Auch  lugen  in  der  Verschiebung  der  sich  hin
und  her  windenden  Schlucht  vereinzelte  Strohdächer
  aus  dem  Grün.  Nur  die  Pipersche  Hütte
auf  dem  äußersten  Nordostvorsprunge  des  Ortes,  da,
wo  die  Straße  jäh  zum  Strande  abfäll,  ist  ganz
sichtbar.

Und  diese  sieht  Marie  plötzlich  mit  einem  Bewustsein.
  Auch  das  hinter  ihr  in  einem  weiten
Alusichnitz  mittaglich  flirrende  und  flimmernde

eer.  ·

Kaum  wahrnehmbar  verzittert  seine  Blöue  am

Horizont  mit  der  silberig  blendenden  Bläue  des
Himmels.
Das  Mädchen  lächelt  wieder;  denn  nun  erscheint
  fern  in  der  Bucht  ein  Schiff  mit  helleuchtenden
  Segeln.  Und,  scharf  hinausblinzelnd,  erkennt
  sie  mit  geßbtem  Auge,  wie  alles,  bis  auf
Flug=  und  Topvsegel  aufgebis#t  ist.

Trokdem  stebt  das  Schiff  wie  still  in  der  windlosen
  Mittagsglut.

„Malte!  —  Dul“  —

Niemand  wußte  es  noch!  —  höchstens

Ach,  dummes  Zeugl

Und  nun  wollte  sie  wirklich  aufstehen  und  hinuntergehen.


Da  tappt  plötzlich  etwas  in  ihrem  Rücken.
Leise  tappt  es  in  dem  dichten  kräuterreichen  Grase
und  doch  vernehmbar  schwerfällia.

Du  liebe  Zeit,  die  Kuhl  Hatte  sie  denn  die
Kuh  nicht  ordentlich  wieder  angepflöckt,  und  kam
vielleicht  das  verruckte  Tier  auf  den  Einfall,  am
Bethause  vorbei  spazieren  zu  trotten?

„Herre!  Du  bist  wobl  nich?  .  .  .“

Ers  Hrocken  ist  sie  aufgefahren  und  hat  sich  halb
herumgedreht.

Gustad  Piver  ist  der  einzige,  der  ihre  kindliche
Freundlich'eit  trüben  kann.

Sie  behandelt  ihn  geringschätzig,  weil  sie  Angst
vor  ihm  hat.

Hinterrücks  hat  er  sie  auf  die  Schulter  geschlagen.


Himmel,  Gustav!  Laß  doch'n  Menschen  in
Frieden!“
„Na,  beiß  man  nich  aleich!“  Und  der  kleine

untersettte  Mann  mit  der  schlotterigen  Haltung  verzerrt
  den  Mund  zu  spöttischem  Lächeln.

Es  war  sonderbar.  welche  Aehnlichkeit  Gustav
mit  seinem  Bruder  Malte  hatte  und  wie  ganz  anders
  er  doch  dabei  aussah!  Alles,  was  bei  Malte
schön  und  forsch"  war,  erschien  bei  ihm  vermickert.
  Vorzüalich  die  Gestalt.  Und  doch  war  es
weniger  diese  selbst,  als  die  Art,  wie  er  sie  trug
und  bewegte,  worin  Häßliches  laa.  —  Aber  zum
Teil  war's  auch  das  Gesicht  mit  seiner  kinderhaft  feinen
  Nase,  den  leicht  schief  verzogenen  Lippen  und  kleinen
  wasserblauln  Augen,  die  fast  immer,  hel5  von
ihren  Lidern  gedeckt,  zur  Erde  sahen.  Auch  der
Bart,  der  das  blöhende  Gesicht  des  iüngeren  Bruders
  kraus  umrahmte,  diente  Gustav  nicht  zur
Zierde.  Struppig  und  etwas  mißfarben  stand  er

Unser  Dommerland

175

um  das  festgefügte  Kinn,  das  ebenso  wie  die  hohe
Slirn  ein,  wie  es  schien,  unveräußerliches  Familienmerkmal
  der  Pipers  war.  Man  soh  dieser
Stirn  an,  daß  auch  Gustav  nicht  einföltig  war.
Hitte  er  sie  nur  nicht  immer  so  unwirsch  in  Faltenwülste
  gelegt!

Alles  in  allem  war  Gustabs  Gesichtsausdruck
ein  halb  gleichgilliger,  halb  widerwilliger.

Und  solchem  Ausdruck  entsprach  sein  nachlässiger
  Anzug.  Immer  hing  über  dem  sauberen  Hemd
—  solche  Sauberkeit  ist  bei  den  Vittern  gleichbedeutend
  mit  Ebrenhaftigkeit  der  Gesinnung  —  der
eine  Hosenträger  länger  herab,  als  der  andere;  und
die  dicken  Leinwandbeinkleider  schlumpten  um  ihren
Trüäger  wie  ein  in  der  Mitte  aufgenommener
Weiberrock,  zeigten  zudem  an  der  Tasche  meist  noch
ein  Stüick  aufgetrennter  Naht.

Gustav  war  eine  Art  Zerrbild  von  Malte.

Marie  war  aufgestanden.

„Oder  beiß  doch!  —  Beiß  zul“"  murmelte  der
Mann.

„Dröhn  nich!“

Das  Mädchen  schob  ihren  Helgoländer  wieder
tief  ins  Gesicht  und  versuchte,  ihn  unterm  Kinn
zuzubinden.

Aber  Gustav  tatschte  ihr  von  der  Schulier  weiter
  den  Arm  hinab  und  hielt  ihn  im  Ellenbogen
fest.

„Was  tust  du  bloß  hier?“

„Aber  Gustav!  Laß  doch  'n  Menschen  in  Frieden!“


„Du  wit'lst  wohl  deine  Milch  gleich  in  der
Sonne  aufkochen  oder  dick  werden  lassen?“

„Ach  red’  und  red’'!  —  Ich  hab  mehr  zu  tun.“

„So?  Nu  mit  eins?  —  —  Jä  —  und  dn.
was  ich  auch  noch  sagen  wollt!  .  .  “

Sie  hatte  ihren  bliblanken  Milcheimer  mit  dem
dicken,  messimabeschlagenen  Holzdeckel  schon  in  die
Hand  genommen  und  wollte  an  ihm  vordber.

Da  trat  er  ihr  in  den  Weg.  Es  war  ihm  aurh
nicht  lieb,  zu  sprechen  —  aber  er  gab  sich  einen
Ruck:  Wenn  es  auch  Vaters  Wille  war,  das  der,
der  zuerst  zu  Geld  käm,  den  anderen  auszahlen

sollt  —  wer  weik?  .  ..“

„Herr  Gatt!  Du  bist  woll  rein  nich  klua?"“  rief
die  geängstigte  Marie,  mit  einem  Versuch  zum
Lachen.

„Wer  weis,“  murmelte  Gustav  weiter,  „das

kommt  manchesmol  all  anders,  als  einer  ausrechnet
  .  .  .“  Und  nun  machte  er  einen  sehr  ungeschigten
  Ueßhergang.  „Eine  Havarie!“  brummte
er  in  den  Bart.

Da  aber  vergaß  Marie
Rolsle  der  Unbefangenen.
rief  sie  mit  flieagandem  Atem.
chen  sind  all  versichert!“

Ihr  Ton  reizte  ihn.  Fast  schien  es  ihm  Freude
zu  machen,  sie  noch  mehr  zu  erzürnen.

„Du  weißt  ja  genau  Bescheid!  —  Genauer  als
ich!  —  —  Möglich,  du  weißt  auch,  ob  er  sein

ihre  so  tapfer  gespielte
„Pfui,  sehäm  dich  was!“