bloß  weil  etwas
war.

Marieken  sah  den  Vater  schon  wieder  eilfertig
nach  dem  Strande  zu  wanken,  als  sie  sich  auf  der
Straße  ihr  Tuch  fester  im  Rücken  knotete.

Erstaunt  lief  sie  dem  flauen  Winde  entgegen
durch  die  Dämmerung  ihm  nach.

„Scht!“  machte  er,  als  sie  ihm  nahe  war.

Wie  durch  einen  Flor  und  selbst  durchrieselt
von  naßkalter  Feuchtigkeit,  sah  ste  nun  hinter  umgekippten
  Booten  zwei  getrennte  Gruppen  mit  Stangen
  und  Knüppeln,  bewaffneter  Fischer,  die  neben
und  hinter  einander  hockend,  immer  einer  über  Arm
und  Schulter  des  andern  hinwegschielend,  ins  Meer
blickten.

Und  alle  sahen

Außergewöhnliches  im  Anzuge

auf  dasselbe;  alle  auf  etwas,
das  sich  schaurnspritzend  wie  eine  entstehende
Wasserhose,  aber  in  gewaltigen  Stößen  und  der
Richtung  nach  gerade  zwischen  den  beiden  Gruppen
dem  Lande  näherte.

Voll  Neugier  war  das  Mädchen  hinter  seinen
Vater  getreten,  der  sich  mit  nachdrücklichen  Geberden,
dem  nächsten.  Männertrupp  angeschlossen  hatte.

„Scht!“  machte  wieder  alles.

Und  Marieken  starrte  und  starrte.  Was  war  das
nur,  das  da  schnaubend  und  prustend  durch  das
graugrüne,  ölig  glänzende  Meer  herankam?

Ein  Mensch  nicht!

Ein  Tier?  .  .  .  War's  ein  Tier?

Aber  was  für  eins?

Ein  Riesengeschöpft!

Und  was  trug  es  hoch  über  sich,  daß  manchmal
  das  Wasser  darin  emporgischte,  wie  in  dürrem
Geäst?

„Vadder,“  flüsterte  sie,  „sag  bloß!“

„U  Hirsch,“  raunte  Beethmann  zurück.
Dirn!“

Und  nun  stand  Marieken  wie  angewurzelt:  „'n
Hirsch!“

Alles  war  ungeheuerlüch.  Die  schwarzen  Wolken
  regenschwer.  Bergeshoch  stiegen  sie  am  Himmel
  auf  und  wälzten  sich,  tief  niederhängend,  über
die  See.  die,  so  weit  man  sehen  konnte,  gleichmäßig,
  aber  hügelig  in  sich  bewegt,  auf=  und  abwoate.
  —  Nur  unweit  des  Ufers  zischte  es  fortwährend
  auf  wie  weiser  kochender  Brodem.  Und
der  kam  nach  und  nach  immer  näher!

Marieken  hatte  noch  nie  einen  Hirsch  gesehen,
weder  einen  lebenden  noch  einen  toten.  Aber  ihr
fiel  ein,  daß  vergangenen  Herbst  von  dem  jetzt
nebelverschleierten  Jasmund  herüber  einer  durch
den  Bodden  nach  Kamin  geschwommen  war,  wo
ihn  der  Lobkewitzer  Herr  erlegt  haben  sollte.  Nun
kam  auch  einer  durchs  Trompter  Wyk!

Herr  Gottl  die  Strecke!  Mußte
Tier  sein!

Ob  sie  ihn  drüben  angeschossen  hatten  und  er
aus  Tobdesangst  ins  Meer  gegangen  war?

Immer  weiter  sperrte  sie  die  Augen  auf

„Scht!

das  ein

und

Unser  Pommerland

—1

hätte  beinah  wieder  ihren  Vater  angestoßen  und  etwas
  gefragt.

Dal  —  Jetzt!  —

„Seh  ein  Mensch  die  Hörner!“  gurgelte  Fischer
Strohmeyer.

„Schafskopp!"  lachte  leise  Beethmann,  denn  er
war  als  junger  Soldat  bei  jemandem  gewesen,
der  nicht  duldete,  daß  man  in  seiner  Hörweite  des
Jägers  Sprache  verhunzte.

Jetzl!  Noch  ein  Aufschäumen  des  Wassers  —
noch  ein  Stoß!  Ah!  Wie  er  in  mächtigen  Fluchten
  ans  Land  setzt,  als  wäre  die  Meerflut  hinter
thm  eine  lebendige  Meute.  Und  wie  das  Meer
aufgespritzt  hat!  Als  ob  ein  ganzes  Boot  umlippen
  will  oder  ein  Haufe  Ballast  über  Bord  geht.

Und  nun:  Hoch  strect  der  Gekrönte  des  Waldes
  sein  königliches  Haupt.  Aber  er  bebt  am  ganzen
  Leibe  und  versucht,  das  vom  algendurchflochtenen
  Geweih  herabrieselnde  Wasser  von  sich  zu  schütteln.

  Doch  es  trübt  ihm  die  Lichter;  und  die  nachzitternde
  Gewalt  der  überstandenen  Anstrengung
dämpft  seine  Witterung.  Auch  blies  der  feuchte

Windhauch  landeinwärts,  so  daß  es  bis  weit  hinter
  die  Hütten  nach  fauligem  Seegras  und  Fischresten
  roch.  —

Des  Hirsches  Schicksal  ist  erfüllt:  wie  tollpatschige

  Spukgestalten  drängen  sie  in  den  geteerten
Jacken,  den  Kniehosen,  Stiefeln  und  über  die
Ohren  herabgezogenen  Regenhüten  von  rechts  und
links  heran.  Die  ganze  Rotte  der  Fischer  ist
auf  den,  Beinen.

Eine  Sekunde  ist's,  als  wolle  der  Hirsch  sie
annehmen.  Aber  mit  Stangen  und  Kuüppeln

schlägt's  auf  ihn  los  —  sinnlos  —  fühllos.

Sie  wollen  ihr  Standrecht,  ihr  „Jagdrecht"“
ob  zu  Recht  oder  Unrecht,  ist  ihnen  einerlei!

Und  sie  habens  gehabt.

Noch  einmal  kommt  der  Hirsch  vorne  hoch.  Er
versucht  zu  forkeln;  aber  er  taumelt  daher  und  dahin.

  Lautlos  stürzt  er  zusammen.
Seine  Lichter  rollen  in  Todesqual.  Und  der
letzte,  den  Marie  Beethmann  auf  ihn  einhauen

sieht,  ist  der  kleine  Gustav  Piper.

Sie  steht  und  zittert.  Ihr  ist,  als  äuge  das  gewaltige
  Tier  hilfesuchend  in  seiner  letzten  Verzweiflung
  zu  ihr  herüber.

Ohne  Besinnen  war  sie  den  Männern  nachgelaufen.
  Aber  als  nun  der  stolze  Schwimmer,  unwürdig
  zur  Strecke  gebracht,  auf  dem  roten,  übelriechenden
  Tang  liegt,  schaudert  sie  nicht  nur  —
ihr  ekelt.

Alle  Vitter  hatten  am  nächsten  Somtag  einen
stattlichen  Braten  in  der  Pfanne.

Auch  Marieken  briet  das  auf  ihre  Hütte  entfallende
  Teil.  Doch  aß  sie  nichts  davon.

„Ne!  Ich  kann  kein  Huhn  schlachten.  Und

denn:  wenn  ich  bloß  an  die  Augen  denk,  die  das

arme  Tier  gemacht  hatl!“
„Lichter“  heißt  das,

Beethmann  ein.

nicht  „Augen“,  fiel  Vater