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„Redt  nich!“  flehte  sie  jetzt  plötzlich  und  griff
mit  beiden  Händen  an  ihren  Kopf.  „Redt  nich,
sonst  bringt  Ihr  mich  unter  die  Erd!“

Miele  weinte  laut  auf.  Wie  sah  nur  Marieken
aus!  Sie  sah  sich  überhaupt  schon  gar  nicht  mehr
ähnlich.  Ganz  mager  war  sie  geworden!  —  Sonst,
wenn  ihr  die  Puttgartener  Schneiderin  einmal  ihre
Sachen  nicht  zum  Dank  machte,  hatte  sie  selbst  da—
ran  herum  geändert,  bis  die  Taille  kein  Fältchen
mehr  warf.  Wie  ihr  jetzt  dagegen  das  Zeug  vom
Leibe  hing!  Und  alles  war  ihr  egal.

Miele  war  nächstens  reichlich  so  hübsch,  als  ihre
Schwester.

Und  wenn  mit  dieser  Vorstellung  auch  etwas
wie  eine  langentbehrte  Genugtuung  in  ihrer  Seele
aufstieg,  ihr  Kummer  um  Marieken  war  doch  echt.

*  *

*
Eines  Morgens,  als  es  noch  stark  dämmerte,

hörte  man  Gustavs  Fischerkarre  über  die  hartgefrorene
  Dorfstraße  holpern.  Man  wuste,  sie  war
hoch  geladen.  Und  wenn  er  den  Fisch  nicht  auf

den  nahegelegenen  Gütern  losschlug,  mußte  er  damit
  bis  nach  Altenkirchen  schieben.

Frau  Strohmeyer  versorgte  Pipers  das  erstemal
am  Tage  früh  um  fünf  Uhr;  dann  erst  wieder  gegen
  acht.  Malte  war  also  stundenlang  allein!  —

Marieken  ging  zuerst  an  den  Strand  hinumter
und  machte  sich  an  ihres  Vaters  Boot  zu  schaffen.
Darnach  kletterte  sie  im  Rücken  von  Pipers  Hütte
ein  Stückchen  steilen  Lehmufers  empor,  sich  an
Dorn=  und  Hagebuttensträuchern  festhaltend,  und
schlich  hinten  durch  den  Kartoffelgarten.  Von  hier
aus  drückte  sie  sich  schnell  um  die  Ecke  umd  stand
vor  der  Haustür.

Gustav  hatte  abgeschlossen;  aber  Gott  sei  Dank,
der  Schlüssel  lag  dicht  unterm  Dach  auf  der  Holzplatte,
  an  der  die  großen  Nägel  zum  Fischetrocknen
  herausstießen!  Wie  eine  Schwerträumende
klopfte  sie  drin  an  Maltes  Stubentür  und  trat  ein,
noch  ehe  er  sie  rief.

„Komm  nur  näher,  Marieken!"“

„Ich  hatt  dirs  ja  versprochen!“

„Ja.“  ,

„Du  hast  mir  noch  was  sagen  wollen?“

„Ach  ja!  —  Und  nu  du  kommst  .  .  .  Aber
wenn  du  das  auch  weißt,  wird  dir  deine  Last  am
End  leichter!“

„Und  dir  —  deinel!“

Unser  Pommerland

Er  atmete  unruhig.  „Kannst  du  dir  das  denken?!
  .  .  .  Ich  glaub  nich!  —  So  was  kannst
d  u  dir  woll  gar  nich  denken!“

„Du  meinst  auch,  ich  soll  nan

„Ne!  ach  nel  —  Du  sollst  nichts!
du  woll  sollen?“

„Ich  mein,  du  wollt'st  sagen,  ich  sollt  Kas  man
tun  —“  ihre  Finger  reiben  sich  krampfhaft  an  der
erfaßten  Schürze  „das  mit  Gustav  um
dich!“  —  Und  hilfesuchend  blickt  sie  ihn  an.

„Marieken!“  —  Das  war  ein  Stöhnen  und  ein
Jauchzen  in  einem  Atem  —  ein  wühlender  Kampf
in  dem  einen  Wort.  Und  seine  Augen,  die  erst
noch  so  traumumflort  waren,  als  sie  eintrat,  halten
sie  jetzt  feurig  umklammert,  als  nahe  in  ihr  das
Gericht  seines  Lebens  und  zugleich  die  Erlösung.

Was  sollt'st

„Das  willst  du  tun?  —  Du  willst  .  .“,  er
bricht  ab  und  seufzt.  „Du  willste.  .“
„Ja,  es  geht  doch  nich  anders,“  sagt  sie  ergeben

  und  setzt  sich
Bett  steht.

„Ich  hab  das  nich  gemeint.  Aber  wenn  du
das  tun  willst,  mußt  du  es  erst  recht  wissen!  —
Méglich,  das  wird  dir  dann  leichter  —  möalich
auch,  du  tust  das  gar  nich  mehr,  wenn  du  es  bloß
um  mich  gewollt  hastt  —  Und  Noch  eimmal
trinkt  er  sich  Gewißheit  aus  ihrem  Anblick  —  „so
wird  es  ja  woll  sein!“"  —

Marie  Beethmann  verstand  den  Kranken  nicht.
Sie  versuchte  nicht  einmal  zu  vermuten,  wo  er  hinaus
  wollte.  Gespannt  blickte  sie  in  seine  erreaten
Züge  und  dann  noch  einmal  verstohlen  seitwärts
auf  seine  unglücklichen  Hände.  Sie  sah  sie  gewissermaßen
  in  einem  neuen  Licht  und  mit  erneutem
Entsetzen:  denn  das  leibliche  Auge  bestätiate  ihr,
was  sie  eine  Weile  immer  wie  in  schrecklichem
Halbschlaf  vor  sich  gehabt  hatte.

Indessen  senkte  sich  sein  Blick  vor  dem  ihren
und  irrte  über  die  roten  Karos  seines  gemusterten
Deckbettbezuges,  als  wolle  er  sie  zäblen.

.Du  bist  mir  immer  treu  gewesen.,“  saote  er
endlich  so  undeutlich,  als  möchte  er  seine  Worte
noch  zurückhalten.  Und  dann  wiederholte  er  noch
leiser:  „Immer  treul!?“

Es  hatte  halb  fragend  geklungen.  Sie  hob  ihr
Köpfehen  etwas  höher.

„Jal“  hauchte  sie  lächelnd.  Und  um  ihre  Lippen
huschte  es  wie  das  stolze  Bewußtsein  eines  natürlichen
  Adels.

auf  den  Stuhl,  der  an  seinem

(Fortsetzung  folgt.)

——