ein  mildes  Wort  zu  der  Betrübten,  dessen  sie  von
Herzen  begehrt  und  harrt!“

Der  Burgherr  hatte,  ohne  Widerspruch  zu  erhe—
ben,  den  Worten  des  Ritters  gelauscht.  Daß  die—
ser  zu  ihm  in  den  vertrauten  Lauten  seiner  Muttersprache
  redete,  schien  ihn  versöhnlicher  zu  stimmen,
  hielt  er  doch  sein  anfanglich  abgewandtes
Antlitz  alsbald  dem  Sprecher  wahrend  dessen  ganzer
  Rede  zugerehrt.  Als  der  junge  Ritter  schwieg,
holte  er  tiesauf  Atem  und  dann  sprach  er  mit  muder
  Stimme:  „Die  alten  Götter  stürzen,  allüberaf
im  Lande  verwatsen  ihre  Wohnungen  und  Altäre.
Des  neuen  Goltes  hochragende  Heimstätten  prun“en
auf  ihrem  Getrummer.  Ist  er  besser  als  sie?  Wer
will  es  entscheiden?  Hier  Gebet  und  Opfer,  dort
Weihrauch  und  Geber!  Was  scheltet  Ihr  unjere
Opfer?  Der  Krieg,  den  Ihr  gegen  unsere  Stämme
fuhrt,  fordert  für  eines  Tausende.  Nun  Ihr  die

Starkeren  ,  die  Kriegsgeäbteren  seid  /  verlei  ht  Euer

Gott  Eurer  Meinung  nach  Euch  den  Sieg.  Als
Ihr  vor  Jahrhunderten  die  Schwächeren  waret,

liegem  unsere  Götter  uns  die  Wahlstatt  behaupten.
Stets  der  gleiche  Aberwitz!  Unsere  Priester  sund
Betrüger  und  sind  Narren,  soweit  sie  wähnen,  wir
glaubten,  was  sie  lehren.  Werden  die  Euren  anders
  sein?  Nicht  ihnen,  auch  nicht  dem  dreiköpfigen
  Goite  zu  Liebe  hetzte  ich  heute  mein  Kind  bis
auf  den  Tod;  denn  wäre  dieser  allsehend,  wie  sein.

.  Bildnis  es  bezeigen  will,  so  hätte  er  die  Gefahr
schon  vor  vielen  Menschenaltern  müssen  erkennen

und  sein  Volk  durch  seine  Priester  aufrütteln,  dan
es  Eurem  Ansturm  sich  gewachsen  zeigte.  Aber  der
Gott  schlief  und  seine  Priester  mästeten  sich  mit  der
Opfersteuer  des  törigen  Volkes.  Nein,  die  alte
knechtische  Gewohnheit  und  die  Heuchelei  vor  den
blöden,  niederen  Volke,  sie  halten  selbst  den  Sehenden
  in  Banden,  und  diese  und  der  maßlose  Zorn
über  die  an  der  Sache  ihres  Volkes  und  an  mir
zur  Verräterin,  gewordene  Tochter,  der  Ingrimm
über  die  vermeintliche,  mir  zugefügte  Schmach  und
über  das  Mitglücken  des  Planes,  mein  Volk  zum
Vernichtungskriege  gegen  Polen=  und  Christentum
zu  fuhren  und  mir  selber  die  Fürstenkrone  aufs
Haupt  zu  setzen,  dies  alles  trieb  mich  zu  blindwüligem
  Hasse  gegen  das  eigene  Fleisch  und  Blut.
Dir  zürne  ich  nicht  mehr,  Slavina.  Das  Schicksal
ist  stärker  als  wir.  Auch  Dich  wollte  ich  zur  Fürstin
  machen,  vor  Herrn  Jakzo  warest  Du  sicher.
Num  aber  liege  ich  hier  wie  ein  gefällter  Keiler  am
Boden,  und  hinter  mir  jagen  die  Häscher  her.  Das
Höchste  habe  ich  erstrebt  und  gleich  tief  ist  mein
Fall.“

Nun  schwieg  Herr  Sambor  einen  Augenblick;
man  sah,  wie  ihm  das  Sprechen  Mühe  und  Qual
bereitete.  Dann  aber  fuhr  er  fort,  während  Slavina
  den  Schweiß  von  seiner  Stirne  strich:  „Bisher
  hielt  mich  noch  der  Haß  gegen  Euch  Deutsche
aufrecht  und  verband  mich  enger  mit  meinem  Volke,
wiewohl  ich  ihm  wegen  seiner  Untüchtigkeit  und
seines  knechtischen  Sinnes  schon  lange  grollte.

Unser  Dommerland

217

Mein  großes  Vorhaben  gab  meinem  Leben  Zweck
und  Ziel  und  erfüllte  meine  Seele  mit  Leben  und
Spannkraft.  Seitdem  nun  aber  mein  Werk  so  klaglich
  schetterte,  ist  es  leer  hier  in  der  Brusi,  so  qualend
  leer.  Und  ich  habe  nichis,  nichts,  was  diese
enisetzliche  Einöde  ausfüllen  könnte.  Ich  fühle,
daß  mein  Ende  nicht  sern  ist,  aber  bitrer  ist  es,
dahinzugehen,  ohne  Glauben,  ohne  Hoffen,  bar
jeden  Trostes.  Ich  dünke  mir  gleich  dem  reichen
Manne  zu  sein,  den  am  Abend  seines  Lebens  der
Feind  uberfällt.  Sein  Haus  und  Hof  ist  verlodert,
sein  Vieh  fortgetrieben,  seine  Kinder  sind  geraubt,
—  so  steht  er  voll  Verzweiflung  naact  und  bloß  auf
den  Trümmern  seines  Glückes,  sein  Leben  war  umsonst.“"


Mit  einem  dumpfen,  kummervollen  Stöhnen,
schlos  Herr  Sambor  nach  diesen  Worlen  die  Augen,
fuhr  zuweilen  mit  der  Rechten  über  die  bleiche
Stirn,  als  wollte  er  die  qualenden  Gedanken  verscheuchen,
  und  verharrte  dann  in  tiefem,  dumpfem
Schweigen.

Nach  einer  Weile  ergriff  Kunrad  seine  Hand
und  sagte:  „Herr  Sambor,  von  unserm  Gott  will
ich  Euch  necht  sprechen,  er  ist  voll  unendlicher  Liebe
und  Güte  und  wird  als  Vater  aller  Menschen  auch
Euch  tun,  wie  Ihr  Eurer  Tochter  soeben  zu  ihrem
großen  Troste  getan  habt.  Aber  will  eben  dies
Beispiel  Eures  Kindes  Euch  nicht  einen  Trost  verleihen,
  nicht  einen  Hoffnungsstrahl  in  Euch  erwecken
  und  Euch  damit  den  Glauben  an  Eures
Voltes  ferneres  Bestehen,  ja  besseres  Ergehen  wiedergeben?
  Euner  Geschlecht  pflanzt  sich  nicht  in  diesem
  Eurem  Kinde  fort,  aber  flietzt  in  ihren  Nachkommen,
  sofern  uns  Gott  solche  beschert,  nicht
gleicherweise  Euer  Blut  wie  meines?  Werden  nicht
die  edlen  Triebe  und  Tugenden,  die  Eure  Tochter
zieren,  auch  unsern  Kindern  eignen,  vereint  mit
dem,  was  in  meiner  Seele  lebt?  Werden  so  geartete
  Nachfahren  nicht  ein  tüchliges,  edeles  Geschlecht
ergeben,  mutig,  fester  Treue,  kraftvoll  in  der  Tat
und  weise  im  Rat?  Immer  aber  haben  noch  die
Eroberer  eines  Landes  ihr  Blut  mit  dem  Eingesessenen
  gemischt.  So  geschah  es,  als  unsere  Ahnen
die  Gefilde  Italiens,  Griechenlands  und  Galliens
besetzten,  so  findet  es  noch  heute  statt  um  den  Elbstrom
  herum  in  der  alten  Ostmark,  und  so  wird  es
auch  hier  statthaben,  wenngleich  die  Eroberung  eine
friedliche  sein  wird.  Der  Deutsche  also  wird  Euer
Volk  nicht  fressen,  wie  der  Wolf  das  Lamm,  sondern
  es  umschließen,  in  seinen  Schutz  und  seine
Hut  nehmen,  es  zu  seinen  Kindern  machen,  wie
die  Henne  mit  gleicher  Liebe  und  Sorge  die  jungen
  Entlein  betreut,  die  sie  zugleich  mit  ihren  Kindern
  erbrütete.  So  werden  auch  die  Euren  und  die
Unsern  dereinst  sich  zu  einem  großen,  einzigen,  starken
  und  stolzen  Volke  verschmelzen.  Dann  wird
man  nicht  mehr  fragen:  „Wer  war  Deutscher,  wer
Wende?“,  sondern  in  brüderlicher  Einigkeit  werden
beide,  einer  den  andern  nicht  mehr  nach  Herkunft
und  Sippe  fragend  und  oft  nicht  mehr  danach  er-