Und  nicht  einmal  von  einer  Seite  auf  die  andere
  konnte  er  sich  in  stummer  Qual  wälzen,  sonst
erwachte  der  körperliche  Schmerz.  Und  der  war
eigentlich  noch  gräßlicher,  als  der  Schmerz  der
Seele.

Denn  es  hatte  auch  schon  Stunden  auf  diesem
Bette  gegeben,  in  denen  Malte  sein  Schidcksal  unwillkürlich
  in  dem  gewaltigeren  Schicksal  Größerer
untergehen  fühlte.

Er  hatte  im  alten  und  neuen  Testament  gelesen.
  Und  wenn  er  las,  wurde  er  gepackt  und  hingerissen.


Doch  hatte  er  den  ganzen  Tag  die  Augen  im
Buch  gefangen  gehabt,  brannte  ihm  am  Abend  der
Kopf.

*17x  war,  als  liege  er  nicht  erst  zwei  Wochen,
sondern  schon  über  zehn  Jahre  hier  in  seinen  Kissen
  und  denke  schon  zehn  Jahre  lang  über  sein
und  anderer  Geschick  nach.

Und  noch  eins,  das  in  ihm  brannte  und  ihn
nicht  loßlien!  —  Auch  insbesondere  am  Abend,
wenn  er  mit  dem  Bein  das  Buch  über  die  hochstehenden
  Kniee  fort  bis  ans  Fußende  des  Bettes
geschoben  hatte  und  nun  einsam  dalag  —  viel  einsamer,
  als  die  langen  Monate  im  Hamburger
Krankenhaus  —  denn  damals  hoffte  er  noch!  Aus
den  ungebrochenen  Strahlen  einer  frohen  Vergangenheit
  kam  es  lachend  auf  ihn  zu  —  und  aus  den
schwarzen  Schatten  der  Gegenwart  brach  es  sich
weinend  Bahn.  Wohin  er  auch  die  durstigen  Augen
wandern  lies,  in  diese  Ecke  oder  in  jene  der  kleinen,
tahakdurchzogenen  Stube  —  überall  trat  ihm  das

Bild  des  Mädchens  entgegen,  das  er  lieb  hatte,
dem  er  gut  gewesen  war,  so  lange  er  denken
konnte.

Wie  hatte  sie  sich  aufs  Heiraten  gefreut!  —

Wie  hatte  ste  an  seinem  Halse  gelacht  und  geweint,
dezittert  und  geflüstert  —  und  es  so  heimlich,  ach,
so  heimlich  gehabt  mit  ibrer  Liebe,  die  ihr  doch
jedermann  vom  Gesicht  ablas!

Dicke  Tränen  traten  ihm  in  die  Augen,  wenn
er  so  mit  verzehrender  Sehnsucht  an  Marie  Beethmann
  dachte.  Und  er  ließ  sie  langsam  ihren  Wea
rollen,  weil  er  die  Hand  nur  so  mühsam  bis  zur
Höhe  der  Stirn  heben  konnte.

Mit  dem  Bruder  sprach  er  wenig.  Gleich  am
ersten  Tag  hatte  er  sich  mit  Gustav  dahin  auseinandergesekt,
  daß  er  diesem  sein  Erspartes.  sowie
alles  einlaufende  Invalidengeld  in  die  Hände  gah
und  dafür  bis  an  sein  Lebensende  von  ihm  unterhalten
  werden  mußte.

Die  Brüder  waren  in  früheren  Zeiten  gleichailtig
  nebeneinander  hergegangen,  der  ältere  hatte
sich  damit  beanßat,  das  Höherhinauswollen  des
ijünaeren  zu  bespötteln.  Als  einer,  der  nur  das
Altnmergehrachte  kannte,  sah  er  von  der  Höhe  seines
Ameisenhaufens  auf  den  herab,  der  sich  erst  seinen
Weog  suchen  wollte.  Und  dieser  hatte  auf  dem
Snatt  geyfiffen,  hotte  die  Achseln  geauckt.  und  gedacht:
  „Es  gibt  solche  Vögel  und  solche!“  Manch-——

  Uy  ee  Dommerland.

221

mal  es  auch  gesagt.  Erst  als  Gustav  bemerkte,
daß  Malte  ihm  bei  Marie  Beethmann  in  den  Weg
trat,  hatte  sich  das  Verhältnis  zugespitzt.  Aber  immer
  nur  so,  daß  Gustav  dem  anderen  in  der  Stille
grollte,  und  daß  dieser  es  am  begquemsten  fand,
nichts  aufzudecken,  das  sich  verstecken  wollte.

Nun  war  Maltes  Ueberlegenheit  in  Abhäng'ig-=keit
  verkehrt,  und  Gustav  verabsäumte  nicht,  alle
ihm  daraus  erwachsenden  Vorteile  zu  überdenken.
Das  machte  ihn  milde  gegen  den  Kranken.  Und  er
w'irde  noch  freundlicher  gegen  ihn  gewesen  sein,
wenn  dieser  mehr  geklagt  hätte.  Daß  er  dazu  zu
stolz  war,  ärgerte  ihn  unwillkürlich.  In  diesem
Stolz,  wie  er  Maltes  Wesen  nannte,  lag  doch  wohl
eine  letzte  und  allergrößte  Ueberlegenheit;  und  wenn
er  die  einmal  empfand,  kränkte  sie  ihn  freilich  bis
zum  Verdruß.  Aber  seine  lebhafte  Ueberrechnung
der  gegenwärtigen  Lage  stumpfte  für  gewöhnlich
dies  feinere  Geffhl  ab.  Im  ganzen  war  jetzt  er
Herr  der  Verhältnisse.

Malte  durchschaute  ihn  und  heuchelte  keine  Dankbarkeit,
  die  er  nicht  empfand.  Darum  war  es  ihm
am  liebsten,  wenn  sie  gar  nicht  sprachen.  Nur  ab
und  zu  äußerte  er  einmal  ein  Wort  über  allgemeine
  Weltzustände  und  las,  daran  anknüpfend,
ein  paar  wohlgemeinte  Sätze  aus  dem  Kreisblatt
vor,  wenn  der  Bruder  gerade  in  der  Stube  umherräumte,
  die  kurze  Pfeise  im  Mund,  seine  Sachen
ausbesserte,  oder,  wie  jetzt,  am  Fischereigerät  hantierte.


Dagegen  berichtete  Gustav  ihm  dies  und  das
aus  dem  nächsten  örtfichen  Umkreise:  Jemand  aus
Puttgarten  war  in  Konkurs  geraten  und  der  alte
Heringsspicker  Leewe  in  Breege  hatte  als  Mitmann

  ein  blutfunges  Dienstmädchen  gefreit  und
damit  seine  erwachsenen  Töchter  aus  dem  Hause

gejagt.  —  Aber  im  ganzen  ließ  der  Wortkarge  es
selbst  mit  solchen  Erzählungen  an  sich  kommen.  Er
beschäftigte  sich  so  viel  mehr  mit  sich,  als  mit  anderen,
  daß  es  ihm  meist  nur  in  den  Sinn  kam,
heimatlichen  Bexichten  der  Cousine  Strohmeyer  Ergänzendes
  hinzuzufügen.

Auch  an  diesem  Abend  hatten  die  Brüder  lange
geschwiegen.  Die  einzig  laute  Unterhaltung  hatte
die  gleichmäßig  tickende  Schwarzwälderin  geliefert,
die  zu  Füßen  von  Maltes  Bett  an  der  weißgetünchten
  Wand  hing.

Sonst  redete  alles  nur  stumme  Sprache:  Die
altmodischen,  mit  etwas  blankem  Gold  frisierten
weißen  Porzellanhunde,  die  Malte  schon  von  seiner
  ersten  Fahrt  als  Schiffskoch  den  Eltern  mitgebracht
  hatte,  die  feinen  chinesischen  Tassem  und
Nippesfigürchen  und  die  japanischen  Lackgeschirre,
die  in  der  Fensterecke  auf  dem  alten  braungestrichenen
  Schrank  standen  und  —  teilnahmslos,  wie  sie
selbst  waren  —  hier  auch  keines  Menschen  Anteil
erweckten.

Bestimmt  waren  sie  gewesen,
verwunderten,

sich  in  ein  paar
glückselig  strahlenden  Augen  wider-