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literarhistorischen  Schriften  ist  Prutz  ein  zuverlässiger
  Führer,  dem  man  sich  getrost  anvertrauen  kann
und  der  nur  selten  zum  Widerspruch  herausfordert.
Seinen  Standpunkt,  von  dem  aus  er  die  Poesie
und  vor  allem  die  dramatische  betrachtet,  kenmzeichmen
  die  Worte:  „Die  Poesie  eines  Volkes  ist  das
Herz  des  Volkes  selbst,  von  dem  Blut  seines  Geistes
durchflossen,  erschüttert  und  belebt  von  dem  Pulsschlag
  seiner  Geschichte,  mit  ihr  blühend  und  mit
ihr  welkend.“  Er  weist  darauf  hin  und  erklärt  dies
aus  dem  Geiste  der  Zeit,  wie  gering  selbst  in  den
besten  Stücken  Goethes  und  Schillers  das  historische,
eigentlich  dramatische  Element  ist,  wie  selbst  im
Tell  und  Don  Karlos  die  eigentlichen  Motive  in
der  Sphäre  der  Familie  liegen.  Gelingt  es  Deutschland
  nach  dem  Weltkriege,  seine  Macht  und  staatsbürgerliche
  Freiheit  zur  vollen  Entwicklung  zu  bringen,
  dann  wird  es  sich  erweisen,  ob  Prutz  mit  seiner
  Ansicht  Recht  behält,  daß  „der  helle  Tag  der
Freiheit  und  des  vollen  historischln  Daseins“  auch
die  Knospe  unseres  geschichtlichen  Dramas  reifem
lassen  und  die  große  kommende  Zeit  den  großen
dramatischen  Dichter  gebären  wird,  der  mit  seinen
Schopfungen  die  Gesamtheit  unseres  Volkes  in  seinen
  Zauberkreis  bannt.  Wie  Hebbel  nicht  mit  seinen
  bürgerlichen  Dramen,  sondern  vor  allen  mit
seinem  deutschen  Trauerspiel  „Die  Nibelungen“  das
deutsche  Volk  langsam,  aber  sicher  für  sich  gewinnen
  wird,  so  auch  in  dem  erhofften  großen  Deutschland
  der  Dichter,  der  uns  die  gewaltigen  Gestalten
der  Geschichte  in  ihrem  gigantischen  Ringen  gegen
Feindestücke  lebendig  zu  machen  die  Kraft  besiet.
Infolge  dieser  seiner  Ueberzeugung  will  Prutz  die
Literaturgeschichte  nicht  nach  ästhetischen  Grundsätzen
  betrachtet  wissen;  „nicht  was  sie  der  Schönheir,
  was  sie  der  Freiheit,  was  sie  dem  Volke  gewesen,
  sollte  die  Frage  sein,  die  wir  an  unsere
Dichter  richten.“  Deshalb  widmet  er  z.  B.  in  seinen
  Vorlesungen  über  die  deutsche  Literatur  der
Gegenwart  Joh.  Gottfried  Seume  Worte  der  höchsten
  Anerkennung,  da  dieser  sein  Talent  immer  nur
„zur  Ehre  seines  Vaterlandes,  zur  Ermutigung  seines
  Volkes  angewandt  und  seine  Lieder  und  Schriften
  in  den  Tagen  unserer  tiefsten  Schmach  in  viel
tausend  Herzen  Trost  und  Hoffnung,  Feuer  des
Mutes,  heiliges  Feuer  des  Zornes  gegossen.“  Stellen
  wir  in  Zukunft  solche  Anforderungen  an  unsere
Dichter,  so  werden  wir,  falls  der  jetzige  Weltkrieg
für  Deutschland  der  Wendepunkt  ist,  der  eine  neue
Zeit,  einen  neuen  Staat  hervorbringt,  uns  freimachen
  von  all'  den  literarischen  Erzeugnissen,  die
—  wenn  auch  beachtenswert  vom  rein  künstlerischen
Standpunkte  —  unser  Volk  nicht  zu  sittlicher  Höhe,
sondern  zu  sittlicher  Erschlaffung  führen.

Wenden  wir  uns  nun  zu  dem  Dichter  Prutz.
Seiner  dramatischen  Werke  wurde  bereits  gedacht;
mag  man  auch,  wenn  man  den  höchsten  Maßstab
an  sie  als  dramatische  Kunstwerke  legt,  mancherlei
dagegen  einzuwenden  haben  —  das  allzuscharfe

Anser  Dommerland

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Hervortreten  freiheitlicher  Tendenzen,  Anklänge  an
Schiller  und  Shakespeare  —,  ich  bin  überzeugt,  dasß
sie,  insbesondere  „Moritz  von  Sachsen“,  zumal  in
politisch  bewegter  Zeit  ihre  volle  Wirkung  ausüben,
werden.  Freilich  bedürfen  die  von  ihm  geschaffenen
Gestalten  eines  großen  Theaters  und  hervorragender
  Darsteller.  Ein  kleines  poetisches  Meisterwerk,
dessen  Inhalt  allerdings  einen  mit  der  Literatur
und  Geschichte  dieser  Zeit  wohlvertrauten  Leserkreis
voraussetzt,  ist  seine  Komödie  „Die  politische  Wochenstube“,
  in  der  er  ebenso  gegen  die  verunglückte
Hebammenkunst  der  Romantik  wie  gegen  die  dramatische
  Poesie  seiner  Zeit  zu  Felde  zieht.  Sie  ist
stellenweise  scharf  gewürzt  und  verschont  mit  ihren
Seitenhieben  auf  politische  und  literarische  Zustände
  des  deutschen  Volkes  weder  Freund  noch
Feind.  Die  in  ihr  enthaltenen  Parabasen  können
sich  an  Inhalt  und  künstlerischer  Form  denen  Platens
  vollwertig  zur  Seite  stellen.

Seine  Romane  „Das  Engelchen",  „Die  Schwägerin“,
  „Felix“",  „Der  Musikantenturm“,  „Helene“  und
„Oberndorf“  sind  alle  in  behaglicher  Breite  geschrieben
  und  muten  uns  moderne  Menschen  durch  das
Hineinspielen  von  untergeschobenen  Kindern,  ungesühnten
  Jugendsünden  hochgestellter  Personlichkeiten
  usw.  etwas  altertümlich  an.  Doch  befinden
sich  in  ihnen  lebenswahr  entworfene  Gestalten  vom
niederen  Volke  an  bis  hinauf  zu  den  hlichsten  Gesellschaftskreisen;
  auch  zeigen  sie  des  Dichters  Erfindungs=
  und  Kompositionsgabe  in  hellstem  Lichte.
Will  man  sie  klassifizieren,  so  muß  man  sie  insgesamt
  dem  sozialen  Roman,  einreihen.  Zumeist  sind
die  Haupthelden  dem  Proletariat  entnommen,  doch
bei  allem  oft  derben  Realismus  fehlt  es  nirgend
am  einem  höheren  geistigen  und  sittlichen  Hintergrunde.
  In  dem  bedeutendsten  „Das  Engelchen“
entrollt  uns  Prutz  aus  einem  Weberdorfe  Schlesiens
  Bilder  von  einer  so  naturgetreuen  Darstellung,
  wie  sie  40  Jahre  später  (man  denke  an  die
Berliner  sozialen  Romane,  an  Gerhart  Hauptmanns
Schauspiel  „Die  Weber")  das  größte  Aufsehem  erregten.
  Reich  ist  der  Roman  an  plastischen  Einzelbildern;
  hervorheben  möchte  ich  das  friedliche  Bild
einer  Feierabendstille  an  einem  Sommerabend  auf
dem  Lande  und  als  Gegenstück  dazu  das  wüste
Treiben  an  demselben  Tage  in  dem  Fabrildorfe.
Neben  diesen  Romanen  darf  nicht  unerwähnt  bleiben
  die  psychologisch  fein  ausgeführte  Novelle  „Der
Heizer  vom  Aetna“,  die  Prutz  dem  2.  Bande  seiner
„Kleinen  Schriften  zur  Politik  und  Literatur“  als
Anhang  beifügte.

Und  zuletzt  noch  einige  Worte  über  den  Lyriker
  Prutz.  Alle  Töne  der  menschlichen  Seele,
alle  Empfindungen  des  menschlichen  Herzens  waren
ihm  vertraut,  und  seine  Leier  weiß  sie  alle  hervorzubringen.
  Zunächst  hat  er  uns  mit  einer  Reih:

Balladen  beschenkt;  außer  der  „badenden  Königin“,

die  er  im  Alter  von  18  Jahren  dichtete  und  didas
  Entzücken  des  alten  Eckermann  erregte,  außer