Onkel  Malte.

(Nachdruck  verboten.

Dann  aber  trat  seine  Frage  noch  einmal  ge—
nauer  vor  ihr  geistiges  Auge.  „Wie  kannst  dubloß
so  reden?“"  murmelte  sie  verwundert.

„Ich  —  ol  ich  hab  schon  Grund  dazu!  Ich
o,  Dirn!  ich  bin'n  Schuft  gewesen!  —  Einmal
bloß  —  bloß  ein  einziges  Mall  —  Aber  es  war
doch  ’ne  Schuftigkeit!  —  Ich  hab  das  nich  angegeben.
  Aber  mitgetan  hab  ich!  —  Es  war  so  n#
tolle  Gesellschaft  und  wir  gingen  an  Land  wie  ne

wilde  Horde.  —  Und  denn  so  will  man  nich  nein
sagen.  Denn  so  will  man  auch  u  großpratschiger
Bengel  sein!  —  —  Zwei  Wochen  später  wurde  die

„Hulda“  auf  hoher  See  leck  und  wir  mußten  sechsunddreißig

  Stunden  kniehoch  im  Wasser  stehn.
Und  einer  stieß  den  anderen  in  Rahsch
wmr  's  hintraf,  bis  uns  der  Lloyddampfer  in

Schlepptau  nahm.  Da  hatt  ich  meine  Strafe  weg

—  da  Es  hatt  mir  woll  schon  lange  in  den
Gliedern  gelegen.  Schon  seit  Jahren,  glaub  ich.

Aber  zuerst  achtet  man  so  was  nich.  Nu  aber!
Wenn  es  auch  nich  davon  gekommen  is  —  von  der
Schuftigkeit,  mein  ich!  —  Ich  wußt  doch:  „Nu  hatt'
ich  meine  Strafe  wegl!“

Sie  schüttelte  sich  in  den  Schultern,  als  fröre
sie.  Immer  wieder  holte  des  Schicksals  Hand  nach
ihr  aus  und  schlug  sie.  Sie  wunderte  sich  schon
gar  nicht  mehr  Und  doch  tat  ihr  von  neuem  das
Herz  weh.

Sie  mochte  ihn  nicht  gleich  ansehen.  Sie
schämte  sich  so  in  seiner  Seele.  Dann  aber  tat  si
es  doch,  und  sofort  wurde  sie  mutig:  „Quäl  dich
dech  nich  so,  Malte,  —  Laß  doch  man  sein!  —
Ach  Gott!  —  was  redst  du  auch  davon?  Und  das
mit  der  Strafe  .  .  Ach  Gott,  Maltel.

Die  Gegenwart  war  so  hart.  Warum  sollte  ihm
da  auch  die  Vergangenheit  noch  etwas  anhaben?

Wie  bei  ihrem  ersten  Kommen  streichelte  sie  leise

seine  Hände,  jetzt  aber  mehr  beschwichtigend,  als
zärtlich.
„Und  du  .  .  DO,  Jesus,  Marieken!  Is  das

wahr  —  du  willst  Gustav  zum  Mann  nehmen?“

Es  war,  als  wolle  er  sich  mit  gewaltsamem
Nuck  aufsetzen,  wie  ein  Gesunder.  Sofort  aber
sank  er  wieder  in  seine  alte,  nun  schon  als  einzig
erträglich  ausprobierte  Stellung  zurück.  „Is  das
wahr,  Marieken?“

Wieder  mied  sein  Blick  den  ihren:  Wenn  sie
doch  „Nein“  sagtel  —  Und  doch  war  ihr  „Ja“
seine  letzte  elende  Hoffnung.

Roman  von  Klara  von  Sydow.

„Ach,  Malte!  Ich  weiß  auch  nicht!  —  Ich  muß
ja  doch!  —  O  Gott!  O,  du  mein  Gottl!"

„Warum  denn?“"  —  keuchte  er  mühsam.
mir  ordentlich,  warum?“

Noch  einmal  wollte  er  es  ganz  deutlich  hören
—  mit  neuem  Entzücken  und  mit  neuem  Entsetzen
—  daß  sie  es  nur  für  ihn  tatl!

„Damit  du  deine  Aufpassung  hast.“

Sie  faltete  ihre  Hände  im  Schoß  und  sah  traurig
  auf  ihn  hin.  Sie  wußte  keinen  Ausweg  weiter.
  Daß  sie  sich  mit  einem  kranken  Manne  hätte
trauen  lassen  können,  nur  um  ihn  zu  pflegen,  lag,
ganz  außerhalb  ihres  Vorstellungskreises.  Dergleichen
  war  in  Vitte,  ja,  wohl  auf  ganz  Rügen,
noch  niemals  vorgekommen.

Und  auch  er  hatte  solche  Möglichkeit  nicht  wirklich
  nüchtern  durchdacht.

Nur  die  gaukelnde  Vorstellung  davon  war  in
den  letzten  Tagen  wohl  ab  und  zu  durch  sein
Hirn  geschossen.  Doch  wie  Schwalbenflügel,  die,
kaum  aufgezuckt,  auch  schon  wieder  verschwunden
sind.  Wie  hätte  er  solch  eine  unmögliche  Möglichkeitt
  auch  verfolgen  können?!  Stand  da  nicht
Gustav?  Ging  da  nicht  Gustav  aus  und  ein?  —
Gustav,  von  dem  er  jetzt  abhängig  war?  —  Konnte
ein  Kranker  etwas  gegen  einen  Gesunden  durchsetzen?
  Ein  Einzelner,  der  verkrüppelt  im  Bett
lag,  gegen  ein  ganzes  Dorf,  das  straff  auf  den
Beinen  stand?

Seine  Seele  wand  sich  in  Qualen.

Langsam  drehte  er  den  Kopf.  Schwer  und
langsam  blickten  seine  großen  dunkelblauen  Augen
von  unten  herauf.

„Das  willst  du  für  mich  tun?"“  sagten  sie  zu
Marieken.

„Ja,  Malte!"

Und  dicke  Tränen  tropften  auf  ihre  Hände.

*  *

„Sag

*

Vater  Beethmann  hatte  es  Gustav  sagen  müssenl,
  daß  Marieken  sich  die  Sache  überlegt  habe.

Er  Latte  es  ungern  getan.  Der  ältere  Piper
war  ihm  nicht  gut  genug  für  seine  Tochter,  wogegen
  er  den  gesunden  Malte  mit  Freuden  als
Schwiegersohn  würde  aufgenommen  haben.  Er
hatte  auch  versucht,  Marieken  allerhand  warnende
Vorstellungen  zu  machen.  Aber  sie  war  zu  halsstarrig
  gewesen.  Und  auch  Miele  hatte  gesagt:
„Laß  sie  doch  man,  Vadding!  Marieken  tut  doch,
was  sie  will!  —  Sie  kann  auch  nich  dafür!  —“