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Und  eines  Abends,  als  die  jetzt  oft  scharf
blitzenden  Sterne  wolkenverhangen  waren,  wonach

sie  lange  wie  im  Traum  ausgesehen  hatte,  schlich
sie  lurz  vor  zehn  Uhr  zum  Hause  hinaus,  rannte
mit  vorgebeugtem  Leib,  als  horche  sie  das  ganze
Dorf  ab,  den  holprigen  Damm  ihres  kleinen  Anwesens
  hinab,  über  den  Arcona-Weg  fort  und  bei
Pipers  den  letzten  Bitter  Vorsprung  wieder  hinauf.


In  Pipers  großer  Stube,  rechts  von  der  Haustür
  brannte  noch  Licht.  Da  sie  von  links  kam,
mugte  sie  an  der  Tür  vorüber.  Diese  war  schon
nächtlich  verschlossen;  aber  ihr  Herz  klopfte  auf  einmal
  wieder  so  laut  wie  früher.  Nur,  daß  es  nicht
vor  froher  Hoffnung  geschah,  sonderm  aus  Zaghaftigkeit.


Ihr  Umnstecktuch  fest  über  der  Brust  zusammenfassend,
  als  könne  das  sie  schützen,  drückte  sie  sio)
gegen  die  Wand  und  versuchte,  von  der  Seite  durch
die  Fensterscheiben  zu  lugen.  Aber  draußen  war
es  kalt  und  die  Stubenwärme  hatte  das  Glas  dich
anlaufen  lassen.  Sie  sah  fast  nichts.  Nur  an  der
hinteren  Wand,  an  der  das  Bett  stand,  den  verschwommenen
  Umriß  eines  Oberkörpers,  der,  aufrecht
  sitzend,  aus  den  Kissen  ragte.

Ihre  Hände  krallten  sich  gegen  die  Wand,  so
daß  ihr  der  losbröckelnde  Kalk  zwischen  die  Finger
  rieselte.

Das  war  Malte  Piper!  —  —

Dann  falieten  sie  sich.  Und  zwischen  Tür  und

Fenster  kauerte  Marie  auf  ihre  Knie  nieder  und
konnte  zum  erstenmal  nach  vielen  Tagen  wieder
leise  weinen.

Auf  einmal  fuhr  sie  auf  wie  der  Wind.  Drinnen

  hatte  etwas  gescharrt.  Gustav,  der  wohl,  Netze
flickend,  am  Ofen  saß,  denn  von  dort  war  der  Schein
der  Lampe  gekommen,  mochte  an  einen  Stuhl  oder
Tisch  gestoßen  haben.  Und  wie  der  Wind  war  sie
auch  wieder  die  Pipersche  Höhe  hinab  und  holte
erst  wieder  tief  Atem,  als  sie  vor  der  eigenen
Stalltür  stand,  die  sie  mehrmals  hintereinander  laut

zuschlug,  damit  man  denken  könne,  sie  habe  noch
etwas  gesucht.  «
DieVitterhattenihr-esMenschil-ich-keitenscui-Himder-exEinsaberzeichnetesiseimimserinsochsaustSie


hielten  die  Haus-  und  Familienehre  hoch.  Eines
Mädchens  Ehre  oder  Schande  war  auch  die  Ehre
oder  Schande  von  Eltern  und  Geschwistern.  Und
selbst  die  Nachbarn  hatten  ein  lebhaftes  und  meist
unverfälschtes  Interesse  an  der  Fleckenlosigkeit  eines
Schildes.

Wenn  jemand  Marie  Beethmann  getroffen  hätte,
wie  sie  das  Haus  der  beiden  unverheirateten  Männer
  umschlich

Es  lag  Marieken  im  Blut,  zu  denken,  daß  das
etwas  Entsetzliches  gewesen  wäre.  Deshalb  zwang
es  sie  trotz  der  Gewalt  ihres  Herzeleids  zur  Verstellung.


*

Anser  Pommerland

Ein  oder  das  andere  Mal  aber  mußte  doch  ein
Augenblick  gekommen  sein,  in  dem  das  Herzeleid
größer  war,  als  alle  angeerbte  Scheu.

„Gustav,“  sagte  Malte  eines  Abends  plötzlich  mit
gedämpfter  Stimme,  „vorm  Fenster  is  warl“

Es  mochte  wieder  um  die  zehnte  Stunde  sein
und  war  schon  tief  im  November.

Gustav  hatte  seit  acht  Uhr  ununterbochen  seinen
aus  Kirschtoaum  und  Rosenvlättern  selost  geferligten
  Tabak  geraucht  und  dabei  schweigend  an  seinen
  Netzen  hantiert.  Und  Malte  satz,  im  Rücken
von  einem  gewaltigen  Federbett  gestützt,  brütend
im  Bett.  Genau  wie  die  Cousime  Strohmeyer  ihn
vor  zwei  Stunden  nach  dem  Avbendessen  hergerichtet
  hatte.  Tagsuber  las  er;  im  Kreisblatt,  in  der
Bibel  und  im  Gesangbuch  —  und  seit  gestern  dazu
in  Buchern,  die  ihm  der  Puttgartener  Lehrer  geschict
  hatte.  Es  waren  Goethes  Gedichte  und
Freytags  „Bilder  aus  deutscher  Vergangenheit,"
beides  ihm  eine  neue  Welt.  Aber  ein  Seemann,
der  fernab  der  Heimat  in  fremden  Hafenstädten  oft
darauf  angewiesen  war,  zu  erraten,  was  fremde
Zungen  ihm  mitteilen  wollten,  weiß  seine  Schlüsse
zu  ziehen  und  dem  unvertrauten  Wort  das  sinngemäße,
  vertraute  unterzuschieben.  Das  überträgt  sich
und  geschieht  dann  bei  natürlicher  Begabung  nicht
nur  in  spanischen  und  norwegischen  Hafen,  sondern
aluch  wohl  da,  wo  nicht  nur  der  Ausdruck,  mehr
noch  die  ihm  zugrunde  liegende  Gedankenwelt,  befremdlich
  ist.

Maltes  beide  Hände  waren  gleicherweise  verkrümmt;
  aber  Gustav  hatte  ihm  auf  seine  Anordnung
  zwischen  die  Finger  der  Rechten  einen  langen
  Stock  geklemmt.  Mit  dem  schlug  er,  wenn  nötig,
  die  Seiten  um;  denn  den  Armen  konnte  er
langsam  eine  sich  hebende  und  senkende  Richtung
geben.

Mit  seinem  Schicksal  hatte  er  abgeschlossen  seit
er  in  Hamburg  einen  der  angesehensten  Aerzte  konsultiert
  und  man  ihn  dort  monatelang  in  einem
großen  Hospital  vergeblich  elektrisiert,  massiert  und
gebadet  hatte.  Daß  er  sich  auch  noch  den  Altenkirchener
  Doktor  kommen  ließ,  bedeutete  nur  das
Anklammern  des  Ertrinkenden  an  den  eben  erreichbaren
  Strohhalm.

Er  wußte,  es  gab  keine  Rettung  für  ihn.  Er
mußte  untergehen.  Langsam,  aber  sicher.  Aus  seinen

  vier  Pfählen  würde  er  nicht  eher  wieder  hinauskommen,
  als  bis  sie  ihn  zwischen  die  letzten  vier
Bretter  getan  hätten!  —

Manchmal  hatte  er  das  Gefühl,  als  müsse  sich
seine  krüppelhafte  Hand  regelrecht  zur  Faust  ballen.
  Dann  biß  er  die  Zähne  aufeinander,  runzelte
die  Stirn  und  sah  dem  fürchterlichen  Feinde,  dem
Leben,  entgegen,  wie  sonst  ein  Mensch  dem  Tode
entgegensieht.  Dieser  sieche  Leib  war  wie  das  lecke
Schiff,  auf  dem  sich  der  Führer  in  Tapferkeit  halten
  muß,  bis  es  von  selbst  in  den  Fluten  versinkt.
Ueber  Vord  springen  geht  wider  Seemannsehre.