236
der  „Stummen  Liebe“,  dem  „Renegaten“,  „Der  Mutter
  des  Kosaken“",  der  obenerwähnten  Balladenfolge
„Herzog  Bogeslav“  sind  es  mehrere  andere  wie
„Bretagne“",  „Die  Oceaniden“  und  „Der  Räuber“,
die  noch  heute  in  deutschen  Lesebüchern  fortleben.
Das  Gedicht  „Christnacht“:  Heilge  Nacht,  auf  Engelschwingen
  nahst  du  leise  dich  der  Welt  ziert  das
Weihnachtsbuch  der  Deutschen  Dichter-Gedächtnisstiftung.
  In  seinen  Liedern  ist  Prutz  der  begeisterte
Herold  der  Schönheit,  in  der  sich  Gott  als  Weltenschöpfer,
  als  Schöpfer  des  Menschenleibes  umd  der
Menschenseele  entfaltet  hat.  Sein  innerstes  Leben
von  der  Jugend  bis  zur  Bahre,  alles  Leid  und
alle  Freude,  die  er  in  der  Oeffentlichkeit  und  in
seimem  Familienleben  erfahren,  spricht  sich  in  seinen
Dichtungen  aus,  und  er  dankt  der  Gottheit  für  das
köstliche  Gut,  das  sie  ihm  geschenkt,  für  die  Gunst
der  Musen:

Und  so  wandl“  ich  stolzen  Ganges,
Von  der  Muse  Kuß  belebt,

Bis  die  Fülle  des  Gesanges

Leis  im  letzten  Hauch  verschwebt.

In  seinen  Liebesliedern  spiegelt  sich  die  volle  Liebesglut
  des  herangereiften  Mannes  wieder,  die
ebenso  frei  ist  von  jeder  Lüsternheit  wie  von  jener
Weichlichkeit  der  Empfindung,  die  allmählich  den
Geschmack  an  der  lyrischen  Poeste  verleidete.  Unter
diesen  Liedern  finden  sich  Perlen,  die  Prutz  neben
die  ersten  Lyriker  aller  Zeiten  stellen;  ich  erinnere
an  solche,  die  auch  durch  ihre  Verionung  in  die
weitesten  Volkskreise  gedrungen  sind:  „Jch  will  dir's
nimmer  sagen“,  „Mond  hast  du  auch  gesehen“,  „ich
habe  die  Blumen,  die  kleinen  gegrüßt,  auf  die  dein
Auge  gelächelt",  „Hat  dir  die  junge  Rose  nichts,
die  einsam  blühende,  geklagt"  u.  a.  Als  der  Hohepriester
  reifer  Mannesliebe  preist  er  die  Kypris  in
dem  Hymnus:
Heißt  mich  nicht  von  Liebe  schweigen,  nicht  die
Liebe  heißt  mich  fliehn,
Weil  die  dunkle  Lockenfülle  Silberfädchen  mir  durchziehn,

Weil  der  Jugend  volle  Rose  auf  der  Wange  mir
erblich,
träg  und  frostig,  nahe  mir  umd

näher  schlich!

Weil  das  Alter,

□Unser  Dommerland

Einc  andre  Jugend  gibt  es,  die  das  Antlitz  mir
verschönt,

Die  mit  ewig  frischen  Rosen  die  gefurchte  Stirn
mir  krönt:

Hcilige  Jugend  meiner  Seele,  meines  Herzens
Maienzeit,

Ewig  sprossend,  ewig  blühend,  Bote  der  Unsterblichkeit!


Und  die  reinste  und  edelste  Huldigung  bringt  er

dem  Weibe  dar  in  den  Terzinen  „Offenbarung  der
Liebe“  (Herbstrosen  S.  195  ff.).

Mit  all'  diesem  ist  aber  noch  nicht  das  Gesamtbild
  seiner  Persönlichkeit  gezeichnet;  denn  Prutz  hat
nicht  nur  durch  seine  Schriften  und  Dichtungen,
sondern  auch  durch  die  Herausgabe  des  Deutschen
Museums,  in  dem  er  ein  bedeutsames  Organ  für
Kunst,  Literatur  und  öffentliches  Leben  schuf,  durch
seine  zehnjährige  Tätigkeit  als  Hochschullehrer  in
Halle,  wo  er  trotz  aller  Anfeindungen  der  deutschen
Literaturgeschichte  eine  gleichwertige  Stellung  mit
den  andern  Hochschuldisziplinen  zu  erobern  suchte,
und  endlich  durch  seine  öffentlichen  Vorträge  in  den
verschiedensten  Städten  unseres  Vaterlandes  eine
nachhaltige  Wirkung  auf  die  weitesten  Kreise  des
deutschen  Volkes  ausgeübt;  und  es  stand  ihm  dabei
die  wirksamste  Naturgabe  zu  Gebote:  das  freie
Wort,  über  das  er  nach  dem  übereinstimmenden  Urteile
  seiner  Zuhörer  in  vollendeter  Weise  verfügte.

Wenn  wir  so  dieses  vielgestaltige  Leben  in
seiner  Gesamtheit  an  unserem  Auge  vorüberziehen
lassen,  dann  werden  wir  dem  Urteile  seines  Schülers
  und  Freundes  Julius  Grosse  zustimmen  müssen:
  „er  war  eine  universale  Natur,  vielleicht  zu
dem  Größten  berufen,  wenn  ihn  nicht  der  Kampf
mit  dem  Leben  vorzeitig  aufgerieben  hätte.“*)

*)  Im  neuen  Jahrgamge  unserer  Zeitschrift
wird  der  Briefwechsel  zwischen  Robert  Prutz  und
Adolf  Stahr  veröffentlicht  werden,  der  Prutz  als
Dichter  und  Gelehrten  in  der  Vollkraft  seines  Lebens
  zeigt  und  uns  ein  intimes  Bild  seiner  Zeit
vor  Augen  führt.

S-M##