Onkel  Malte.

(Nachdruck  verboten.
Ueberall  bringt  die  Erde  Gras  und  Kräuter
hervor.  Aber  gar  verschiedene  auf  den  verschiedenen
Landstrichen.  Ueberall  strahlen  Mädchenaugen  und
lächeln  Mädchenlippen  in  verhei  ungsblauen  Himmel
  hinein.  Aber  das  Augenstrahlen  und  Lippenlächeln
  der  Vitler  Mädchen  ist  von  besonderer  Art.

Etwas  von  dem  Traumglanz  wellentrüdüter
Einsamkeit  ist  ihm  eigen,  eine  heltere  Stille.
Man  unterscheidet  die  Vitterinnen  unter  allen
anderen  Mädchen  Rügens.

Ihr  Heimatdörfchen  gibt  ihnen  das  unveräußerliche

  Gepräge.

Nichts  kann  verlassener  und  nichts  auch  wieder
holder  gelegen  sein.  In  die  Tiefe  einer  zum,  steinigen
  Meeresuser  niedergleitenden  Bucht  eingeklemumt,
  wird  es  doch  von  Obstbäumen  oder  vereinzellen
  Schwarzpappeln  anmutig  überschattet.

Unordentlich  liegen  seine  Hütten  rechts  und
links  von  der  mitten  hindurchfuhrenden  Straße.
Immer  eine  ein  Stück  über  der  benachvarten,  oder
schräg  zur  Seite.  Dazwischen  freundliche  Gartenflecke
  —  manchmal  nur
wusteneien  —  ein  baufälliger  Viehstall  und  das  abgeorochene
  Ende  eines  mit  unbehauenen  Steinen
gepflasterten  Fugsteigs,  der  möglichst  gradlinig  in
den  Fahrweg  mündet.

Vitie  ist  in  seiner  bescheidenen  Art  fast  weitläufig
  gebaut  und  nimmt  sich  doch  von  oben  herab
wundersam  eingeengt  aus.  Beinah  wie  etwas  Regloses
  und  Verwunschenes.  Das  Auge  ruht  auf  ihm
wie  auf  einem  bloßen  Bilde.  Besonders,  wenn  man
bis  zu  der  kahlen  Höhe  steigt,  auf  der  über  der
weich  ausgefütterten  Schlucht  die  Kapelle  steht.  Sie,
die  so  erwecklich  durch  die  Schlichtheit  ihrer  Feldsteimhauern
  und  ihres  anspruchslosen  kleinen  Rundbaues
  predigt  und  doch  der  Einsamkeit  des  Dörfchens
  erst  die  Krone  aufsetzt.  Nicht  Baum,  nicht
Strauch  rings  um  sie  her.  Gräser  und  Kräuter  allein
  sprießen  in  ihrer  Nähe  und  werden  als  Viehweide
  benutzt.  Nur  ein  schmaler  Gürtel  des  halb
dünenarligen  Pflanzenwuchses  legt  sich  unangetastet
an  das  Gebäude,  so  daß  hohe  blühende  Gräser  gegen
  die  nur  stellenweise  übertünchten  Granissteine
fächeln.

Doch  auch  sie  haben  etwas  Spärliches.  Ueppig
ist  überhaupt  nichts,  das  zu  dem  ahgeschiedenen
Fischerdorfe  gehört.  Besonders  in  gegenwärtigen
Zeitläuften:  tagaus,  tagein  fahren  die  mit  fremden
Sommerfrischlern  beladenen  Küstendampfer  von  Arcona
  an  Vitte  vorüber  nach  Jasmund  und  stören,

in  Gestalt  kleiner  Gras-Roman

  von  Klara  von  Sydow.

schlimmer  als  die  großen  Schiffe  auf  hoher  See,
die  friedlichen  Heerscharen  von  Heringen  und  Flundern,
  die  vordem  in  stolzem  Gewimmel  gegen  die
Bucht  herangesegelt  kamen,  um  sich  alsbald  geängstet
  in  die  Netze  des  Vitters  zu  verirren.

Ja,  vor  Zeiten  hatte  das  gute,  alte  Fischerhandwerk
  noch  goldenen  Boden  gehabt!  —  Wer
jetzt  vorwärts  will,  muß  versuchen,  den  Ertrag  des
zur  Hütte  gehörigen  Ackers  möglichst  zu  steigern,
Fremde  bei  Arcona  ab=  und  anzubooten,  oder  —
wenn  er  nicht  einziger  Sohn  ist  und  mit  gutem  Gewissen
  die  Heimat  verlassen  kann  —  sich  in  der
Fremde  auf  grozen  Kauffahrteifahrern  verheuern.
Mancher  dient  sogar  als  Marinesoldat  weiter.

Daheim  verfließt  indes  das  Leben  der  Mädchen
und  Frauen  meist  in  altmodiger  Stille.

Auch  Marie  Beethmann  hatte  bisher  nicht  gerade
  ungewöhnliches  erlebt.

Ihre  Rinderjahre  halten  sich  abgespielt  wie  ein
stiller  Naturtraum  —  gleichförmig  und  bei  allem
Einzelgewebe  in  großen  Zügen.  Noch  jetzt  war  sie
kaum  aus  ihm  erwacht.

Heiter  hatte  das  flimmernde  blaue  Meer  ihn
durchleuchtet,  oder  die  Schneedecke  des  Winters  ihn
so  belastet,  daß  die  ewige  Melodie  von  Sturm  und
Wogengebraus  in  schwerer  Dumpbbeit  erstickte.

Morgens  war  das  kleine  Mädchen  mit  den  andern
  nach  Puttgarten  zur  Schule  gegangen  und
abends  wieder  zurück.  Und  wenn  die  Heringsboote
wieder  ans  Land  kamen,  hatte  sie  sich  met  den  anderen
  gefreut.

Wetver  und  Kinder  waren  dann  eimerkörbebeladen
  hinunter  gelaufen,  um  den  Segen
gen  zu  helfen.

Freilich,  wenn  er  einmal  spärlicher  war  —  und
in  den  letzten  Jahren  oft  ganz  ausblieb  —  hatie
es  wie  elin  allgemeiner  Druck  auf  den  Vitlern  gelegen.
  Die  Hausfrauen  hatten  sorgenvoller  als
sonst  dreingeschaut  und  wohl  auch  im  Sommer
schon  das  Spinnrad  aus  dem  Winkel  geholt
denn  in  Vitte  wurde  noch  gesponnen  —  und  die
Männer  standen  bisweilen  mizmutig  vor  der  Tür,
die  Hände  in  den  außen,  schon  ganz  blank  gescheuerten
  Hosentaschen,  oder  gingen  in  solcher  St.llung
  lurTschend  von  Hütte  zu  Hütte,  um  in  abgebrochenen
  Worten  zu  beraten,  wie  man  das  Leben
künftig  doch  am  Ende  anders  einrichten  könne.

Aber  das  ging  alles  sacht  und  in  fast  gleichmäßigen
  Zwischenräumen  vor  sich,  ungefähr,  wie

und
ber-—.

