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Und  was  Miele  aussprach,  hatte  Beethmann
eigentlich  selbst  schon  empfunden:  Sie  konnte  nicht
dafür!  —  Ihr  Wollen  war  Müssen.

Seit  sie  selber  ihr  Schicksal  zum  Austrag  ge—
bracht  hatte,  war  Marieken  freundlich  gegen  Gustav.
Er  war  ja  der  Weg  zu  ihrem  Ziel.

Dem  war  sonderbar  zu  Mut.  Recht  froh  konnte
er  seines  Besitzes  nicht  werden.  Uneingestanden  ärgerte
  er  sich,  daß  er  nun  zeitlebens  die  Brosamen
essen  wollte,  die  von  seines  Bruders  Tisch  gefallen
waren.  Vielleicht  schämte  er  sich  auch.  —  Und  desto
stärker  kam  es  dann  bisweilen  über  ihn,  sich  trotzig
aufzubäumen,  so  daß  er  recht  ungeschickt  den  Bräutigam
  spielte.

Anfänglich  schauderte  Marieken  bei  seiner  Zärtlichkeit.
  Dann  wurde  sie  ruhiger.  Wie  das  abgehärtete
  Gesicht  an  Sturm  und  Regen,  so  gewöhnten
ihre  Lippen  sich  an  seine  Küsse.  —  Es  woaren  ja
gar  keine  Küsse!  Sie  empfand  nichts  dabei.

Kaum  hatte  Gustav  das  Jawort,  so  ließ  er
eines  Nachmittags  den  Fischfang  im  Stich  und  ging
im  Sonntagsanzuge  nach  Breege,  wo  ein  Uhrmacher
  wohnte,  der  auch  einen  kleinen  Handel  mit
Goldwaren  betrieb,  jedenfalls  geschickt  für  deren
Vermittlung  sorgte.  Er  bestellte  Ringe  und  kam
sich  selbst  bis  zur  Rührung  großartig  dabei  vor:
denn  die  Beschaffung  eigener  Ringe  war  nichts
durchaus  Gebräuchliches  für  den  Vitter.  Die  meisten
  borgten  den  ehelichen  Goldreif  vor  der  Trauung
von  dem  Küster  und  gaben  ihn  nach  einer  Stunde
zurück.

Gustav  wußte,  daß  er  für  geizig  galt,  und  vor
allem  mochte  der  Ringekauf  eine  Art  hämischen  Widerspruchs
  gegen  die  öffentliche  Meinung  sein.
Außerdem  aber  erwartete  er  gewiß  von  Marie  besonderen
  Dank  für  diese  Auszeichmung.  Schon  nach
vierzehn  Tagen  befand  sich  die  Kostbarkeit  in  Händen
  des  Brautpaares.  Die  Ringe  waren  hohl,  aber
breit  und  von  echtem  Gold  und  zeigten  inwendig
die  eingravierten  Namen  „Gustav“  und  „Marie".

Und  der  Bräutigam  hatte  sich  nicht  getäuscht:
Marieken  freute  sich  wirklich.  Sie  behielt  ihren
Reif  gleich  am  Finger,  während  er  seinen  kaum  ein
Viertelstündchen,  gleichsam  nur  probeweise,  trug,
ihn  dann,  in  Seidenpapier  gewickelt,  für  die  Sonntage
  zurücklegte.  —  Nur  den  wahren  Grund  ihrer
Freude  erriet  er  schwerlich  gleich,  argwöhnte  ihn
erst  nach  und  nach:  Eine  Braut,  die  schon  den
Ring  trug,  war  nämlich  der  Treue  ihres  Bräutigams
  so  sicher,  wie  die  Ehefrau  der  ihres  Mannes,
  umd  es  galt  deshalb  nicht  für  unschicklich,
wenn  sie  gelegentlich  in  ihrer  künftigen  Wirtschaft
aus=  und  einging,  als  wäre  sie  schon  verheiratet.

Zwar  war  die  Cousine  Strohmeyer  noch  nicht
ganz  von  Gustav  abbestellt.  Aber  seit  der  Ring  sie
gefeit  hatte,  nahm  Marieken  ihr  doch  allonählich
Maltes  „Aufpassung“  aus  der  Hand.

Dieser  erschrak  anfänglich.  Das  Ersehnte  kam
zu  früh.  So  lange  es  nur  ein  Ersehntes  war,

Unser  Dommerland.

richtete  er  sich  in  der  Nacht  der  Verzagtheit  an  seinen
  Lichtseiten  auf,  ohne  die  Schatten  zu  bedenken.


Außerdem  würde  er  seine  Lage  nach  Mariekens
Hochzeit  nicht  ganz  so  schimpflich  empfunden  haben,
  weil  sie  dann  schon  gesetzlich  ihre  „Last“  auf
sich  genommen  hatte.

Und  —  was  noch  schwerer  als  das  wog  —  mit
der  Gewalt  des  Unbewußten  klammerte  er  sich  an
die  kindliche  Vorstellung,  daß  mit  der  Trennung
durchs  Gesetz  auch  ein  Abschnitt  in  ihrem  gegenseitigen
  Gefühl  eintreten  werde.  —

Indes  verlor  sich  seine  Scheu  bereits  nach  wenigen
  Tagen.  Als  das  erregte  Mädchen  ihrem
Bräutigam  zum  dritten  Male  wortlos  beistand,  ihn
aus  dem  Bett  zu  heben,  ihm  dann  so  sorgsam  das
Lager  bereitete  und  von  neuem  seine  kranken  Glieder
  mit  einem  stützenden  Burgwall  von  Federkissen
umgab,  ohne  daß  er  einen  besonderen  Wunsch  zu
äußern  brauchte,  fühlte  er  nur  noch  das  Schmerzlich-beglückende
  des  Wechsels.

Gustav  hatte  es  eilig  mit  der  Hochgeit.  Er
setzte  sie  auf  den  zweiten  Weihnachtstag  fest,  da  an
diesem  doch  Gottesdienst  in  der  Kapelle  war  und
sich  die  Trauung  gut  anschließen  ließ.

Ihr  „Zeug"“  habe  sie  in  Ordnung,  sagte  Marie
eines  Tages  auf  seine  Erkundigung  hin.  Sie  sagte
es  ohne  weitere  Erklärung.  Aber  ein  trockenes
Aufschluchzen  stieg  ihr  in  die  Kehle,  als  sie  dabei
au  vergangene  Hoffnung  dachte.  Nur  das  Hochzeitskleid
  fehle  noch,  fügte  sie  hinzu.

„Ja,  was  willst  du  für  eins  haben?“  fragte
Gustav  etwas  zögernd.  Er  hatte  mu  schon  die
teueren  Ringe  gekauft  und  hoffte  mit  Bestimmtheit,
sie  werde  bescheiden  sein  und  nur  ein  schwarzwollenes
  begehren  Aber  wenn  sie  nun  doch  um  ein
seidenes  bätes!

Begierig  auf  ihre  Entscheidung,  blinzelte  er  sie
an.
„Ach,“  sagte  sie  gleichgiltig,  „der  Jud  in  Altenkirchen
  hat  ja  allerhand  schöne  Stoff'  —  du  kamust
ja  man  Treduppen  sagen,  er  soll  uns  Proben  mitbringen.
  Oder  ich  schreib  auch  selbst  drum.  Wir
kriegen  sie  dann  mit  der  Post.  Aber  das  kostet
zehn  Pfennig.“

Gustav  machte  ein  verstörtes  Gesicht.  Er  war
durch  ihre  Antwort  um  nichts  klüger  geworden,
denn  der  Jude  führte  bekanntermaßen  auch  Seidenzeuge


Die  Unterhaltung  ging  bei  Pipers  vor  sich.  Gerade
  als  Marieken  an  einem  Sonntagmorgen  die
letzte  liebevolle  Hand  an  Maltes  Zurechtrücken  im
Bett  und  an  seinen  frischen  Anzug  legte.

Plötzlich  sah  sie,  daß  er  verstohlen  lächelte.

Aber  es  war  ein  so  trauriges  Lächeln,  daß  es
ihr  zu  Herzen  ging,  als  ob  er  weine.

„Möchtst  du  nich  'n  seidenes  Kleid  haben?“
fragte  er  leise.