das  Anschlagen  des  Wassers  an  das  Ufer.  Kinder
und  junge  Leute  hörten  es  nur  mit  halbem  Ohr.

So  auch  Marie.  Die  Erntebirnen  schmeckten  ihr
süß,  wie  immer.  Und  wenn  in  der  heißen  Zeit

acht  Sonntage  hintereinander  in  der  Koapellenschlucht
  „Strandpredigt“  gehalten  wurde,  freute  sie
sich  die  ganze  Woche  über  auf  ihre  steif  gestörkte

Schürze,  ihren  leuchtend  garnterten  Festtagshut  und
das  kleine  bunte  Umstecktüchelchen.  Auch  auf  das
Einfahren  des  Pastorwagens  ins  Dorf,  wobei  dann
die  fremden  Pferde  immer  so  laut  und  befri:digt
wieherten  und  die  Räder  des  schwer  beladenen  Gefährts
  lustig  quiekten;  besonders  wenn  sie  an  die
Stelle  der  Ortsstraße  kamen,  an  der  schon  seit  Jah
ren  die  großen  runden  Steine  ausgebrochen  waren,
so  daß  man  plötzlich  in  sandige  oder  morastige
Tiefe  hinabruckte.

Ja,  und  auf  das  Aussteigen  der  Altenkirchener
Pfarrersfamilie  freute  sie  sich,  auf  ihr  freundliches
  Nicken  nach  allen  Seiten  und  auf  das
Kniren,  Gaffen  und  Hüteabnehmen  der  Vitier.

Danach  ging  der  Zug  schwerfällig  durch  den
tiefen  Sand  des  Arcona-Weges  bis  hinauf  zur  Kapelle.
  Doch  die  Kinder  trippelten  oben  auf  den
Rasenkanten,  wo  sie  sich  allmählich  kleine  feste  Fußsteige
  getreten  hatten.  Ach,  und  was  gab  es  auf
diesem  Zuge  nicht  alles  zu  sehen!  Mehr  als  Winters
  in  vielen  Monaten.

Von  der  Kapelle  aus  kletterte  alles  lanasam  in
die  Schlucht  hinab:  Frauen  und  Mädchen  nach
rechts  und  die  männliche  Bevölkerung  nach  links,
um  auf  den  langen,  eingestochenen  Rasenstufen  Platz
zu  nehmen.  Und  einige  Augenblicke  spöter  stimmte
der  Altenfirchener  Kantor  an:  „Allein  Gott  in  der
Héh'’  sei  Ehr'!“  denn  dies  war  das  ein:ige  Gesangbuchlied,
  das  alle  Vitter  von  Kindesbeinen  an
ohne  Orgelbegleitumg  singen  konnten.  Auf  das
Lied  folate  die  Predigt.  Marie  verstand  als  kleines
  Mädchen  nichts  von  ihr  und  gehnte.  Und  auch
spöter,  als  sie  das  Gesagte  in  den  Hauvtsachen
wohl  hötte  erfassen  können,  hörte  sie  nicht  aenau
bin.  Nur  manchmal  schlug  ein  eindringliches
Wort  von  Gottes  Liebe“  und  „Gostes  Barmherzigkeit"
  ober  von  „Gottes  Allmacht  im  Sturm“
an  ihr  Ohr  und  klang  im  Herzen  nach.  Aber  andachterfüllt
  saß  sie  doch  von  Anfang  bis  zu  Ende
auf  ihrem  Platz;  denn  der  Herr  Suoperintendent
hatte  eine  weiche,  kraftvolle  Stimme,  die  manchwal
im  Echo  aus  der  Tiefe  der  Schlucht  zurückhallte.
Und  diese  und  den  Herrn  Superintendenten  hatte
das  Kind  lieb.

Erst  nach  ihrer  Einseanung  trug  sich  etwos  mit
Marie  zu,  das  nicht  allen  Bi#tter  Mädchen  wurde.
Sie  lernte  in  Puttgarten  Plötten  und  Weibnäöben,
und  stand  darnach  drei  Jahre  auf  einem  nahen
Pachthof  in  Dienst.

Doch  waren  ihre  Gedanken  in  dieser  Zeit  nur
wenig  aus  Vitte  fortaewesen.  Besonders,  seit  sie

im  zwesten  Winter  ihres  Außenlebens  dort  an
freien  Sonntagnachmittagen  Malte  Piper  gesehen

Unser  Dommerland

173

arhatte,

  der  zu  Hause  „auf  den  Steuermann“
beitete.

„Dirn,  bist  du  hübsch  geworden!  'n  lütt  nüdlicher
  Dummkopf  warst  Du  all  immer!  —  Aber  —
so  piekfein!  —  Sieh  bloß  einer  an!“  hatte  er  ein
bißchen  von  oben  herab  gesagt.

Aber  durch  sein  Selbstbewuctsein  hatte  eine
große  Gutmütigkeit  geklungen.  Freilich  kam  sie
Marie  ebensowenig  zum  Bewußtsein,  wie  ihre  eigene
geschmeichelte  Eitelkeit.  Doch  zogen  von  da  an
ihre  Gedanken  oft  über  das  Vitter  Weichbild  hinaus
  in  die  weite,  entsetzlich  große  Welt  mit  ihren
endlosen  Gewässern  und  hunderttausend  Städten.
Und  war  ihr  das  Leben  des  Pachthofes  bisher
verwirrend  geräuschvoll  vorgekommen,  so  erschien  es
ihr  weiterhin  bedeutungslos.  Sie  plättete  und
träumte.  Sie  nähte  stundenlang  Wei  zeug  und
träumte.  —  Wohl  redete  sie  mit  den  anderen  Mädchen
  und  kicherte,  wenn  der  Görtner  und  Kutscher
schön  mit  ihr  taten,  aber  eigentlich  rührte  sie  das
nicht,  denn  sie  lebte  mit  Malte  Piper.

Dann  starb  eines  Tages  die  stille  Mutter  Beethmann;
  und  starb,  wie  sie  gelebt  hatte  —  nur  mit
einem  etwas  tieferen  Seufzer.  Sie  war  immer
brustschwach  gewesen,  hustete  fortwährend,  welkte
ab  und  schlief  so  geräuschlos  ein,  wie  der  Abendwind
  mitten  auf  der  spiegelglatten  See.

Marie  hatte  nach  Hause  kommen  müssen,  um
dem  Vater  zu  wirtschaften,  und  es  war  ihr  recht
gewesen.  Ihr  war  alles  recht.  Sie  war  gesund
und  die  Arbeit  machte  ihr  Freude.  —  In  der  ersten
  Zeit  dachte  ste  wohl  oft  noch  wehmütig  an  die
freundliche  Mutter  zurück.  Aber  ohne  Erschütterung.
  Der  Tod  hatte  nicht  eigentlich  etwas  von
ihrem  Herzen  und  aus  ihren  Armen  gerissen,  hatte
keine  Kluft  aufgew'hlt  zwischen  ihrem  Leben  von
gestern  und  iorem  zukünftigen.  Er  war  etwas  Natirliches
  gewesen.  So  natürlich,  wie  es  Winter
und  Sommer,  Armut  und  Reichtum  sind,  und  wie
es  das  Verlieben  in  den  schönen  Steuermam  ge—
wesen  war.

Es  ist  Ende  Juli,  und  die  Sonne  brennt  aus
wolfenlosem  Himmel  über  die  Höhe  und  die  weit
nach  Südosten  geöffnete  Schlucht.  Still  ist's,  wie
sellten  an  der  See.  Und  doch  ist  bald  die  Mitte
des  Tages  erreicht,  jene  Zeit,  der  die  Winde  voranziehen,
  wie  geheimnisvolle  Herolde.  Die
Wanduhren  in  Vitte  müssen  schon  halb  zwölf  geschlagen
  haben;  selbst  die  aus  Altersschwäche  zudückbleibenden.


Hinter  dem  Kavellchen  gehört  die  ins  Flachland
  übergehende  Weide  zum  Beethmannschen  Eigaentum.
  Dort  hatte  Marie  die  grasende  Kuh  gemolken
un#  sorasam  umauartiert,  denn  der  kleine  runde
Fleck,  der  dem  Tiere  in  fröher  Morgenstunde  angewiesen
  war,  zeiate  jetzt  kaum  noch  einen  Halm.

Das  shwarzbunte  Tier  mit  der  hübschen  Blesse
vor  der  Stimen,  war  wöübrend  des  Melkens  widerhaarig
  gewesen  und  hatte  beim  Anpflöcken  seime
üblichen  Kapriolen  gemacht.

—