Der  Alte  vom  Berge.

Von  Curt  Bloedorn,  z.  3t.  i.  einem  Rel.-Lazarekk.

Wie  wunderbar  schön  ist  doch  der  große  Waldsee.
  Aber  so  einzig,  so  herrlich  schön  wie  heute
schten  er  dem  Alten  vom  Berge  noch  nie  gewesen.
Langgestreckt  liegt  er  da,  fast  immer  wie  in  versonnener
  Nähe.  Selten,  sehr  selten  kräuselt  ein
Wind  sein  tiefes,  stilles  Wasser;  die  hohen  Bestände
ringsum  halten  jede  größere  Beunruhigung  durch
Wetter  ab.  Die  rechte  Seite,  an  die  der  hohe  Tann
mit  seinen  dunklen,  immergrünen  Säulen  stößt,  sieht
poliertem  Stahl  ähnlich,  das  einen  matten,  gelblichblauen
  Schimmer  angenommen.  Die  Randbäume
und  Büsche  spiegelten  sich  dort,  wo  das  langstenglige
  Schilf  fehlte,  in  klarem  Bilde  wieder.  Den
linken  Teil  säumten  uralte  Eichen  und  Buchen,  ein
paar  Birken  leuchteten  dazwischen  und  zeichneten
weide  Stiche  darein,  die  scharf  sich  auf  dem  Wasserjpiegel
  abhoben.  Ueber  das  Ganze  goß  die  Abendröte
  ihr  mildes  Licht.  Das  Schilf  mit  seinen  reisen
  Fahnen  schien  purpur,  die  keilförmigen  Streifen,
  die  einzelne,  ziehende  Wildenten  auf  dem  See

binterließen,  glängten  wie  flüssiges  Gold,  nur  die
Wasserrosen  hatten  ihre  schneeweißen  Sterne,  ihre

grosen,  fast  runden  Blätter  die  satte  grüne  Farbe
behalten.  Scharf  in  dunkeln  Tönen  zeichnete  sich
das  steilabfallende  Ufer  in  die  Pracht.  Ja  schön,
wunderschön  war  der  Waldsee.

Darum  konnte  der  alte  Hirsch  sich  nicht  treunen
von  seinem  Berge,  von  dem  er  ihn  liegen  sah.
Schon  so  lange  Jahre  hatte  er  seinen  Stand  auf
der  Hehe,  die  dem  Geweihten  Ausblick  gab,  von
der  er  seine  kurzen  Wanderungen  unternommen,
wenn  der  Herbst  die  Wälder  und  Felder  färbte,
wenn  die  Liebe  einzog  in  die  Rotwildherzen  und
ringsum  das  Röhren  von  spät  abends  bis  früh
morgens  in  den  Tälern  und  Schluchten  vielfachen
Widerhall  gab.

In  der  anwachsenden  Schonung  hatte  der  Alte
vom  Berge  sich  niedergetan,  den  Blick  zum  See,

zu  den  bunten  Forsten,  die  die  Herbstsonne  mit
ihren  letzten  Strahlen  streifte.  Einsam,  heimti
war  der  Hirsch.  Denn  was  hatte  er  schon  alles

durchgemacht,  wie  nahe  war  der  bleierne  Tod
ihm  vorübergegangen.  Und  gerade  damals
lmeisten,  wie  er  in
sein  weitausgelegtes  Geweih
zählte.  Aber  immer  war  er
nen,  war,  wenn  auch  mit  Wunden  und  Sehrammen,
  davongekommen.  Nun  wurde  er  alt,  seine
stolze  Kopfzier  war  stärker  geworden,  doch  hatte  sie

Qi#
am

die  vielen  Enden
den  Jägern  entronden

  besten  Jahren  war,  wie

zurückgesetzt.  Im  Kampf  mil  Rivalen  würde  der
Alte  von  Berge  bald  den  Kürzeren  ziehen  müssen,
emnugte  hintenanstehen  und  zusehen,  wie  jüngere,
mehraufhabende  mit  dem  Rudel  Kahlwild  abzogen,
zu  stillen  Plätzen  der  Liebe.  In  Gedantken  daran
wiegte  er  mit  seinem  armdicken,  fast  schwarzem,
gedrungenem  Geweih.  Alt,  zu  alt?  Jal  bald
hatte  er  sein  Hirschalter  hinter  sich,  traf  ihn  nicht
die  Kugel  des  Jägers,  blieb  er  nicht  im  Kampfe
mit  Nebenbuhler,  lange  machte  er  es  nicht  mehr,
dann  starb  er  den  Strohlod,  ging  ein  hinter  irgend
einem  Busch.

Ein  leiser,  ganz  leiser  Lufthauch  kam  vom  See,
der  Hirsch  hob  das  Haupt  und  zog  den  Geruch
von  Waser,  Schilf  und  Lisch,  von  harzigen  Tannen

  und  Fichten,  von  Buchen  und  Eichen  tief  in
die  Lungen.  Wie  das  erquickt  und  kraftigt  und
neuen  Lebensmut  gibt.  Ja,  noch  ist  Mut  und

Kraft  und  Freude  am  Dasein  nicht  hin.  Das
wollte  er  beweisen,  beweisen  dem  einen,  der  in  den
letzten  Jahren  hier  Herrscher  sein  möchte,  Herrscher
in  seinem  Reich,  auf  seinem  Berge.  Der  wurde
wiederkommen  wie  immer  im  Herbst  aus  den  braunroten
  Wäldern  dort  drüben,  die  den  fernen  Höhenzug
  jenseits  des  Sees  bedeckten.  Den  würde  er
stellen  und  bekämpfen  bis  —  bis  —  egal  wenn  der
der  Sieger  wirde,  das  Sterben  würde  ihm,  dem
Alten  nicht  zu  schwer,  denn  sterben  muß  er  beim
Unterliegen.  Aber  leicht  sollte  dem  Achtzehnender,
dem  Eindringling  die  Eroberung  seines  Berges,
seines  Standes  nicht  werden  —  der  Alte  begann
vor  Erregung  unruhig  zu  werden  und  kam  hoch.
Er  dehnte  und  reckte  seinen  starken  Körper,  hieb  mit
dem  Geweih  in  die  Zweige  der  mannshohen  Kiefer
  und  stand  dann  wie  eine  Bildsäule.  Langsam
schwand  die  Wut,  warum  sich  jetzt  schon  ereifern.

Ein  letztes  Aufleuchten,  ein  rasches  Huschen
einiger  verspäteter  Sonnenstrahlen  —  die  Dämmerung

  kam,  das  Büchsenlicht  schwand.  Nun  war
seine  Zeit.  Noch  einmal  prüfte  der  Hirsch  die
Luft,  lang  wurde  der  bemähnte  Hals,  die  Lauseher

  spielten  —  alles  in.  Ordnung.  Erst  zog  es
ihn  am  inneren  Rande  der  Schonung  entlang,  die
Gräser  waren  hier  aber  hart  vom  Sonnenbrand
und  Trockenheit.  Weiter.  Am  Ende  der  JFichten
sicherte  der  Geweihte  noch  einmal  lang  und  ausgiebig.
  Halt!  Rechts  knackt  etwas!  Grauschwarz,
wie  ein  Gespenst,  wie  verwachsen  mit  dem  Boden
stand  der  Alte:  der  ganze  Körper  straffte  sich,  be-