„Du  bist  wohl  nich  klug?“  stieß  sie  in  ihrer  Be—
klemmenheit  hervor.  „Doch  kein  seidenes!“

„Wirklich  nich?“

Da  stutzte  sie,  da  stockte
einmal  wußte  sie's!  .  ..

„Ach,  geh!  geh  doch  man!“  murmelte  sie  ganz
verwirrt  und  strich  immer  wieder  mit  der  Bürste
über  sein  schönes  dunkelblondes  Haar.  —  Er  trug
es  nicht  straff  herunter  gekämmt  und  gradlinig  im
Nacken  abgeschnitten,  wie  die  anderen  Vitter.  Sonst
hatte  er's  kurz  geschoren  gehabt;  aber  im  Bett  war
es  schon  gewaltig  gewachsen,  so  daß  sich  über  der
Stirn  nun  immer  eine  dicke  Locke  lagern  wollte.

Sie  hatte  es  eilig  an  diesem  Sonntagmorgen.
Tlotzdem  wurde  sie  jetzt  gar  nicht  damit  fertig,
ihm  die  Locke  zurückzustreichen.

„Gustav,“  bat  Malte,  „möchtst  du  mir  woll  meinen
  Koffer  mal  unterm  Bett  rausholen?“

„Jal  Was  willst  Du  denn  damit?  —  Bist  du
denn  noch  nich  schmuck  genug?“

„Noch  lange  nich!“

„Fopp  einen  nich!  —  Sag  ordentlich,
baben  willst?“

Jett  war  es,  als  sprühten  Maltes  Augen  Funken:
  „Den  ganzen  Koffer  will  ich!  —  Ich  itt  dich
ja  nich  gerad  oft  um  was  Unnötiges.“

„Zu  Unnatigem  is  auch  nich  viel  Zeit,  wenn
einer  muß  angezogen  werden,  w.bie

„Gustav!“  sagte  Marieken  entsetzt  und  strafemd,
indem  sie  sich  von  Malte  ab=  und  ihm  zuwandte.

„Na,  sag's  man!“  rief  dagegen  Malte,  „wie'rn
„klein  Kind“  wolltst  du  doch  wohl  sagen?  —  Oder

ihr  Herz;  denn  auf

was  du

„wie'n  Toter“?  —  Das  hätt'  ja  auch  gepaßt.  Toten
  spendiert  man  am  Ende  auch  noch  was.  —  —
Wer  weiß,  es  kommt  vielleicht  eher,  als  du  hast

hoffen  können,  lieber  Bruder!"

Inzwischen  hatte  Gustav  den  Koffer  vorgeschoben
  und  hielt  ihn  an  den  Endgriffen  zwischen  seinen
  zwei  ausgestreckten  Armen.

„Na  —  und  was  befiehlst  du  nus?“

„Setz  ihn  man  hier  auf  den  Stuhl  vor  mein
Bett.  —  Ich  dank  dir  auch!  —  Marieken,  irgendwo
  auf'm  Schrank,  da  liegt'n  Schlüssel.  Schlies
eins  auf!"

Sie  famd  den  Schlüssel  und  nach
seinem  Geheiß.

Mehr  als  gewöhnlich  verfolgte
Gebärden.

„So!  —  Da  drin  .  es  is  oft  eingewickelt
—  und  noch  was  dazwischengestreut,  daß  es  nich
stocken  sollt.  —  Nimm  das  man  raus!  —  Ja,  und
was  ich  noch  sagen  wollt:  Gustav,  du  brauchst
Marieken  kein  Kleid  zu  kaufen!"

Das  hatte  er  mit  mühsam  erhobener  Stimme
gesagt.  So,  als  wäre  der  kostbare  Stoff  unter  seinem
  Bett  ihm  ein  lieber  Vertrauter  gewesen  —  die
letzte  Zusammenfassung  süßer  Rechte  —  und  seine
Fortgabe  sei  ihm  das  Sinnbild  endgiltigen  Unterliegens.
  —

tat  unruhig

sein  Auge  ihre

Unser  Dommerland

230

„Na  nu!  —  Na,  aber  so  was!  —  Jä,  nu  geht
mir  'n  Licht  auf.  —  Hm  —  da  wird  der  Jud
aber  schön  bös  sein!“

Gustav  wußte  selbst  nicht  recht,  ob  er  sich  freue
oder  ärgere.

Malte  dachte  schon  nicht  mehr  an  das  kleine
Geplänkel  mit  ihm.

„Magst  du  das  Kleid  leiden,  Marieken?"  fragte
er  gedämpft.

„Ach,  Malte!  —  Ach,  so'n  wundervolles  Kleid!“

Zitternd  hatte  sie  die  letzte  Papierhülle  von  der
weichen,  glänzenden  Seide  getan.

„Ja,  solch  ein  hätten  wir  hier  doch  nich  bekommen!“
  meinte  der  nun  auch  näher  getretene  Gustav.
„Nimm  doch  den  Staat  mal  ganz  raus!“

Sie  zögerte.

„Ja,  nimm  es  man

raus!“  antwortete  Malte
ihrem  fragenden  Blick.  Und  wieder  mußte  er  lächeln.
  Sie  sah  so  entzückend  aus  in  ihrer  andächtigen
  Scheu!  —  Gewaltsam  erhob  er  sich  über  seine
Rührung:  „Du  mußt  es  ja  doch  mit  dir  nehmen
und  zur  Schneiderin  bringen.“

Da  nahm  sie  behutsam  den  schönen  zusammengefalteten
  Stoff  aus  seinem  Gefängnis  und  strich
behutsam  mit  der  Hand  darüber,  als  er  ihr  nun
bingegossen  über  dem  Arm  lag.

Er  knisterte  nicht,  dazu  war  er  zu  weich.  Aber
er  blieb  an  ihren  rauhen  Fingern  hängen,  bis  sie
ibn  mit  ängstlicher  Hast  wieder  davon  löste.

„Siehst  du,“  sagte  sie  errötend,  „es  paßt  nich
für  mich!  —  Aber  —  wir  danken  dir  vielmals!  —
Ach,  solch  wundervolles  Kleid!“

„Ja,  wir  danken  dir  auch  schön,“  pflichtete
Gustav  bei.

„Ich  muß  nu  gehn!“  murmelte  sie  unschlüssig.

Malte  fürchtete,  sie  sei  nah  daran,  in  Schluchgen
aluszubrechen.

„Denn  geh  man,  wenn  du  es  eilig  hast!“  sagte
er  hastig.  „Das  Kleid  nimm  mit,  Marieken!  —
Das  gehört  dir!  —  Vertrag  es  in  Gesundheit!“

Ein  Zittern  flog  über  Mariekens  ganzen  Leib.
Nur  aus  halb  aufgeschlagenen  Augen  sah  sie  ihn

noch  einmal  an.  Ueber  die  Lippen  brachte  sie
nichts  mehr.
Dann  wickelte  ste  den  wunderbaren  Stoff  wieder

  in  alle  seine  Hüllen,
fort.

Gustav  ging  hinter  ihr  drein.

„Na!  Nu  freust  du  dich  woll?“

Leichenblaß  wandte  sie  sich  um:  „Ja!  —  Und
du  —  du  warst  so  eklig  zu  ihm!“

„Dummen  Schnackl  Rohr  man  rnich  los!  (losrohren,
  zu  weinen  anfangen).  Er  weiß  doch,  daß
einer  das  nich  bös  meint!  —  'n  schwarzseiden!
Das  wird  dich  kleiden!  Was?“

„Weißt  du,  ob  ich  das  überhaupt  ankrieg?“

„Sag  mir  einer!  Du  das  nich  ankriegen?“

„Ich  glaub  an  nichts  mehr!“  stotterte  sie.

und  nahm  ihn  mit  sich