218

kennend,  der  schönen  Früchte  sich  erfreuen,  die  in
gemeinschaftlichem  Schaffen  den  gemeinsamen  Taten
vereinten  Geistes  und  verschmolzener  Seelew  herrlich
  ersprietzen.  Dies  mag  Cuch,  Herr  Samvor,  als
Balsam  dienen  auf  die  schwere  Wunde,  die  Ihr  in
Eurem  berummerten  Herzen  tragt."

Der  Wende  war  in  reger  Anteilnahme  den  Worten
  des  Deutschen  gefolgt.  Man  erkannte  an  seiner
gespannten,  zuletzt  fast  andächtigen  Miene,  wie  sehr
ihn  die  Ausfuhrungen  des  Ritters  ergriffen.  Eine
Weile  schwieg  er  in  ernstem  Sinnen,  dann  fragte
er  pletzlich:  „Könnt  Ihr  mir  mit  heiligem  Eide  beschwören,
  Herr  Ritter,  daß  Ihr  die  Wahrheit
spracht,  als  Ihr  erzähltet,  wie  die  Deutschen  mit
dem  bezwungenen  Gegner  zu  verfahren  pflegen?
Deum  handeln  sie  so  gegenüber  dem  in  bruliger
Fehde  Besiegten,  so  werden  sie  dem  friedlichen
Wirte  nicht  übel  begegnen.“

„Bei  allen  Heiligen!“  rief  der  Gefragte  aus,
„es  ist  so,  wie  ich  Euch  sagte.  Wir  sind  keine  mitleidlosen
  Barbaren.  Oft  will  es  mich  bedünken,  als
sei  der  Deutsche  ob  seiner  herrlichen  Kräfte  des
Geistes  und  Tugenden  der  Seele  auserwählt,  wie
der  Sauerteig  das  Brot,  andere,  minder  beglückte
Bölker  mit  der  veredelnden  Kraft  seines  Wesens  zu
durchdringen.  Ein  solches  Wirken  aber  erniedrigt
nicht  noch  unterjocht  es,  sondern  erhöht  und  macht
frei  von  jedweder  Knechtschaft,  des  Leibes  und  der
Seele,  aber  Nachfolge  heischt  es.“

Nun  ging  ein  zufriedenes  Lächeln  über  das
Antlitz  des  Burgherrn,  aber  gleich  darauf  zuckte  er
krampfhaft  zusammen  und  schmerzvoll  verzerrte  sich
sein  Antlitz,  über  das  jetzt  eine  heiße  Roöte  sich
ausbreitete,  während  das  Auge  in  ruhelosem  Wandern
  über  seine  Umgebung  irrte.  Schwer  ging  sein.
Atem  und  mit  aller  Kraft  versuchte  er,  sich  aufzurichten.
  Da  sprang  Kunrad  vom  Boden  auf  und
hob  Kopf  und  Rücken  des  Leidenden  ein  wenig
empor.

„Herr  Ritter,“  sagte  er  nun,  mühsam  die  Worte
hervorstoßend,  „ich  glaube  Euch  und  danke  Euch.
Ihr  zeigtet  mir  da  ein  versöhnliches  Bild!  Wohl
gönne  ich  meinem  Volke,  da  es  nun  einmal  keine
andere  sein  kann,  eine  so  schöne  Zukunft.  Gehorsamen
  muß  es  auch  seinen  jetzigen  Herrn,  uns  den
Edlen,  und  wir  wiederum  müssen  dem  Fürsten
Jolge  leisten.  Ohne  Ordnung  kann  kein  Staat  bestehen,
  und  ich  selber  wäre,  wie  ich  mich  kenne,  ein
sehr  strenger  Herr  geworden,  vornehmlich  gegen  die,
die  bisher  meinesgleichen  waren.  Denn  wir  Wendenherren
  sind  unseren  Fürsten  nicht  mit  so  unbedingter
  Hingabe  zugetan,  wie  Ihr  den  Euren.  Darum
  ist  eine  starke  Hand  vonnöten.  —  Aber  ich,
sterbe  nun.  Doch  wird  mir  das  Sterben  nicht  mehr
schwer.  Möge  Euer  Gott  Euch  segnen,  auch  Dich,
mein  Kind,  auch  Dich!  Beschütze  Deinen  Bruder
und  erhaltet  ihm  sein  Erbel  Bittet  auch  den  Fürsten
  für  meinen  Bruder!  Er  war  der  Verführte.“

Beide  versprachen,  die  Wünsche  des  Sterbenden
getreulich  zu  erfüllen;  dann  herrschte  wiederum

Anser  Dommerland.

einige  Zeit  tiefes  Schweigen  im  kleinen  Kreise,  keiner
  der  beiden  wagte,  die  heilige  Weihe  des  Augenblicks
  zu  stören.  In  scheuer  Ehrfurcht  vor  dem
heiligen  Ernst  der  Stunde  standen  entbloßten  Hauptes
  die  Knechte.  Da  fuhr  der  Leidende  noch  eimmal
  auf  und  fragte  hastig  und  fast  ängstlich:
„Nicht  wahr?  Sie  werden  Eure  Brüder?  Gure
Bruder?  Nicht  Eure  Stlaven?“

„Jawohl!"  bestätigte  tief  ergriffen  der  Gefragte,
„sie  werden  unsere  Brüder  und  sind  es  schon  heute,
sofern  sie  es  nur  wollen.“

Zufrieden  nickte  der  Sterbende.  Dann  ging
plößlich  ein  jähes,  krampfhaftes  Zucken  durch  seinen

Körper,  aber  noch  einmal  ölfneten  sich  die  Lippen
und  „Brüder  —  —  —  Bruder  —  —  —  hauchte
es  von  den  ersterbenden  Lippen.  Das  waren  die

letzten  Worte  des  Horster  Burgherrn;  dann  sant
sein  Haupt  schwer  auf  die  Hand  des  Deurschen.
Dieser  kniete  neben  dem  Erblichenen  nieder  und
sprach  ein  stilles  Gebet  für  dessen  Seele.  Seinem
Beispiele  folgten  die  Knechte.  Leise  weinte  Slabina.


Jeßt  erscholl  dumpfer  Hufschlag  und  ein  Trupp

von  etwa  funfzig  Reitern  kam  herangesprengt.  Es
waren  die  Häscher,  die  den  Burgherrn  ergreifen

wollten.  Das  ahnungslose  Volk  hatte  ihnen  den
Weg  gewiesen.  Kunrad  trat  ihnen  entgegen  und
begrüßte  ehrerbietig  den  Anführer,  es  war  Bogislav,
  der  Aelteste  der  jungen  Fürsten.

„Wir  suchen  den  Burgherrn  von  Horst,“  sprach
der  Fürst,  indem  er  dem  ihm  wohlbekannten  Ritter
  die  Hand  reichte.  —

„Herr  Sambor,"“  antwortete  Kunrad  mit  ernster
Stimme,  „steht  bereits  vor  einem  höheren  Richter.
Er  ist  Eurer  Gerichtsbarkeit  entzogen.  Dort  im
Waldesschatten  ruht  seine  sterbliche  Hülle.  Neben
ihm  kniet  seine  Tochter  Slavina,  meine  Verlobte.
Er  stürzte  bei  ihrer  Verfolgung  in  seine  eigene
Waffe."“  EL

Der  ritterliche  junge  Fürst  näherte  sich  Sla—
vina,  die  sich  bei  seinem  Kommen  erhoben  hatte
und  sagte:  „Euer  Vater,  Herrin,  hat  schwer  ge—
fehlt,  er  wollte,  wie  Herr  Jakzo  aus  Drosedow  be—
kannt  hat,  das  Volk  in  einen  unheilvollen  Krieg
stürzen.  Vielleicht  ging  sein  Ehrgeiz  noch  weiter.
Sein  Tod  hat  uns  einer  harten  Aufgabe  überhoben.
  Betrauert  den  Toten,  aber  beklagt  nicht  seinen
  Todl“

Nun  hielt  der  Ritter  noch  eine  Weile  mit  dem
Fürsten  ein  lebhaftes  Zwiegespräch.  Man  sah  diesen
  einige  Male  lebhaft  das  Haupt  schütteln,  endlich
  aber  schien  er  Kunrads  Vorstellungen  Gehör
zu  geben.  Er  reichte  dem  Ritter  mit  einem  Blick
auf  Slavina  die  Hand  und  sprach:  „Um  Euch  und
Eure  Verlobte,  Herr  Ritter,  sei  auch  Herrn  Gniefomar
  verziehen.“

Darauf  verabschiedete  er  sich  von  Kunrad  trotz
dessen  dringlicher  Einladung,  ihm  auf  die  Burg  zu
folgen.  Er  erklärte,  geraden  Wegs  Herrn  Dubnitz,
den  alten  Freund  seines  Vaters  aufsuchen  zu  wol-