keinen  Trunkenbold  zum  Gemahl
und  will  auch  nicht  dessen  Liebe  mit  niederen
Weibsbildern  teilen,  wie  Herr  Jakzo  deren  schon
mehrere  in  seinem  Hause  hält.  Ich  allein  will,  wie
es  meine  Mutter  war,  Herrin  sein  über  Haus  und
Herd,  ich  allein  meines  Eheherrn  genießen.  Oft
schon  habe  ich  mich,  sobald  der  unerwünschte  Freier
mit  Knecht=  und  Hundetroß  lärmend  in  die  Burg
einrilt,  heimlich  in  den  Wald  flüchten  müssen,  um
nicht  früher  heimzukehren,  als  bis  ich  den  Hörnerschall
  des  wieder  abziehenden  Schwarmes  vernahm.
Selbst  bei  harter  Winterkälte  mußte  ich  mich  in  irgend
  einer  wärmenden  Hütte  vor  den  rohen  Scherzen
  des  Edlen  bergen.  Auch  heute  treibt  er  mich

zuging  wie  im  grünen