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tibor  mit  seinen  beiden  Söhnen,  seines  Bruders
Sohnen  und  seiner  Gemaylin  Privislava,  der  Tochter
  des  ehemaligen  Polenherzogs  Boleslav.  Dies
ganze  Geschlecht  sollte  er  nach  dem  Rate  des  Preußenfarsten
  und  mußte  er  zum  Wohle  des  Vaterlandes
  verderben.  Herr  Sambor  war  kein  Christ,
und  die  hohe  Lehre  von  der  Pflicht  der  Menschenlieoe
  war  ihm  ebenso  verborgen  wie  das  Gebot
„Du  sollst  den  friedlichen  Nachsten  nicht  töten!“.
Aover  wie  in  der  Brust  jedes  hoher  gesitreten  Veenschen
  jeglichen  Glaubens  bereits  ein  natürliches
Ahnen  der  welterlosenden  Wahrhyeit  der  von  dem
Nazarener  gepredigten  Liebeslehre  und  ein  mahnendes
  Warnen  gegenaber  den  Gelusten  der  rauhen  und
rohen  Urnatur  des  Menschen  lebt  und  den  himmlischen
  Funken  des  Mitgefühls  zum  Leben  erweat,
so  erwachte  in  diesen  stiten  Stunden  inneren  Sichversenkens
  auch  in  Herrn  Samvors  nicht  niedrigem
Gemat  ein  edleres  Gefühl  milder  Menschlichkeit,
und  unter  dessen  sanfter  Gewalt  geriet  das  Herz  des
Burgherrn  in  einen  ebenso  quälenden  Zwiespart  der
Gefahle,  wie  sein  Geist  sich  zermarterte,  einen  Mittelweg
  zwischen  seinen  vermeimlichen,  harten  Pflichten
  gegen  das  Vaterland  und  den  milderen  Regungen
  seines  Busens  zu  finden.

Zu  dieser  Beunruhigung  seiner  Seele  gesellte  sich
im  Laufe  der  Tage  noch  eine  weitere  Sorge.  Es
fanden  keine  Nachforschungen  nach  dem  Riteer  statt.
Acht  Tage  waren  bereits  seit  dem  Ueberfall  verflossen
  und  weder  einer  der  Burginsassen  noch  Abgesandte
  des  Bischofs  oder  des  Fürsten  hatten  sich
am  Strande  gezeigt,  wie  seine  beiden,  vertrauten
Diener,  Gnirko  und  Pliezka,  die  er  dort  mit  einem
unverfänglichen  Auftrage  von  Morgen  bis  Abend
weithin  auf=  und  abstreifen  ließ,  jedesmal  bei  ihrer
Rückkehr  meldeten.  Wenn  der  Ritter  daheim  auch
das  Ziel  seiner  häufigen  Bootfahrten  nicht  verraten
hatte,  so  war  doch  als  sicher  anzunehmen,  daß  sie
selber  ebenso  wie  ihre  ungefähre  Dauer  und  Richtung
  bekannt  waren.  Die  Burgleute  konnten  deshalb
  nicht  annehmen,  daß  ihr  Herr  ausnahmsweise
einmal  westwärts  gesegelt  sei,  um  vielleicht  das  nahe
Kammin  oder  nicht  viel  weiter  gelegene  Wollin  aufzusuchen.
  Denn  in  diesem  Falle  hätte  er  ihnen
sicherlich  von  seiner  Absicht  Kenntnis  gegeben.  Sie
mutten  dort  also  in  dem  Glauben  sein,  daß  er
seine  gewohnte  Ausfahrt  gemacht  habe.  Weshalb
aber  wurde  dann  weder  von  ihnen  noch  von  seinem
Ohm,  den  sie  doch  sogleich  von  dem  Verschwinden
des  Neffen  hätten  benachrichtigen  müssen,  nach  seinem
  Verbleib  geforscht?  Oder  sollte  es  ihm  doch
geglückt  sein,  die  gefährliche  Stelle  zu  überschreiten?
Mehreren  der  Horster  Dörfler  war  dies  schon  bei
gleichem  Wasserstande  gelungen,  indem  sie  auf  allen
Vieren  schnell  über  die  Landbrücke  liefen.  Dies
aber  waren  äußerst  gelenkige,  katzenflinke  Burschen
von  leichtem  Körpergewicht  gewesen,  auch  hatten  sie
unter  Hände  und  Füße  breite  Rindenstücke  gebunden,
  um  eine  breitere  Tragfläche  für  den  Körper  zu
haben.  Aber  einem  durch  starke  Schuhe  und  das

Anser  Pommerland  —  —

Gewicht  der  Kleidung  obendrein  beschwerten  Körper,
  wie  ihn  der  Ritter  besaß,  war  eine  solche
Leistung  nicht  zuzutrauen.  Und  wiederum  war  es
nicht  unmöglich,  dat  jenem  gerade  bei  dieser  Art
der  Fortbewegung  die  Kopfbedeckung  entfallen  war,
die  andernfalls  doch  wahrscheinlich  zugleich  mit  ihm
versunken  wäre.  Sollte  Slavina  einmal  mit  ihm
über  die  gefährliche  Stelle,  die  in  der  Umgegend
jedes  Kind  kannte,  gesorochen  und  ihm  dabei  mrtgeteilt
  haben,  wie  die  waghalsigen  Einheimischen
den  Uebergang  über  sie  bewerrstelligten?  Dann
hätte  das  Barett  ihn  und  den  Priester  sowohl,  die
es  noch  am  gleichen  Tage  bei  ihrer  Nachsuche  nach
den  Knechten  mirtels  der  langen  Brückenstange  entfernt
  harten,  wie  auch  wayrscheinlich  Slavina,  zu
einer  ganz  falschen  Annahme  verleitet.

Je  öfter  die  ausgesandten  Knechte  ohne  die  erwünschte
  Nachricht  heimkehrten,  desto  mehr  befestigte
  sich  in  Herrn  Sambor  die  Befürchtung,  daß
der  Ritter  sich  auf  jene  von  ihm  vermutete  Weise
vor  dem  Untergange  bewahrt  haben  moche.  Als
sich  aber  diese  seine  Annahme  mit  der  Zeit  zum
festen  Glauben  verstärkte,  nahm  seine  schon  ohnehin
quälerische  Unruhe  nur  noch  zu.  In  solchen  Stunden
  grubelnder  Ungewißbheit  und  beunruhigender
Befürchtungen  nahm  Herr  Sambor  an,  daß  der  allem
  Anschein  nach  aus  dem  Kampfe  mit  den  Knechten
  unversehrt  hervorgegangene  Rilter  sich  sogleich
zu  seinem  Ohm  begeben  habe,  und  daß  dieser  nun
den  ihm  in  allem  willfährigen  Fürsten  zu  irgend
einem  Handstreiche  gegen  ihn  aufreizen  werde.
Denn  daß  der  Ueberfall  sein  und  keines  anderen
Werk  sei,  mußten  jene  aus  den  ganzen  Umständen
sogleich  geschlossen  haben.

Herr  Sambor  kannte  seine  Furcht  für  seine
eigene  Person,  aber  wie  er  nach  den  Enthüllungen
des  Oberpriesters  seine  ursprüngliche  Absicht,  dem
Ritter  selber  entgegenzutreten  und  ihn  für  seine
Frevel  zu  bestrafen,  nur  in  der  Erwägung  aufgegeben
  hatte,  es  möchte  im  Falle  seines  immerhin
möglichen  Unterliegens  die  wichtige  vaterländische
Sache,  die  er  gerade  betrieb,  nicht  zum  glüdlichen
Ende  gelangen,  so  beunruhigte  ihn  auch  jetzt  ein
ahnungsvolles  Befürchten,  daß  aus  diesem  seinem
Zusammenstoß  mit  dem  Ritter  seinem  Werke  ernste
Gefahr  erwachsen  moöchte.

So  geschah  es,  daß  diese  beängstigenden  Ahnungen
  im  Verein  mit  der  quälendenden  Ungewißheit
über  das  Schicksal  des  Ritters  und  das  Verbleiben
der  Tochter  Herrn  Sambor  bei  Tage  unstät  umhertrieben
  und  bei  Nacht  keinen  Schlaf  finden  ließen.
In  dieser  seelischen  Erregung  durchstreifte  er  oft  bis
an  den  späten  Abend  meilenweit  sein  Gebiet,  zumteil
  mit  der  Absicht,  durch  körperliche  Ermaltung
wenigstens  für  die  Nacht  Ruhe  zu  gewinnen.  Voll
Sehnsucht  erwartete  er  daher  die  Zeit  der  Sommersonnenwende,
  nach  der  die  große  Volkserhebung
stattfinden  sollte  und  bis  zu  der  es  kaum  noch  zwei
Mondviertel  währte.