noch  im  rechten  Augenblick  hat  ihn  der  wachsame
Gant  bemerkt  und  kreischt  warnend  auf:

„Rührdanz  kümmt!  Rührdanz  kümmt!“  29)

„Man  furrrt,  man  furrrt,  man  furrrt!“
schreit  die  ganze  Schar  und  sucht  das  Weite.  Auf
dem  Stoppelfelde  finden  sie  sich  wieder  zusammen,
und  wie  sie  beim  Aehrensammeln  den  Kopf  bald
rechts,  bald  links  wenden,  sagen  sie:

„Dit  nähm  ick,  dit  nimm  du!  Dit  nähm  ick,

dit  nimm  dul“"
Mittlerweile  aber  bekommen  sie  Durst,  werden  unruhig
  und  schnattern  „tott  tott  tott  tott“  und  gehen
eine  kleine  Strecke  nach  rechts:

„Hott  hott  hott!“

Der  erste  Gant  aber  will  nicht  rechts  gehen,  sondern
  links  abbiegen  und  schreit  aus  vollem  Halse

„Hü-ü!“

Mit  einem  Male  machen  alle  eine  Schwenkung  nach
links,  folgen  einzeln  dem  Anführer,  und  ein  Gant
beschließt  den  Zug.  So  geht's  im  Gänsemarsch  dem
Bache  zu.  Da  sie  aber  sehr  durstig  sind,  ruft  der
hinterste  Gant  dem  vordersten  zu:

„Jakopp!“

Der  antwortet:
„Isack!“
Der  andere  fragt  weiter:

„Is  't  Water  noch  wid?“
Und  als  der  erste  zurück  ruft:

„Ja—a!“
da  fangen  alle  Gänse  an  zu  klagen:

„Ach  Gott,  ach  Gott!  Ach  Gott,  ach  Gott!“
und  watscheln  kopfschüttelnd  weiter.  30)

—  —  —  Die  Ernte  ist  gut  eingebracht,  und  nun
blüht  der  Weizen  des  Müllers:  Tag  und  Nacht
klappert  die  Mühle.  Wenn  sie  bei  schwachem  Winde
langsam  angeht,  so  knarrt  sie:

„'t  is  zum  Verdarrrwen!  't  is  zum  Verdarrrwen!“


29)  Aehnlich  „d'  Schriwe  (  der  Gutsberechner)
kümmt!“  —  Als  die  Gänse  einmal  an  dem  Gerstenfeld
  des  Pfarrers  vorbeikamen,  ließen  sie  sich  die
Aehren  gut  schmecken  und  totterten  dabei:  „Papagasta,
  Papagastal“  Plötzlich  taucht  der  Gestrenge  in

der  Ferne  auf,  und  gleich  den  Dorfbuben,  die  dem

Pfarrgarten  einen  heimlichen  Besuch  abgestattet  haben,
  flüchten  sie  mit  dem  Schreckensruf:  „Kirrrchberrr,
  Kirrrchherrr!"

30)  Der  Gänserich  sagt,  wenn  ihn  der  Fuchs
beim  Kragen  kriegt,  zur  Gans:  „Lisbeth,  kumm,
redd  mi!  Wo  god  wör  wi  us  doch  beed!“  Die
Gans  antwortet:  „Das  was  dunn,  un  dit  is  nul"
—  Dei  Voß  har  ein  Gaus  an  de  Flücht,  dor  beer
des',  sei  wull  man  noch  einen  Danz  mit  em  makem,
hei  süll  Hoppaß  un  sei  denn  Kiijack  singen;  dor  ging
de  Voß  up  in,  hei  füng  Hoppaß!  De  Gaus  har
nu  ehr  Flücht  fri,  röppt  „Kijack“  un  flücht  na'n
Dik,  wo  ehr  Wäschen  un  Süstern  se  freudig  „wi
wi  wi“  willkamen  heiten  deeden.

Unser  Dommerland—

201

Bei  stärkerem  Winde  tröstet  sie:
„Noch  nich,  noch  nich!“

und  frohlockt  bei  lebhaftem:
„Knicktnacken,  knickknacken!  Vom  Schäpel  dre

Matten!“  31)

den  großen  Herrn.  Wohl

als  er  abends  zum  Tanz

Nun  spielt  der  Müller
warnt  ihn  die  Mühle,
geht:

„Jäkt  di  de  Puckel?  Jäkt  di  de  Puckel?“

Er  hört  nicht  darauf.  —  Gegen  Morgen  kehrt  er
mißmutig  heim;  er  hat  wirklich  auf  dem  Tanzboden
  Schläge  bekommen  und  ist  schließlich  hinausgeworfen
  worden.  Und  wer  den  Schaden  hat,
braucht  für  den  Spott  nicht  zu  sorgen.  Als  er  über
den  Hof  wankt,  rufen  ihm  die  Spatzen  als  Morgengruß
  höhnisch  zur

„Sühst!  Sühst!"
und  die  Mühle  klappert  spöttisch:

„Het  di  de  Puckel  jäkt?  Het  di  de  Purckel  jäkt?“
Als  der  Wind  gegen  Mittag  nachläßt  und  zuletzt
ganz  einschläst,  bindet  der  Müller  die  Ziege  an  den
Windmüählenflügel,  weil  darunter  das  Gras  besonders
  üppig  steht,  und  legt  sich  nicht  weit  davon  aufs
Ohr,  um  nachzuholen,  was  er  in  der  Nacht  versäumt
  hat.  Plötzlich  setzt  ein  Luftzug  die  nicht  abgestellte
  Mühle  in  Bewegung.  Die  Ziege,  die  die
Gefahr  ahnt,  schreit:  „Mei-iste!“  Halb  im  Schlaf
fragt  er:  „Wat  wißt?"“  „Ick  verreis'!“  „Kümmst
ball  werre?“  Inzwischen  ist  der  Flügel  der  Mühle
schon  so  weit  herumgegangen,  daß  die  Ziege  nur
noch  auf  den  Hinterbeinen  steht  und  gerade  noch
bervorbringt:  „Nimmerme-ehr!“  32)

Die  Feldarbeit  hört  allmählich  auf,  und  stiller
wird's  auf  der  weiten  Flur.  Da  horch!  Ein  Trupp
Soldaten  zieht  singend  die  Landstraße  einher  und
rückt  dann  unter  den  Klängen  eines  frischen  Marsches
  in  das  Dorf  ein.  Menschen  und  Tiere  nehmen
  in  gleicher  Weise  an  diesem  wichtigen  Ereig-31)

  Wenn  die  Mühle  angeht,  sagt  sie  langsam:
„Back  Waffelkuchen!“  Dann  fährt  sie  schneller  fort:
„Zum  Essen,  zum  Essen!“  oder  „Vom  Schäpel  drei
Matten  vom  Schäpel  drei  Matten,“  („Vom  Schepel
dre  Matt  Matt  Matt,“  „dre  Matta  vom  Scheipel,
dre  Matta  vom  Scheipel!“)  Mißgünstige  wollen  aus
dem  Takt  der  Mühle  heraushören:  „Möller,  Moller,
  Mattendeef!  Rückt  den  Burn  den  Sack  so
scheef“  Die  Mühle  soll  auch  „Backappel,  Backappel“
klappern,  womit  man  anderwärts  treffender  das
Pferdegetrappel  nachahmt.

32)  Als  bei  dem  Arbeiter  H.  der  Heuvorrat
aufgezehrt  war,  wollte  er  seine  Ziege  schlachten.
Er  tritt  mit  dem  Messer  in  der  Hand  in  den  Stall
und  sagt  zu  der  Ziege:  „Räuber!“  Die  Ziege  mekkert:
  „Mö-örder!“  Als  er  aber  dabei  bleibt:  „Ran
mußt  du  doch!“  schreit  die  Ziege  angstvoll:  „Aber
ni  mit't  Metz,  aber  ni  mit't  Metz!“  H.  fühlt  ein
menschliches  Rühren  und  läßt  die  Ziege  leben.