—

Schaffnerin  zu  seiner  Bestürzung,  daß  Slavina  be—
reils  in  aller  Fruhe  völlig  angetleidet  aus  ihrer
Kammer  pervorgekommen  sei  und  ihr  mitgeteilt
habe,  daß  sie  die  Abwesenheit  des  Vaters  benugen
wolle,  um  noch  eine  Angelegenheit  daheim  zu  ordnen.

  Auf  ihre  Warnungen  habe  sie  geantwortet,
daß  niemand  dort  wagen  wurde,  sie  anzuhalten.

Herr  Kunrad  möge  ihr  jedoch  nicht  folgen,  da  dies
ihnen  beiden  zum  Unheil  ausschlagen  konme.  Gleich
darauf  habe  sie  die  Burg  verlassen.

Kunrad  sann  nur  kurze  Zeit  über  die  Art  der
Verrichtung  nach,  derentwegen  Slavina  den  immerhin
  unvedachten  Schritt  unternommen  haben  dürfte,
und  da  siel  es  ihm  plotzlich  wie  Schuppen  vom  den
Augen.  Die  Geliebte  woute  ihn  an  dem  heimtüctschen
  Priester  rächen.  Hatte  sie  doch  diesen  Vorsag
sogleich  nach  dem  Ueberfall  und  auch  noch  zu  einem
spateren  Male  ausgesprochen.  Er  hatie  ihr,  wenignens
  das  letzte  Weal,  diese  Absicht  verwiesen  und
sie  belehrt,  dat  es  ulcht  christlich  sei,  Nache  zu
üben.  Den  Verbrecher  werde  auch  ohne  ihr  Zutun
die  gerechte  Strafe  treffen.  Und  sollte  er  ihr  auch
hier  auf  Erden  entfliehen,  so  werde  er  sie  doch
nach  dem  Tode  erhalten.  Damals  hatte  Slavina
anscheinend  seinen  Worten  Gehör  gegeben,  denn  sie

hatte  seitdem  nicht  wieder  ihres  Vorhabens  erwähnt.
  Aber  Herr  Kunrad  wußte  auch  aus  alten

Historien,  welcher  Taten  ein  liebendes  Weib  fähig
sei.  Ihn  dauerte  die  arme,  noch  in  heidnischem
Irrwahn  befangene  Maid.  Aber  zu  zürnen  vermochte
  er  ihr  nicht,  war  doch  nur  die  innigste  Liebe
zu  ihm  der  Grund  ihres  Vorhabens,  wenn  sie  dieses
  wirklich  ausführte.

Aber  nacheilen,  beistehen  mußte  er  ihr,  salls  sie
noch  seinethalben  in  Gefahr  geraten  sollte.

Und  schon  hatte  Kunrad  sich  sein  Noß  vorführen
  lassen,  als  er  sich  noch  zu  guter  Zeit  der  Warnung
  erinnerte,  die  ihm  die  Schaffnerin  bestellt
hatte.  Da  ließ  er  denn  den  Fuß,  den  er  bereits
nach  dem  Steigbügel  ausstreckte,  sinken  und  überlegte
  sein  Vorhaben.  Und  nun  mußte  er  sich  gestehen,
  daß  Slavinas  Wunsch  gerechtfertigt  war.
Daß  die  Geliebte  sich  zunächst  zu  der  Waldfrau  begeben
  hatte,  war  nicht  wahrscheinlich,  da  sie  auf
dem  Wege  zu  dieser  dicht  am  Dorfe  vorüberreiten
mu5te,  was  sie  doch  jedenfalls  zu  vermeiden  bestrebt
  war.  Auch  vermochte  sie  von  der  Hütte  der
Kräuterfrau  aus  nichts  zu  unternehmen.  So  blieb
nur  noch  die  Annahme,  daß  sie  sich  in  der  Nähe
des  Dorfes  am  Waldrande  verborgen  halten  und
die  Gelegenheit  abwarten  würde,  gegen  den  Priester
  vorzugehen.  Wo  aber  sollte  er  sie  dort  suchen?
Und  würde  er  sie  nicht  gar  durch  sein  Kommen,
sobald  sie  dies  von  Ferne  bemerkte,  veranlassen,
an  einem  ungeeigneten  Zeitpunkte  zu  handeln?  So
würde  er  sie  vielmehr  gefährden,  da  er  sie  doch
schützen  wollte.  Denn  daß  die  Geliebte  ihr  Vorhaben
  aufgeben  und  ihm  unverrichteter  Sache  folgen
  würde,  glaubte  er  nunmehr  nimmer.  —  Sicherlich
  hatte  sie  ihren  Plan  nach  allen  Seiten  hin  reif-Unser

  Dommerland

213

lich  erwogen  und  vorbereitet.  So  hatte  sie  viel—
leicht  nichts  zu  befurchten.  Und  dem  verbrecherischen
  Schurken  wurde  schließlich  nur  sein  hrervt.
Daheim  in  seinem  Vaterlande  hinge  er  schon  lauge
an  der  Weide.  Leid  tat  es  ihm  nur,  dat  sein  armes
  Lied  sich  mit  dem  Blute  des  Schurken  beflecken
  mußte.

So  beschloß  denn  Herr  Kunrad,  Slavinas  Verlangen
  zu  erfallen.  Zu  seiner  Beruhigung  diente
ihm,  dan  sie  eines  der  flintsten  Rosse  fur  ihre
Fahrt  ausgewählt  hatle.  Doch  nichts  hatte  ihn
abhalten  konnen,  sie  wenigstens  auf  halbem  Wege
zu  erwarten.  So  befahl  er  denn,  mehrere  mit  der
Urbarmachung  eines  Feldes  beschaftigte  Knechte
herbeizuholen  und  ein  halbes  Dutzend  Rosse  fur
baldigen  Aufbruch  unter  Sattel  zu  halten.  —

Um  die  gleiche  Zeit  mochte  es  sein,  als  Herr
Sambor  nach  einem  dreistundigen  Ritt  einen  Reiter
  bemerkte,  der  mit  verhängtem  Zügel  ihm  entgegen
  sprengte.  Der  Burgherr  vermutere  sogleich,
daß  jener  ihm  eine  Bestellung  zu  machen  habe  und
spornte  nun  auch  seinerseits  sein  Roß  zu  schnellerem
  Laufe  an.  Als  der  Fremde  bei  Herrn  Sambor
  anlangte,  zügelte  er  sein  Pferd  und  fragte,  ob
er  Herrn  Sambor  vom  Horste  vor  sich  habe.  Sobald
  der  Burgherr  dies  bejaht  hatte,  meldele  der
Mann,  daß  Herr  Guniefomar  frühmorgens  in  dem
Augenbolick,  als  er  die  Burg  seines  Gastfreundes
habe  verlassen  wollen,  mitsamt  seinen  Knechten  von
den  Mannen  des  Fürsten  aufgehoben  und  nach
Kammin  gefuhrt  worden  sei.  Ihn  sende  sein  Herr,
der  Gastfreund  Herrn  Gniefomars,  und  lasse  Herm
Sambor  melden,  daß  der  Trupp  der  fürstlichen
Reiter  gen  Nordosten  gezogen  sei  und  jedenfalls
Befehl  habe,  Herrn  Sambor  gleich  seinem  Bruder
zu  tun.  Er  selbst,  berichtete  der  Reiter,  sei  auf
Richtwegen  dem  Zuge  vorausgeeilt.

Herr  Sambor  erbleichte  bei  dieser  Nachricht,
dann  aber  hieß  er  den  Boten  sich  seitwärts  ins
Gewälde  schlagen  und  heimkehren,  wandte  darauf
sein  Roß  und  jagte  mit  seinen  Begleitern  davon,
daß  die  Pferdebäuche  fast  die  Gräser  des  Weges
streisten.  Aber  während  des  tollen  Jagens  verlor
er  keinen  Augenblick  die  Besonnenheit.  Nuhigen
Geistes  überlegte  er  vielmehr  die  Maßnahmen,  die
er  zunächst  zu  treffen  hatte.  Sich  auf  die  Burg  zu
retten  und  zu  verteidigen,  bis  seine  aufgebotenen
Leute  herbeieilten,  ging  nicht  an,  diese  würden  von
den  geschulten  Kriegern  des  Fürsten  der  Reihe  nach
abgefangen  und  unschädlich  gemacht  werden.  Die
Flucht  ins  Land  zu  nehmen,  hatte  keinen  Nutzen.
Als  Heerführer  in  Macht  und  Ansehen  wären  ihm
die  Edlen  gefolgt,  von  dem  gehetzten  Flüchtling
würden  sie  sich  unter  allerhand  Vorwänden  zurückziehen,
  zumal,  wenn  ihm  die  Häscher  auf  dem
Fuße  folgten;  denn  diesen  konnte  sein  Weg  nicht
unbekannt  bleiben.  Es  blieb  ihm  also  weiter  nichts
übrig,  als  sich  vorläufig  in  Sicherheit  zu  bringen.
Aber  wohin  sollte  er  sich  wenden?  Gen  Süden
und  Südosten  saßen  der  deutsche  Markgraf