Die  Ciebelole.

Erzählung  aus  der  pommerschen  Herzogszeit  von  Okto  Droß

(Schluß.)

Herr  Sambor  lachte  oft  grimmig  in  sich  hinein,
wenn  er  einen  solchen  Edelhof  verließ.  Wahrlich,
in  ihren  Ansprüchen  waren  diese  Saufbolde,  wie
er  sie  wegen  einer  ihrer  Hauptleidenschaften  bei  sich
verächtlich  nannte,  nichts  weniger  als  bescheiden.
Wenn  er  nur  erst  die  Macht  in  Händen  hätte,
so  sollten  sie  schon  Genügsamkeit  lernen.  Ein
Popanz  der  Herren  Edelinge  wollte  weder  er  selber
  noch  sollten  es  seine  Nachkommen  sein.

Auf  seinen  Erkundigungsritten  sprach  Herr  Sambor
  zuletzt  auch  in  Drosedow  bei  Herrn  Jakzo  vor.
Der  Gutsherr  aber  war  nicht  imstande,  sich  von
seinem  Lager  zu  erheben.  Er  hatte  am  vorigen
Tage  in  dem  nahe  gelegenen  Flecken  Treptow  geweilt
  und  dort  in  der  Trunkenheit  mit  dem  fürstlichen
  Vogt  Händel  gesucht,  in  deren  Verlauf  er

von  diesem  jämmerlich  verprügelt  worden  war.
Herr  Jakzo  hatte  infolgedessen  seinem  Widerpart
tödliche  Rache  geschworen  und  erklärte  dem  Besucher,

  daß  der  hochfahrende  und  gewalttätige  Vogt
als  einer  der  ersten  gehenkt  werden  müsse,  sobald
Herr  Sambor  den  Oberbefehl  über  das  Heer  übernommen
  habe.

Der  Horster  Burgherr  verließ  den  großmäuligen
Trunkenbold  wenig  befriedigt  mit  dem  Gefühl  der
Verachtung  und  des  Abscheus.  Und  der  widerliche
Lump  erfrechte  sich,  die  Hand  nach  seiner  Tochter
auszustrecken!

Herrn  Sambors  Empfindungen  dem  zerbleuten
und  zerschundenen  Edlen  gegenüber  aber  hätten  sich
noch  um  die  maßlosen  Zornes  vermehrt,  wenn  ihm
bekannt  gewesen  wäre,  welch  folgeschweren  Verrat
an  dem  Geheimnis  der  Verschworenen  der  mettrunlene
  Herr  Jakzo  in  seinem  ohmmächtigen  Wutausbruch
  dem  stärkeren  Gegner  gegenüber  sich  hatte  zu
Schulden  kommen  lassen.

Auf  dem  Heimwege  stellte  Herr  Sambor  unwillkürlich
  Vergleiche  zwischen  dem  soeben  verlassenen
  Volksgenossen  und  dem  deutschen  Ritter  an.
Wiewohl  dieser  persönlich  ihm  nicht  bekannt  war,
so  hatte  er  doch  des  Rühmenswerten  genug  über
ihn  gehört.  Wie  tief  stand  doch  der  unmäßige  und
zuchtlose  Landsmann  unter  diesem  nüchternen  und
strebsamen  Deutschen!  Aber  trotz  alledem!  Er  gehörte
  der  verhaßten  Räuberbrut  an  und  deshalb
war  ihm  nur  nach  Recht  geschehen.  Aber  —  und
hier  geriet  der  Grübelnde  wieder  in  jenen  peinigenden
  Zustand  der  hilflosen  Ungewißheit  und  des

Zweifels  —  war  das  Gewünschte  denn  auch  wirlich
  in  Erfüllung  gegangen?

Bevor  Herr  Sambor  in  seine  Burg  zurückkehrte,
  trat  er  in  die  Behausung  des  Oberpriesters
ein,  die  sich  wenigstens  durch  ihre  Geräumigkeit  und
das  Vorhandensein  einigen  Hausrats  vor  den  erbärmlichen
  Fischerhütten  auszeichnete  und  mehr  den
Wohnstätten  der  behäbigeren  Zinsbauern  glich.
Kanja  hatte  Erkundigungen  über  den  Ritter  einziehen
  sollen  und  berichtete  nun,  daß  dieser  allem
Anschein  nach  sich  weder  auf  der  Burg  noch  zu
Wollin  oder  Kammin  befinde.  Seine  Späher  hatten
  trotz  eifrigsten  Nachforschens  keine  Spur  von
ihm  entdeckt,  auch  kein  Anzeichen  dafür  wahrgenommen,
  daß  er  noch  am  Leben  sei.  Trotzdem  es
Herrn  Sambor  immer  noch  befremdete,  daß  so  gar
keinerlei  Nachforschungen  nach  dem  Vermißten  angestellt
  waren,  gab  er  nunmehr  wiederum  der  Hoffnung
  Raum,  daß  der  Ritter  tief  unten  im  Ufersande
  ruhe,  und  es  gelang  ihm  einige  Tage  lang,
seine  trüben  Ahnungen  zu  unterdrücken.  —

Auch  über  das  Schicksal  seiner  Tochter  hatte  sich
Herr  Sambor  allmählich  beruhigt.  Bei  reiflicher
Erwägung  aller  Umstände,  die  mit  ihrem  Verschwinden
  zusammen  hingen,  hatte  er  sich  erinmert,
daß  sie  eines  Tages  im  verwichenen  Jahre,  als  er
noch  dem  Gedanken,  sie  mit  Herrn  Jakzo  zu  vermählen,
  weniger  fern  stand,  ihm  gedroht  hatte,  sie
würde,  falls  er  sie  zu  zwingen  versuchte,  sich  durch
die  Flucht  der  verhaßten  Verbindung  entziehen  und
nicht  früher  heimkehren,  als  bis  er  sie  versichert
habe,  daß  er  von  seinem  Plane  abzustehen  bereit
sei.  Nun  hatte  sie  in  dem  Glauben,  daß  an  jenem
Tage  ihrer  Flucht  ihr  Schicksal  entschieden  werden
sollte,  ihre  Drohung  wahrgemacht.  Sie  würde  nun,
wie  er  annahm,  sich  geraume  Zeit  verborgen  halten
  und  dann  in  vorsichtiger  Weise  seine  Gesinnung
erkunden.  Wenn  sie  dann  die  Gewißheit  erhielte,
daß  er  seine  Absicht  aufgegeben  habe  und  daß  sie
vielmehr  einen  Fürstenthron  besteigen  solle,  so
würde  sie,  wie  er  mit  Bestimmtheit  hof'te,  aus
ihrem  Versteck  hervorkommen  und  zu  ihm  zurückkehren.
  —

Doch  bald  sollten  andere  Geschehnisse
Sambors  Seele  neuerlich  beunruhigen.

Eines  Tages  befand  er  sich  mit  seinem  Sohne
am  Meeresstrande.  Das  Pommersche  Meer,  das  zu
Zeiten  so  umgebärdig  sich  zu  erheben  vermochte,
grimmwütig  über  die  Dünen  raste  oder  mit  gieri-Herrn

