4—

.  —.

selbst  die  Natur  schien  den  Atem  anzuhalten.
Rings  um  beiden  Hirschen  Stille.  Die  wületen
weiter,  trafen  sich  von  neuem,  prasselten  zusammen.
Dem  Fremden  brach  die  Augsprosse,  er  taumelte,
sprang  zurück,  rasend  kam  er  wieder.  Der  Alte
pagte  gut  auf,  doch  zu  gewaltsam  war  der  Anlauf
gewesen,  er  mußte  in  die  Knie,  sein  rechtes  Licht
hing  in  rotem  Klumpen  aus  leerer  Höhle.  Er  tiß
sich  hoch,  einige  Schritte  nach  links,  wieder  heran.
Fetzen  hingen  dem  Achtzehner  an  der  rechten  Seite.
Sie  kämpften  und  kämpften,  vergaßen  alles  um  sich
her.  Wieder  stehen  beide  Hirsche  getrennt,  atemholend,
  fallen  dann  erneut  aufeinander,  weiter
tracht  und  dröhnt  es.  Da  will  der  Alte  zurück,
einen  neuen  Stoß  machan,  er  kommt  nicht  los.
Der  Gegner  zieht,  auch  der  nicht  —  verkäinpft!  Sie
zerren,  sie  winden  sich,  versuchen  nach  rechts  und
links  zu  brechen  —  vergeblich;  es  geht  nicht.  Sie
stöhnen,  ächzen,  die  Dünnigen  schlagen  und  zitkern,
  die  Hirsche  dampfen,  alles  umsonst  —  verkämpft.
  —

Die  Stunden  kriechen,  die  Hirsche  stehen.  Die
Sonne  brannt,  es  wird  Mittag.  Lang  hängen  die
Lecker  aus  den  Geäsen,  schwach  geht  der  röchelnde
Atem,  die  Läufe  zittern,  matt  sind  die  Lichter,  die
Hirsche  stehen  immer  noch.  Der  Standhirsch  ist
zäher  wie  der  Fremde,  er  ist  noch  hoch,  als  der
Gegner  in  die  Knie  sinkt.

—  AUnser  Dommerland———

Da  begann  der  Alte  vom  Berge:  „Warum  mußtest
  du  kommen,  mich  zu  vertreiben  suchen,  hateest
du  keine  Heimat?  Was  hat  sie  Dir  getan,  daß  du
sie  verließst?  Was  ich?  Ist  nicht  Platz  auf  der
Erde  für  uns  beide?  Und  nun?  Dir  geschieht
recht,  aber  mir!  Allvater,  dort  oben,  gib  ein  rasches
  Ende,  lasse  mich  nicht  langsam  umkommen,
mich,  der  ich  verteidigt,  was  mein,  was  mir  gehört
  seit  meiner  Kindhbeit!“

Die  Sonne  ging  zur  Ruhe,  da  fiel  auch  er.
Durst  —  Durst!  —  Aus  des  Achtzehners  Riß  läuft
Schweiß  dauernd  in  schweren,  eilenden  Tropfen,
hatte  schon  den  ganzen  Tag  geperlt,  es  geht  mit
ihm  zu  Ende.  Er  bochelt,  reckt  sich,  die  Läufe
schnellen,  nur  noch  einige  Zuckungen,  —  er  liegt
still.

Wieder  geht  die  Sonne  auf,  wieder
Herbstgold  über  See,  über  Berg  und  Forsten.
Todeskampf  bäumt  sich  der  Ueberlebende.  Da  —!
gibt  das  Geweih  nicht  nach?  Er  reißt  noch  einmal
  die  letzten  Kräfte  zusammen,  zieht  und  zerrt,
ein  Klappern  —  frei.  Er  taumelt  hoch  —  sieht
seinen  Berg,  den  Waldsee,  sieht  seine  Heimat,  seinen
  toten  Gegner.  Ehrlich  gekämpft,  ehrliches
Sterben!  Tod  nun  komme,  ich  bin  Sieger,  —  ich
—  „der  Alte  vom  Berge“!

strahlt
Jen

S

Die  Gille.

Da  war  er  wieder,  der  volle  blanke  Mond,  der
so  still  seine  altgewohnte  Bahn  am  sternenklaren
Himmel  zog,  der  so  mild  durch  das  Geäst  und
durch  die  Blätter  der  hohen  Bäume  des  lkleinen
Holzes  schien,  und  auf  den  Waldboden  sein  weiches
Licht  goß,  das  den  vom  Teageslicht  geblendeten
Sehern  so  wohl  tat,  daß  sie  äugen  und  die  Tiere
erkennen  konnten,  die  sie,  die  Eule  brauchte  für  sich
und  um  die  Jungen  groß  zu  bekommen.  Auf  dem
durren  Ast  der  dicken  Buche,  in  deren  hohlen
Stamm  sie  ihre  drei  Kinder  hatte,  saß  die  Mutter,
sah  im  Mondesscheine  wie  ein  dickes  Ausrufungszeichen
  über  einem  Gedankenstrich  aus  und  äugte
von  oben  herab  auf  das  silbergrüne  Heidelbeerkraut,
  auf  dem  jetzt  so  hellen  Boden  nach  Beute.

Schwer  hatte  sie  es,  seitdem  der  Vater  der  noch
nicht  flüggen  Jungen  verschwunden,  der  nicht  wiederkam,

  als  er  getreulich  half,  Atzung  herbeizuschaffen.
  Es  mußte  ihm  ein  Unglück  zugestoßen
sein.

Von  C.  Bloe  dorn.

Goldig  stieg  jetzt  die  Scheibe  des  nächtlichen
Wanderers  am  Sternenzelt  höher  und  höher,  entschwand
  bisweilen  hinter  Laubgewirr  und  erschien
wieder  zwischen  den  Lichtungen.

Auf  einmal  bekamen  die  großen  schönen  Philosophenaugen
  der  Eule  Glanz,  die  weichbeflederten
Ständer  lösten  sich  vorsichtig  vom  Ast,  ein  Heben
der  Schwingen,  ein  lautloses  Abstreichen,  ein  leiser
Schrei  der  geschlagenen  Maus,  die  im  Fallaub  geraschelt,
  die  Eule  flog  mit  der  Beute  zum  Astloch,
zum  Horst  der  Kinder.  Selbst  Hunger  hatte  sie,
der  Magen  knurrte  schon  lange,  aber  Mutterliebe
ließ  nicht  zu,  daß  sie  jetzt  schon  kröpfte.  Erst  gegen
Morgen,  als  der  Nachwuchs  im  Neste  zum  Platzen
gefüllt  war,  gönnte  sich  die  Eule  auch  etwas.

Acht  Tage  und  Nächte  regnete  es  ununterbrochen.
  Bon  den  Zweigen  fielen  große  Tropfen,  an
den  Stämmen,  in  den  Ritzen  der  Rinde  lief  das
Wasser  in  finderdicken  Rieseln  herab.  Die  Erde
war  vollgesogen  wie  ein  nasser  Schwamm,  ein  dich-