die  Tochter  eines  Meuchelmörders  als  Eheweib  verschmähtest.“


Da  blickte  Kunrad  seinem  Lieb  treuinnig  ins
Auge  und  verschloß  ihren  Mund,  der  so  traurig
bittere  Worte  sprach,  mit  herzlichen  Küssen.  Dann
aber  erwiderte  er:  „Ich  stimme  dir  in  allem  zu,
vieledles  Lieb.  Auch  ich  möchte  dich  nicht  mehr
hier  wissen,  seitdem  ich  den  harten  und  mitleidlosen
  Sinn  deines  Vaters  kenne.  Wie  mir  durch
den  Aufenthalt  in  der  Bischofsstadt  bekannt,  wird
die  Ehe  bei  Euch  kurzerhand  gestiftet,  des  Vaters
Wille  genügt  und  der  Bund  ist  alsbald  geschlossen.
Da  möchte  dein  Vater  mir  doch  einen  bösen  Streich
mit  dir  spielen,  sobald  er  vernimmt,  daß  ich  noch
auf  Erden  wandele.“

Schelmisch  lächelnd  streichelte  Kunrad  bei  diesen
Worten  die  Wange  der  Geliebten,  aber  diese  richtete
  sich  hoch  empor  und  sprach,  indem  sie  wie
kampfbereit  den  Arm  erhob:  „Die  Schmach  sollte
er  mir  anzutun  wagen!  Wahrlich,  es  gäbe  ein
Unglück!“

Bewundernd  ruhten  die  Blicke  des  Ritters  auf
dem  mutigen  Mädchen  während  er  von  neuem  begann:
  „Du  sprachst  soeben  die  so  sicher  klingenden
Worte:  „Bis  ich  dein  Ehegemahl  werde.“  Befürchtest
  du  denn  nicht,  daß  dein  Vater,  sobald  er  das
Mizlingen  seines  Anschlages  erfährt,  in  seinem
Zorne  und  dem  Gefühl  unbefriedigter  Rache  unsere
Vereinigung  mit  allen  Mitteln  verhindern  wird?
Ob  er  nicht  gar,  wenn  alle  anderen  Mittel,  dich
wiederzuerhalten,  versagen,  das  Volk  gegen  uns
aufreizen  wird,  so  dat  wir  zuletzt  dennoch  seiner
Rache  zum  Opfer  fallen?  Denn  daß  er  unter  den
jetzigen  Verhältnissen,  die  er  ja  alsbald  erfahren
muß,  dem  Wunsche  des  Fürsten  sich  willfährig  erzeigt,
  glaube  ich  nimmermehr."“

Slavina  aber  antwortete  dem  Geliebten:  „Ich
glaube  vielmehr,  daß  gerade  das  Fehlschlagen  seines
  Planes  uns  von  Nutzen  ist.  Wie  ich  nänlich
die  Gesinnung  meines  Vaters  kenne,  würde  er  es
als  eine  außerordentliche  Schmach  empfinden,  wenn
die  Untat  ruchbar  wärde.  Mein  BVater  ist  wohl
hart  und  jähzornig,  aber  Meuchelmord  hat  er  bisber
  stets  verdammt,  aus  welchem  Grunde  ich  zu
meinem  Troste  auch  annehme,  daß  er  zu  der  Freveltat
  überredet  ist.  Sobald  ihm  daher  gedroht  wird,
das  geplante  Verbrechen  kund  zu  machen,  wird  er,
wie  ich  mit  Sicherheit  annehme,  seinen  Widerstand
aufgeben.  Seine  Ehre  vor  dem  Volke  und  dem
Fürsten  zu  wahren,  ist  sein  vornehmlichstes  Streben.“


„Nein,  mein  Lieb,“  fiel  hier  der  Ritter  der  Geliebten
  ins  Wort,  „das  verhüte  der  Himmel.  Durch
eine  niedrige  Tat,  eine  Drohung,  würde  ich  ihn
nimmer  zu  zwingen  suchen,  uns  zu  willfahren.
Doch  sei  deshalb  nicht  ungetrost,  es  wird  sich  wohl
noch  ein  gerader  Weg  finden,  seinen  Sinn  umzustimmen.“


Zu  später  Stunde  verließen  die  Liebenden  die
gastliche  Stätte.  Ungefährdet  gelangten  sie  an  das

Anser  Dommerland—  «  —  100
destellte  Gefährt.  Um  Mitternacht  öffneten  sich
ihnen  nach  gläcklicher  Fahrt  die  Tore  der  sicheren

Burg,  und  hier  empfahl  Kunrad  sein  Kleinod  der
Obhut  und  Fürsorge  der  alten,  treuen  Schaffnerin.

Brauendes  Wetter.

Am  Tage  nach  dem  Ueberfall  auf  den  Ritter
nahm  Herr  Gniefomar  Abschied  von  seinem  Bruder,
um  auf  seine  Burg  zurückzukehren.  Wie  er  sich  erinnerte,
  hatte  der  Fürst  einmal  erklärt,  im  Frühjahr,
  sobald  die  Witterung  beständiger  und  das
Wetter  wärmer  würde,  sein  geliebtes  Kloster  zu
Grabow  besuchen  zu  wollen,  das  nun  unlängst  vollendet
  war.  Und  Herrn  Gniefomars  Herrschaft  lag
nicht  weit  entfernt  von  Grabow,  so  daß  anzunehmen
  war,  Herr  Ratibor  werde  ihn  bei  seiner  Anwesenheit
  auf  der  Insel  zu  sich  entbieten  oder  auch
selber  bei  ihm  versprechen.

So  weilte  nun  Herr  Sambor  allein  auf  seiner
Burg,  denn  Slavina  war  nicht  heimgekehrt.

Der  Burgherr  glaubte  nicht  zu  irren,  wenn  er
annahm,  daß  die  Tochter  ebenso  wie  er  selbst  an
dem  auf  der  Todesstätte  verbliebenen  Baret  des
Ritters  dessen  Untergang  ersehen  habe  und  darauf
zu  irgend  einer  Freundin  geflohen  sei,  um  der  gefürchteten
  Vermählung  mit  Herrn  Jakzo  zu  entgehen.
  Wenn  Herr  Sambor  nun  auch  rnicht  befürchtete,
  daß  Slavina  den  gegen  den  Ritter  verübten
  Anschlag  verraten  werde,  so  machte  er  sich
jetzt  doch  Vorwürfe,  daß  er  nicht  sogleich  während
der  ersten  Tage  nach  seiner  Heimkehr  Gelegenheit
genommen  hatte,  die  Tochter  darüber  aufzuklären,
daß  es  gar  nicht  in  seiner  Absicht  gelegen  habe,  sie
dem  Trunkenbold  zu  überliefern,  daß  er  bei  Verfolgung
  seiner  Pläne  den  leutereichen  und  weitversippten
  Mann  nur  nicht  habe  übergehen  dürfen;  ihn
auch  nur  aus  diesem  Grunde  bei  seinen  offensichtlichen
  Bewerbungen  um  ihre  Hand  nicht  abgewiesen
habe.  Ja,  Herr  Sambor  meinte  sogar,  daß  Sla—
vina,  wenn  sie  erfahren  haben  würde,  daß  ein
Fürstenthron  ihrer  harre,  bei  ihrem  Stolze  des
Ritters  leichter  vergessen  hätte.  Und  je  mehr  der
Vater  sich  die  vermeintliche  Gesinnung  der  Tochter
vor  Augen  stellte,  desto  mehr  zürnte  er  schließlich
sich  selbst,  daß  er  dem  eigenen  Fleisch  und  Blut
nicht  einmal  das  anvertraut  hatte,  was  seine  Mitverschworenen
  bereits  über  das  ganze  westliche
Pommernland  von  Persante  bis  Oder  getragen  hatten.
  Slavina  hätte  in  diesem  Falle  nicht  nötig  gehabt,
  ihn  zu  fliehen  und  sich  vor  ihm  zu  verbergen,
  wenn  er  zur  rechten  Zeit  gesprochen  hätte.  So
kam  es  schlielich,  das  er  sein  Kind  bemitleidete
und  sich  selber  grollte.  Eine  weiche  Stimmung  kam
über  ihn,  besonders  des  Abends,  wenn  er  noch  zu
später  Stunde  allein  neben  den  brennenden  Kerzen
im  Herrensaale  saß,  eine  Stimmung,  die  er  früher
nicht  gekannt  hatte;  und  in  dieser  schweiften  seine
Gedanken  nicht  selten  auch  gen  Kammin,  zum
Fürstenhofe  hinüber.  Dort  saß  der  greise  Herr  Ra-