geschmerzt  hätte,  sie  ohne  Hilfe  darunter  zu  verstecken.


Die  Scham  wollte  ihn  wieder  überwältigen.

„Faß  meine  gruglichen  Hände  nich  an!“

„O,  Malte!  Du  bist  so  gottlos  geworden.“

Ein  sonderbarer  Blick  traf  sie  —  feutrig  und  voll
tiefer  Befriedigung,  zugleich  aber  wie  beladen  von
einer  lang  vorbereiteten  Frage  und  einem  Geständnis.
  "

In  ihrem  Gesicht  stand  überströmendes  Mitleid
zu  lesen.  Und  wie  in  sanftem  Trotz  fuhr  sie  fort,
seine  Hände  zu  liebkosen.

Da  verschlang  er  sie  mit  seinen  Blicken.

„Und  was  andres  hätt  ich  dir  auch  noch  zu  sagen,
  Marieken.  Aber  heut  nich!  Vielleicht
kommst  du  noch  mal  wieder?!“  —  —

Entsetzt  fuhr  sie  zusammen.
starrte  sie  ihn  an:

„Vielleicht“  .  Und:  „noch  einmal  wieder?“

Jetzt  sah  sie  in  die  Hölle;  in  die  schwarze,  abgründige
  Nacht.

Ja,  was  wollte  sie  denn?
seine  Cousine!  nichts  von
schaft!  —  gar  nichts!

Weinend  warf  sie  die  Arme  um  seinen  Hals  und
kükte  ihn.  Und  so  heiß  und  zärtlich  küßte  sie  ihn,
als  wäre  er  noch  ihr  schmucker,  sie  stolz  überragender
  Steuermann.

Sie  hörte  sein  Herz  klopfen,  wie  in  Sturm=  und
Wetternot.

„Meine  Dirn!  Meine  allerbeste,  herzallerliebste
Dirn  dul!“  murmelte  er  fieberhaft,  als  sich  endlich
ihre  Lippen  von  den  seinen  lösten.

Da  nahm  sie  ihr  Tuch  aus  der  Tasche  und
schickte  sich  sachte  an,  ihre  Tränen  von  seinem  Gesicht
  zu  trocknen.  Mit  kindlicher  Emfsigkeit  fuhr  sie
ihm  über  Stirn  und  Augen,  über  Nase  und  Bakken,
  strich  so  leise  über  seine  Lippen,  daß  er  es
kaum  spürte,  und  putzte  sorgföltig  seinen  Bart  aus.

„Gott  sei  Dank,  daß  du  doch  mu  lebst!“  sagte
sie  dabei  tief  atmend.  „Was  hab  ich  auch  für  dich
gebetet!“

„Ja,  du  hast  für  mich  aebetet  .  .  .  Und  .  ..“

„Zannst  du  was  dafür?“  fiel  sie  lebhaft  ein.
„Dafür  kann  keiner!  O.  Malte!  Malte!  Daß  es
dich  so  hat  treffen  müssen!"“

Wieder  schluchzte  sie  krampfhaft  auf.

„Gib  mir  noch  einen  Kus,  Dirn!  Nur  einen
einzigen!  —  Und  wisch  mir  nicht  wieder  den  Mund

Völlig  hilflos

Sie  war  ja  nicht
seiner  Verwandtab!“

  Er  murmelte  es,  stöhnte  es  und  —  lächelte
dabei.
„So!  —  Und  nu  nie  wieder!  —  —  Ich  will

dich  nich  auch  unglücklich  machen!“
„Malte!“  Und  noch  einmal  drückte  sie  ihre  weichen
  Lippen  auf  den  Mund.

Dann  nahm  sie  ihr  Tüchlein  und  trocknete  ihm

noch  einmal  den  Bart.
Und  alles  war  so  lieblich  an  ihr,  so  sauber  und
zart  geschäftig.  —  Plötzlich  dachte  er  an  seine  Pfle-Unser

  Dommerland

223

gerin  Strohmeyer  und  an  Gustavs  hilfeleistende
Faust.

Es  schüttelte  ihn.

„Gute  Nacht,  Marieken!  Aber  du  kommst  noch
mal  wieder?  Ich  muß  dir  noch  was  sagen.“

„Ja,  ich  komm!  Und  wenn  sie  mich  tosschlügen!
  Und  wenn  sie  allzusammen  mit  Fingern  auf
mich  zeigten!  Kommen  tu  ich!“

„Dein  Vater  war  auch  bei  mir.  Aber  bloß  einmal."


„Jal“  sagte  sie  nickend.

„Ob  er  wohl  wiederkommt?“

O,  er  wird  doch  wohl!  Bloß  Vatern  zieht  so
was  so  an!  Und  ich  ..  du!  mit  Vatern  komm
ich  nicht  mitl!“

„Einmal  sollst  du  auch  noch  allein  kommen.
Einmal,  wenn  Gustav  nich  hier  ist!“  flüsterte  er.
„Aber  später  .  .  dann  kommst  du  vor  aller  Leut
Augen  mit  deinem  Vater  oder  mit  Mielen!  —  Wir
sind  doch  zusammen  in  Schul  gegamgen!“

„Ach,  du!  Du  kennst  hier  die  Leut  nich  mehr!
—  Auf  See  vergißt  sich  das.  —  So  warst  Du  immer!"


„Und  dein  Vater  .  .  ja,  den  zieht  das  so  an
—  der  is  mehr  für's  Lustige  —  für  leben  und  leben
  lassen!"“

Da  tat  sich  die  Stubentür  auf.  Es  hatte  Gustav
doch  zu  lange  gedauert:

„Die  Glock  gekt  auf  elf!  Marieken  Beethmann
is'n  anständig  Mädchen.  —  Und  wenn  ihr  auch
zwanzigmal  Brautleut  gewesen  seid!“  murrte  er  mit
schlecht  unterdrückter  Aufregung.

Marieken  stand  wortlos  aber  schamerglühend
auf,  und  Malte  meinte  bitter:  „Gustav  wird  mir
noch  mal  das  Sterben  mißgönnen!“  —  Dann  richtete
  er  seine  Augen  abschiednehmend  auf  Marie.

Wie  schön  er  war!  —  —

Nun  war  sie  doch  noch  einmal  wieder  im  Himmel.


Als  trüge  sie  sein  Bild  in  ihrer  Brust  wie  eine
galdene  Last,  ganz  verträumt,  ging  sie  an  Gustav
vorfiber  hinaus.

Dieser  war  ihr  gefolgt.  Und  als  sie  draußen
über  die  Schwelle  wollte,  griff  er  hastig  an  ihr
vorbei  über  die  untere  Hälfte  der  Haustür  und  zog
sie  ins  Schloß.

Sie  stand  eingefangen  neben  ihm.

„Laß  mich  raus!“

„Gleich!“

„Ich  will  raus!“"

„Hast  du's  so  eilig?“

„Jal“

„Auf  einmal?“

„Jal“

„Wart  noch'n  Augenblick!“

„Laß  mich!  —  Ich  bin  en  anständig  Mädchem!“

Sie  erschrak  vor  dem  unbeabsichtigten  Hohn
ihrer  Worte.  Es  war,  als  habe  ein  anderer  für
sie  gesprochen.