gen  Zungen  das  steile  Lehmufer  jenseits  des  Lin—
denfließes  untergrub,  so  daß  gewaltige  Klötze  des

harten  Erdreiches  donnernd  zu  Strande  stürztem,
dies  zuweilen  so  wildtrotzige  Ungetüm  lag  heute
in  friedlichster  Ruhe  wie  ein  im  Wiegenkorbe

schlummerndes  Kind  zu  Herrn  Sambors  Füßen.
Der  helle,  warme  Sonnmenschein  lagerte  über  der
unabsehbaren  Fläche,  die  wie  ein  einziger,  silberner
  Spiegel  bis  zum  fernen  Horizont  erglänzte,  wo
ein  feiner,  bläulicher  Dunst  als  Rahmen  lagerte.
Nur  mit  kaum  vernehmbarem,  leisem  Rauschen  und
kaum  sichtbar  wallte  in  bestimmten  Zwischenräumen.

Welle  auf  Welle  in  einschläferndem  Einone  über
den  Ufersand,  den  regelmäßigen  Atemzügen  eines

Schlafenden  vergleichbar.  Vom  Walde  her  ließ  sich
eine  Zeit  lang  der  Kampf=  und  Liebesruf  des
Kuckucks  vernehmen,  und  ein  Häher  warnte  noch
nachträglich  eine  kurze  Frist  das  Getier  des  Waldes
  vor  dem  gefahrbringenden  Menschen,  trotzdem
er  die  beiden  Wanderer  die  Dünen  bereils  haite
überschreiten  sehen.  Doch  endlich  schwieg  auch  er
und  tiefste,  frieddolle  Stille  umwob  den  einsamen
Mann,  der  sich  im  Anblick  des  Meeres  auf  dem
weichen  Di  nensande  niedergelassen  hatte.  —
Doch  Herrn  Sambors  Seele  wurde  von  diesem
Frieden  der  Natur  nicht  berührt.  Während  der
muntere  Knabe  drunten  am  Wasser  versuchte,  sich
an  eine  der  zahlreichen,  auf  der  glitzernden  Wasserfläche
  unfern  des  Strandes  treibenden  oder  sich  darüber
  tummelnden  Möven  anzupirschen,  um  sie  mit
sicherem  Pfeilschuß  zu  erlegen,  weilten  des  Vaters
Gedanken  bei  Kampf  und  Herrschaft,  ja  dem  grausigen
  Morde.  Denn  Herr  Sambor  war  endlich
doch  zu  der  Ueberzeugung  gekommen,  daß  der  alte
Preußenfürst  Wolf  Jagiello  Recht  habe.  Das  Fürstenhaus
  mußte  vertilgt  werden,  wenn  er  die  Herrschaft
  für  sich  und  seine  Nachkommen  sichern  wollte.

Doch  nur,  soweit  es  notwendig  war,  sollte  Blut
vergossen  werden.  Den  alten  Fürsten  selbst,  der
schon  längere  Zeit  an  einer  anscheinend  ernsten

Krankheit  litt  und  dessen  Tage  daher  gezählt  schienen,
  sollte  nebst  seiner  Gemahlin  bis  zu  seinem
Tode  in  sicherem  Gewahrsam  gehalten  werdem.
Aber  die  jungen  Fürsten  mußten  sterben.  —
Herrn  Sambors  Auge  schweifte  über  die  weite
Fläche  der  See.  Wie  tot  und  ede  das  Gewässer
dalag!  Nur  weit  gegen  Westen  verrieten  einice
dunkle  Punkte,  daß  dort  die  Seefischer  von  Rewal
ihrem  Gewerbe  nachgingen.  Sonst  war,  soweit  das
Auge  sich  erging,  kein  Fahrzeug  zu  erblicken.  Wie
ganz  anders  war  es  gewesen,  bevor  noch  die  stolze
Handelsfeste  Jumneta  auf  dem  linken  Oderwerder
von  dem  unersättlichen  Dänenkönige  Niels  zerstört
worden  war  und  ehe  noch  die  Preußenherrscher
ihren  Untertanen  jeden  Handelsverkehr  mit  den
Pemmern  beit  Todesstrafe  verboten  hatten,  verboten,
  weil  diese  sich  den  verhaßten  Polen  in  die
Arme  geworfen  und  das  Christentum  angenommen
bhatten!  Damals  war  die  See  um  diese  Zeit  von
Lastfahrzeugen  aller  Art  belebt.  Selbst  die  Erzeug-Unser

  Pommerland

200

nisse  des  fernen  Morgenlandes  wurden  auf  Schiffen
  der  Preußen  die  letzte  Strecke  Wegs  bis  in  die

naheliegenden  Handelsstädte  befördert.  Und  vomn
Westen  her  kamen  Friesen  und  Sachsen,  Angeln,

Normannen  und  Franken,  ja  selbst  Griechen  und
Phönizier  zu  einträglichem,  ehrbarem  Handel.  Aber
jetzt  war  all  das  Leben  erstorben,  all  die  Pracht
umnd  all  der  Glanz  dahin,  der  Born  des  Wohlstandes
  versiegt.

Doch  ein  neues  Jumneta  sollte  erstehen,  sobald
nur  erst  er  die  Geschicke  des  Pommernlandes  lenkte.
Aufs  neue  sollten  Handel  und  Wandel  erblühen
und  ihre  Pfade  Land  und  Meer  durchziehen.

Während  Herr  Sambor  hier  in  seinem  Gedankengange
  innehielt,  um  nach  seinem  Sohne  ausäuschauen,
  der  ihm  zur  Rechten  dem  Jagdvergnügen
  oblag,  sah  er,  als  er  den  Blick  westwärts
wandte,  ein  Ruderboot  herannahen.  Er  hatte  es
bereits  vor  einer  halben  Stunde  etwas  abseits  von
den  übrigen  Fahrzeugen  bemerkt,  war  jedoch  der
Meinung  gewesen,  daß  es  zu  jenen  Fischerbooten
gehöre.  Noch  vermochte  er  die  im  Fahrzeuge  befindlichen
  Personen  nicht  zu  unterscheiden.  Da  es
ungefähr  die  Stunde  war,  um  die  vordem  der  deutsche
  Nitter  hier  zu  erscheinen  pflegte,  stutzte  er,
dann  aber  lächelte  er  sogleich  ob  seines  augenblicklichen
  törichten  Argwohns.  Der  Ritter  war  tot.
Und  wenn  er  wirklich  noch  lebte,  würde  er  sich  hüten,
  zum  zweiten  Male  das  Lager  des  Bären  aufzusuchen.
  Trotzdem  Herr  Sambor  bewaffnet  war,
rief  er  doch  seinem  Sohne  und  legte  sich,  als  dieser
  herbeigekommen  war,  mit  ihm  hinter  den  Dünen
  auf  die  Warte.  Von  hier  aus  beobachtete  er
das  sich  nähernde  Fahrzeug  und  erkannte,  als  es
nach  geraumer  Zeit  näher  kam,  zwei  Männer  in
demselben,  die  sich  kräftig  in  die  Ruder  legten.  Zuletzt
  entdeckte  sein  scharfes  Auge  noch  ein  um  den
ausgehobenem  Mast  gewickeltes  Segel.  Das  Boot
musie  also  aus  weiterer  Entfernung  kommen,  da
die  Männer  bei  ihrer  Abfahrt  entweder  Segelwind
gehabt  oder  solchen  unterwegs  noch  zu  bekommen
gehofft  hatten.

Der  Burgherr  blickte  argwöhnisch  zu  dem  Fahrzeuge
  hinüber,  das  sich,  je  näher  es  kam,  desto
mehr  dem  Strande  zuwandte.  Nun  war  es  an  der
Stelle,  wo  der  Lindenbach  kurz  vor  dem  Meere  im
Ufersonde  verrann.  Da  hielten  die  Insassen  plötzlich
  in  der  Fahrt  inne,  worauf  der  eine  die  Ruder
einzog,  sich  erhob  und  aufmerksam  die  Gegend  betrachtete.
  Darauf  nickte  er  dem  Gefährten  zu  und
begab  sich  an  das  Steuer,  während  jener  wiederum
die  Ruder  handhabte.  Und  nun  hielt  der  Steuernde
nach  kurzer  Fahrt  das  Boot  auf  den  Strand  zu,
wo  es  nach  wenig  Augenblicken  auflief.  Die  Männer
  zogen  nunmehr  das  Fahrzeug  auf  den  Sand,
worauf  sie  die  Nuder  und  das  vom  Maste  abgelöste
  Segel  über  die  Schultern  warfen  und  sich  den
Dünen  zuwandten.  Nun  war  Herr  Sambor  sicher,
daß  jene  nichts  Feindliches  im  Schilde  führten,
sondern  jedenfalls  an  ihn  abgesandte  Boten  waren.