Der  Bock,  der  gerade  neben  ihm  geht,  neckt  es:

„Is  to  Bän  (=  Boden)  stägen!“

Aengstlich  fragt  das  Lämmchen  wieder:

„Kümmt  s’  nich  ball  werre?“
Aber  hartherzig  antwortet  er:

„Ne-ze,  neze!“  20)

—  —  —  —  Nun  folgen  schwere  Tage  für  die
Sänger  in  Wald  und  Flur;  es  gilt,  f.r  die  lleinen
  hungrigen  Schreihälse  zu  sorgen  und  sie  zu  erziehen.
  Wie  oft  muß  die  Goldammer  ihren  ungezogenen
  Jungen  warnend  zurufen:

„Sitt  du  man  still  upn  Borrn  (-Boden).

Von  di  heit't:  jung,  jung  verdorben!“

Auch  der  Landmann  hat  Arbeit  die  Hülle  umd  die
Fülle.  Kaum  fängt  der  Tag  an  zu  grauen,  so
beginnen  die  Mücken,  die  am  Abend  vorher  durch
das  offene  Fenster  geflogen  sind,  über  dem  Bett
des  schlafenden  Bauern  zu  summen  und  singen  im
Halbdunkel:
„Ick  will  di  woll  finnen!  Ick  will  die  woll
finnen!“
Unwillig  wehrt  er  sie  ab;  da  hört
Schwalbe  über  dem  Fenster  ruft:

„Michel,  Michel,  Michel,  stah  up!

Is  helle  lichte  Dag,  is  helle  lichte  Dag!“
Mit  Sensen  und  Harken  geht's  dann  zum  Heuen.
Hoch  oben  im  Blauen  begrüßt  die  Lerche  frohlockend
  die  Mägde:

er,  wie  die

„Alle  Jungfern  sünd  schöne,  sünd  schö-ne,
sünd  schö-ne,
Wenn  ick  se  seih,  wenn  ick  se  seih,  wenn  ick
se  seih!
und  gedämpfter:
Wenn  se  int  Feld  gahn,  wenn  se  int  Feld
gahn,

Denn  sünd  se  schöne,  denn  sünd  se  schö-ne."
Aber  die  Schwalbe  will  das  nicht  so  unbedingt
wahr  haben  und  eifert  dagegen:

„Aewerst  du  füst  seihn,  wenn  ick  se  seih,  wenn

ick  se  seih,

Wenn  se  in  de  Käk  gahn,  wenn  se  in  de  Käk

gahn

Un  bi  'n  Pott  stahn,  un  bi'n  Pott  stahn.

Denn  süllen  se  sich  wat  schämen!“

Auf  der  Wiese  ruft  den  Schnittern  der  Wachtelkönig
  oder  Schnartendart,  wie  er  auch  nach  seinem
Rufe  heißt,  entgegen:

„Scharp,  scharp!

Hau  sach!

Lang  'n  Dag,  korte  Nacht!

Dat  du  nich  warst  ermäuden!“

Der  Tag  ist  schwül,  und  dicke  Schweißtropfen
perlen  auf  der  Stirn.  Wer  weiß,  wie  lange  es

20)  Das  Lamm:  „Wo  is  min  Mutte  bläben?“
Das  Schaf:  „Is  upn  Balken  stägen.“  Das  Lamm:
„Ob  se  wol  wedde  kimmt?“  Das  Schaf:  „'ck  löw
schwärlich.“

Unser  Dommerland  —

199

rief  die

noch  trocken  bleibt!
Pute  auf  dem  Hofe:
„All  Tid  Schmacht  Schmacht  Schmacht  (Durst).“
und  im  Buschwerk  am  Wege  zirpte  der  Regen—
pfeifer:
„Dürrr,  dürrr!"
und  der  Fink  ließ  wie  immer  bei  bevorstehendem
Witterungswechsel  sein  unruhig-melancholisches
„Tief  tief!"
vernehmen.  Nun  kündigt  auch  das  Wasserhuhn  auf
dem  nahen  Weiher  Regen  an,  indem  es  die  Schnitter
  mahnt:
„Scharp  Sträk!  Scharp  Sträk!“  21)
Dazwischen  ruft  die  Rohrdommel  22)  dumpf:
„Ick  vefup!  Ick  besupl“
Und  damit  man's  auch  gar  glaubt,  singt  das  Notschwänzchen:

„Weit,  weit,
Dat't  morgen  regen  deit!"
Sie  sollen  recht  behalten.  Den  Tag  schließt  ein
nächtliches  Gewitter,  das  in  einen  allgemeinen
Landregen  übergeht.  Zwar  ziehen  die  Schnitter
am  nächsten  Morgen  wieder  aus,  aber  ihr  Hoffen

Schon  am  Morgen

ist  vergeblich.  Höhnend  quäkt  der  Laubfrosch,  als
sie  durchnäßt  heimkehren,  ihnen  nach:

„Natt  natt,  wat  is  dat  natt!“

—  —  —  Der  Juni  und  der  halbe  Juli  sind

vorüber,  mit  ihnen  die  Zeit  der  Sorgen  für  die
Végel,  und  auf  die  sauren  Wochen  folgen  nun  wieder
  frohe  Feste.  Gelt,  Vöglein,  das  ist  andre  Zeit,
wenn’'s  Korn  in  alle  Furchen  streut!  Wer  sich
ehedem  im  Winter  mühsam  genug  durchgeschlagen
hat,  der  wird  jetzt  in  der  Zeit  des  Wohllebens
übermütig.  Die  Goldammer,  die  im  Winter  den
Bauern  auf  dem  Hofe  kläglich  um  Obdach  und
Nahrung  angefleht  hat:

„Bur,  Bur,  lig  mi  din  Schün!“
sitzt  nun  keck  auf  der  schwankenden  Spitze  des
Schlehdorns  am  Wege  und  schimpft  den  Bauern,
der  nachsieht,  ob  sein  Korn  noch  nicht  reif  ist:

„Di  mein  ick,  du  du,

Hest  mi  nich  mal  'n  Kräumken  Brot  gäben!"
oder  prophezeit  ihm:

„Sillen  (-selten)  sillen  de  Bur  ward  rik!“
oder  höhnt  gar:

„Elt  ett  ett,  wat  ic  sch  23)

21)  D.  h.  „Schärfe  mit  dem  Streicher  (die
Sense)!“  Aehnlich  legt  man  dem  Ruf  der  Becassine
  die  Worte  unter:  „Seiß  (-Sense)  scharp,  Seiß
scharpl“  Aus  ihrem  Namen  Himmelsziege  (Häwezäg)
  hat  man  an  manchen  Orten  Haferziege  (Havezäg)
  gemacht.  Sie  soll  auch  schnarren:  „Du  hest
dine  Hawer  eista  seegt,  ick  heww'n  all  meegt.“

22)  Sie  hei  zt  von  ihrem  Rufe  beim  Volke  „Rur—
dump“.

23)  Auch  die  Schwalbe  und  der  Grünling  oder
Grünsel  sollen  so  rufen.  Die  Goldammer  singt