taufe  in  Puttgarten  heimkehrenden  Altenkirchener

Superintendenten  dort  getrofsen.

Am  Abend  erzählte  Vater  Beethmann  seinen
Töchtern  von  diesem  Tagesereignis  —  denn  imn
Vitte  nehmen  die  Dinge  leicht  das  Gesicht  eines
Ereignisses  an  —  und  zudem  hatte  der  Alte  seinen,
besonderen  Grund,  das  Gespräch  wieder  einmal  auf
Pipers  zu  lenken.

Er  mochte  gern  ungehindert  geradeaus  blicken,
gern  genau  voraussehen,  was  für  Wetter  demnächst
sein  würde.  Aber  ein  unbewußtes  Zartgefühl  hielt
ihn  diesmal  ab,  auch  geradeaus  zu  fragen.  —  So
fing  er  beim  Herrn  Superintendenten  an.  „Er
sagte:  „Grüßen  Sie  auch  Ihre  lieben  Töchter,  Herr
Beethmann!“  Und  mit  Malten  hat  er  mal  schön
gesprochen  —  unmöglich  schön!  Ich  sag  all  immer:
Was  uns  Herr  Superintendent  doch  einmal  für'’n
Ausdruck  hat!  „Denken  Sie  nicht,  lieber  Piper,
Sie  könnten  nun  nichts  mehr  leisten!  Sie  wissen:
Auch  auf  dem  Krankenbett  kann  man  sich  als  Held
erweisen  zur  Ehre  Gottes  und  der  Menschen!“
Malte,  der  alt  arme  Jung,  hat  ihn  aber  bloß  immer
  mit  großen  Augen  angekuckt.  Durch  umd  durch
is  ihm  das  gegangen.  Das  war  ihm  richtig  anzusehen.
  —  Und  Bücher  hat  er  ihm  auch  mitgebracht
und  von  der  Frau  Superndenten  'ne  Flasche  Saft!
—  „Das  Leben  Jefu.“  Und  das  andere  hat  gerad
den  nämlichen  Titel  als  das  Buch,  das  der  Puttgartensche
  Lehrer  ihm  auch  all  geschickt  hat.
„Deutschlands  Vergangenheit"  mein  ich!  —  Aber
der  Herr  Superndent,  der  hat  sich  da  bloß  zu  gefreut,
  daß  Malte  das  all  hatt'.  —  So  is  der  nich,
daß  er  unser  einen  bloß  für  sich  in  die  Fingern
kriegen  wollt.  Aber  schrecklich  mit  anzusehen  is  so
was,  wie  mit  Malten!  —  Wenn  ich  derk,  einer
könnt  auch  mal  so  zu  liegen  kommen!“  —

Marieken  sagte  kein  Wort.  Sie  hatte  seit  einer
Woche  ihres  Vaters  Strümpfe  vorgenommen,  um
sie  der  Reihe  nach  einer  gründlichen  Ausbessrrung
zu  unterziehen.  Hier  stopfte,  dort  strickte  sie  an.
Sie  hätte  gemocht,  der  Berg  vor  ihr  wäre  noch
dreimal  so  groß  gewesen,  als  er  war.

Beethmann  saß  seiner  Aeltesten  gerade  gegenüber,
  beide  Arme  bis  zu  den  Ellenbogen  auf  dem
Tisch,  nur  die  rechte  Hand  ein  wenig  gehoben,
denn  mit  der  hielt  er  den  Porzellankopf  der  kurzen
Pfeife,  aus  der  er  nun  schon  über  eine  halbe
Stunde  rauchte,  daß  ihm  der  Qualm  das  rotbackige
Gesicht  oft  ganz  und  gar  einhüllte.

„Badding  sitzt  da  wie  der  Vollmond  hinter  'ner
Wolkl“  hatte  Marieken  einmal  gesagt.  Aber  das
war  lange  her:  das  war,  als  sie  noch  lachen  konnte,
daß  ihr  vor  Uebermut  die  Tränen  aus  den  Augen
schossen  und  die  weißen  Kinderzähne  nur  so  blitzten.


Plötzlich  stopfte  Beethmann  von  neuem  Tabak
in  seine  „schöne  Tirolerin“,  obgleich  sie  noch  nicht
ganz  ausgeraucht  war.

Unfer  Dommerland

225

„Wißt  Ihr,  was  Gustab  mir  heut  gesagt  hat?
Er  hat  gesagt,  daß  er  sich  verändern  will!“

„Das  erzählt  sich  schon  die  ganze  Bitt!  —  Auf
die  letzt  wird  er  das  noch  seinen  Fischen  vorklönen,
  wenn  er  damit  nach  Altenkirchen  runter  karrt!“
sagte  Miele  schnippisch.  „Er  soll  doch  man  bloß
Line  Rotspracken  nehmen!  Die  sitzt  nu  schon  über
drei  Jahr  für  ihn  auf  Lauer!“

„Bist'n  Grünschnabel!  Was  weißt  du  von  vor
drei  Jahren?“  scherzte  Beethmamm.  „Hast  man  eben
den  Segen  gekriegt  und  willst  all  mitreden!“

„Mitreden  brauch  ich  ja  nich,  wenn  ich  nich
sell,“  lachte  Miele,  „aber  sehn  tu  ich  doch  gerad  so
biel  als  andere!  Wenn  du  denkst,  ich  soll  immer
noch  Blindekuh  spielen!"

„Na,  nal  Begehr  man  nich  gleich  so  auf!  —
Rotspracken  seine  nimmt  er  sich  nich,  das  weiß  ich!
Ich  sag,  er  soll  sich  'ne  ordentliche  kleine  Witfrau
nehmen.  Er  soll  man  mit  Handelsmann  Treduppen
  reden.  Der  kommt  viel  rum  und  weiß  immer
was  vorzuschlagen.  Mit  'ner  jungen  Dirn  —  das
muß  er  sich  nu  aus'n  Kopf  schlagen.  Was  soll  'ne
iunge  Dirn  mit  so'’ner  Last  gleich?  Das  is  ja
schlimmer,  als  Schwiegervater  oder  emutter,  denn
da  is  doch  'n.  End  abzusehen!  —  Ne  —  ine
Junge  —  ne!  Das  will  mir  für  Gustaven  nich
in'n  Sinn!“

Dabei  sah  Beethmann  Mielen  an
altklug  ihren  Vater.  Dann  richteten
Blicke  fast  gleichzeitig  auf  Marieken.

Die  hatte  ihren  Strumpf  in  den  Schoß  sinken
lassen  und  starrte  mit  großen  Augen  in  die  Lampe.

„Wie'n  Geist!“  dachte  Miele.

„Was  meinst  du,  Marieken?  —  hab  ich  nicht
recht?“  fragte  endlich  der  Vater  etwas  beklommen,
nahm  die  Pfeife  aus  dem  Mund  und  wischte  sich
mehrmals  mit  dem  Handrücken  über  die  Lippen.

„Recht?  —  ja,  Vadder!  ja!  —  ich  weiß
nich!  —  Und  ihr  tut  gerad,  als  müßtet  ihr  Gustav
Pipern  seine  Sach  heute  Abend  noch  in  Richtigkeit
  bringen!“  —

„Gar  nich  tu  ich!“  murmelte  Miele.

Und  Vater  Beethmann  ließ  die  Angelegenheit
auch  unter  den  Tisch  fallen.  Er  war  so  klug  wie
zuvor.

Seit  Wochen  —  seit  sie  an  jenem  Abend  bei
Pipers  gewesen  war  —  hatte  Marie  nur  einen  Gedanken:
  Gustav  will  sich  verändern  —  und  Malte
muß  ne  ordentliche  Aufpassung  haben!

Sie  dachte  nicht  vor-,  noch  rückwärts  mehr,
nicht  rechts  und  nicht  links.  Immer  nur  das  Eine.
Und  von  dem  Einen  löste  sich  schließlich  auch  no
das  vordere  Glied  fast  ab.  —  Nur  das  zweite,  sich
auf  Malte  beziehende,  blieb.  Oft  wurde  ihr  ganz
schwindelig  über  der  Einförmigkeit  dieses  Gedankens.
  Und  doch  war  er  noch  das  einzige,  das
Wallung  in  ihr  Blut  brachte,  Leben  und  Beweaung
  in  die  graue  Oede  ihres  hoffnungslosen
Schicksals.

und  Miele
sich  beider