wieder  aus  dem  Hause,  denn  bewillkommnen  werde
ich  ihn  nicht.“

Doch  nun  wallte  Herr  Sambor  in  so  furchtbarem
  Zorne  auf,  wie  Slavina  es  noch  nie  an  ihm
erlebt  hatte,  und  befahl  ihr  aufs  strengste,  daheimzubleiben
  und  ihr  Gemach  nicht  zu  verlassen.  Als
er  sich  entfernte,  vernahm  Slavina,  wie  er  den  Riemen
  der  Türrlinke  durchschnitt  und  herauszog.  So
vermochte  sie  die  Tür  von  innen  nicht  zu  bffnen.
Da  hämmerte  sie  in  ohnmächtigem  Zorne  mit  den
Fäusten  gegen  die  Bretter.  Als  sie  das  Unnütze
und  Kindische  ihres  Tuns  einsah,  warf  sie  sich  voll
grimmigen  Trotzes  auf  ihre  Lagerstätte.  Da  schwur
sie  bei  sich,  trotz  alledem  sofort  heimlich  das  Kaus
zu  verlassen,  sobald  ste  dem  verhaßten  Gaste  den
Willkomm  geboten  haben  würde.  Vielleicht,  daß  sie
den  Geliebten  dann  noch  antraf  oder  ihm  wenigstens
  einen  Gruß  auf  die  See  nachzusenden  vermochte.


So  hatte  Slavina  wohl  eine  halbe  Stunde  in
dumpfem  Trotze  und  in  widerwilliger  Erwurtung
des  Besuchers  geharrt.  Da  erhob  sie  sich  und  trat
an  das  Fenster,  um  nach  jenem  auszuschauen.  Sie
vermochte  von  ihrer  Kammer  aus  den  ganzen  See
zusamt  dem  Wege,  der  um  ihn  herumlief,  mit  dem
Blick  zu  umspannen,  aber  bis  oben  auf  die  ostwärts
  gelegenen  Berge  hinauf,  soweit  sie  den  Fahrdamm
  mit  dem  Auge  verfolgte,  war  keine  Spur  des
Nahenden  zu  bemerken,  verlassen  und  still  lag  die
Straze  da.  Dies  befremdete  Slavina,  hatte  der
Vater  doch  erklärt,  der  Gast  würde  alsbald  erscheinen.
  Da  fiel  ihr  Blick  zur  Seite  auf  den  Hof,  und
dort  sah  sie  die  Hausmägde  ruhlich  mit  den  Knechten
  plaudern,  gerade,  als  ob  kein  Besuch  erwartet
w'rde,  als  ob  nichts  herzurichten  sei.  Dies  war
ihr  unerklärlich.  Und  nun  fiel  es  ihr  plötzlich  bei,
daß  sie  den  Priesterknecht,  denn  dieser  kam  doch  nur
als  Bote  in  Betracht,  noch  vor  wenigen  Stunden
am  Strande  bemerkt  hatte,  als  ste  von  der  Mövenjagd
  heimwärts  kam.  In  dieser  kurzen  Zeit  konnte
er  nicht  den  meilenweiten  Weg  zum  Sitze  Herrn
Jakzos  und  von  dort  zurück  gemacht  haben,  so
wahrscheinlich  es  auch  sonst  gewesen  wäre,  daß  dieser
  seine  Anwesenheit  im  Dorfe  benutzt  hätte,  um
ihm  die  Botschaft  anzuvertrauen.  Daß  aber  Jakzo
diese  durch  einen  seiner  Knechte  an  den  Oberpriester
hätte  ergehen  lassen,  damit  sie  dieser  wiederum  dem
Vater  übermittele,  hielt  sie  für  ausgeschlossen.  Und
nun  stieg  plötzlich  ein  furchtbarer  Verdacht  in  ihrem
Innern  auf,  und  im  Augenukblick  hatte  sie  alles
durchschaut.  Auf  irgend  eine  Weise  mußte  ihr  Geheimnis
  entdeckt  worden  sein.  Der  Priesterknecht
war  als  Späher  an  den  Strand  entsandt,  um  des
Ritters  Erscheinen  zu  melden,  und  man  wollte  nun
gegen  diesen  einen  Anschlag  ausfähren.

Da  hielt  es  Slavina  nicht  länger  in  ihrem  Gemach.
  Sie  zerriß  die  Leinewand  ihres  Bettes,
knüpfte  die  Streifen  aneinander,  drehte  sie  zu  einem
Seile  zusammen  und  befestigte  dies  am  Fenster.
Dann  raffte  sie  Bogen  und  Köcher  auf  und  ließ  sich

Anser  Pommerland

167

in  den  Garten  hinab.  Hier  schlepfte  sie  durch  die
tleine  Pforte  des  inneren  Palisadenzaunes,  setzte
auf  ihrem  Kahne  über  den  Wallgraven  und  eilte
sodann  voll  banger  Ahnung  und  in  angstvoller  Hast
an  die  Stätte  ihres  jungen  Liebesglüds.  Hier
fand  sie  bald  die  beiden  erschlagenen  Knechte  und
eilte  nun  schon  froherer  Hoffnung  zum  Strande
hinab.  Dort  aber  sah  sie  das  Boot  in  der  dem
Heim  des  Gelieoten  entgegengesetzten  Richtung  davonsegeln
  und  erkannte  zu  ihrer  großten  Beunruhigung,
  daß  es  leer  dahintrieb.  Nun  überflog  sie
mit  angstlich  spähenden  Blicken  den  Strand.  Da,
das  Blut  drohte  ihr  in  den  Adern  zu  stocken,  erblikkte
  sie  an  der  gefährlichen  Uferstelle  den  Geliebten,
  wie  er  bereits  bis  zu  den  Hoften  im  trügereischen
  Sande  versunken  war.  Wohl  mochte  die
Entfernung  zwischen  beiden  drei=  bis  vierhundert
Klafter  betragen,  aber  in  Windeseile  war  sie  von
ihr  durchmessen,  kaum  schienen  ihre  flüchtigen  Füße
den  Grund  zu  berahren.

Kunrad  bemerkte  nicht  das  Nahen  der  Geliebten,
er  sah  überhaupt  nichts  mehr  von  der  irdischen
Welt  und  wollte  auch  nichis  mehr  sehen.  Er  hielt
die  Lider  geschlossen  und  nur  sein  inneres  Auge
schwetfte  weithin  in  die  Ferne,  in  vergangene,
schöne  Zeiten.  Er  sah  sich  als  fröhlichen  Knaben  am
Ufer  des  Rheins,  wie  er  mit  Pfeil  und  Bogen  die
Eichenwälder,  die  des  Baters  Burg  umkränzten,
durchstreifte,  das  flinke  Reh  zu  erjagen  oder  den
listigen  Fuchs  und  Marder  zu  beschleichen.  Er  sah
sich  mit  seinen  Genossen  auf  der  Schulbank  des
Klosters  zu  St.  Gallen,  wie  sie  unter  Leitung  des
gelehrten  Paters-Scholiarchus  die  wunderbaren  Mären
  des  Ovidius  umd  die  Abenteuer  des  Troerhelden
  Aenäas  lasen.  Damals  hatte  ihn  die  erste
Sehnsucht  nach  der  Fremde  gepackt,  der  er  sich  seitdem
  nicht  mehr  zu  erwehren  vermochte  und  der  er
nun  hier  zum  Opfer  fiel.  Und  seiner  lieben,  treu
sorgenden  Mutter  gedachte  er,  und  seines  hochgemuten
  Vaters,  die  nun  schon  beide  im  Grabe  ruhten.
  Auch  die  alte,  liebe,  einsame  Burg  erschien
ihm,  auf  der  jetzt  sein  älterer  Bruder  waltete,  umgeben
  von  liebender  Gattin  und  lieblich  erblühenden
  Kindern.  Und  dies  letzte  Bild,  das  gleich  den
andern  pfeilschnell  an  seinem  Geiste  vorberglitt,
tröstete  ihn.  Das  edle  Geschlecht  der  Wendhausen
wärde  nicht  zu  Grunde  gehen,  wenn  er  selbst  auch
hier  oben  im  Barbarenlande  ein  klägliches  Ende
nahm.

Kunrad  hielt  noch  immer  die  Augen  geschlossen;
eintönig  und  einschläfernd  rauschte  in  regelmäßigem
Zeitabstande  die  Woge  auf  den  Sand,  und  fast
wollte  es  den  Tobdbereiten  bedünken,  als  sei  es
auch  hier  in  der  hehren  Einsamkeit  der  Natur  kein
schlechtes  Sterben.  Da  vernahm  er  plötzlich  Geräusch
  nahender  Füße,  wandte  seinen  Blick  und  —
gewahrte  die  Geliebte,  wie  sie  mit  hochgeröteten
Wangen  und  fliegendem  Gewande  in  MWindeseile
gleich  der  gehetzten  Hindin  herbeistürmte.  Noch
hörte  er,  wie  sie  ihm  einige  ermutigende  Worte  zu-