Volkshumor  und  Volksweisheit.

J.

Sprichwörter  und  lprichwörkliche  Redensarten.

„Kannst  ok  all  Eier  kaken?“  1)
ruft  in  Hinterpommern  die  Mutter  spöttisch  der
dreizehnjährigen  Tochter  zu,  die  schon  vom  Heiraten
spricht  und  sich  dabei  noch  oft  genug  wie  ein  „Gör“
beträgt,  das  die  Rute  verdient.

„Barken  (  birken)  Hänschen  sall  din  Brüdgam

sin!“

Noch  ein  Jahr,  und  die  Mutter  denkt  im  stillen

selbst  an  die  Hochzeit  und  legt  heimlich  manchen

Spargroschen  und  manches  Stück  selbstgewebter
Leinwand  für  die  Tochter  in  die  große  Lade  auf
dem  Boden:

Wenn't  Mäka  is  as  a  Rist,  2)

mutt  d'  Mutta  spara  in  d’  Kist.
Und  nun  mahnt  sie  wohl  auch  selbst  die  Tochter:

„Nah  eine  Fedder  (tom  Brutbedd)  mult  he

Mäke  äwer  säwen  Hackelbarg  3)  springe!“

Bald  ist  die  Zeit  da,  in  der,  wenn  die  besen  Zungen
  recht  haben,  das  junge  Mädchen  nur  einen  Gedanken
  hat:

„Nich  äte,  nich  drinke;  ma  fria,  ma  fria!"

Glücklicherweise  sind  auf  dem  Lande  die  Weiberseinde
  unter  den  Männern  rar.  Die  meisten

lopen  vör  de  Frugslüd  as  de  Anten  vör't

Water.

Mancher  sagt  zwar:

„Wer  sin  Hus  will  rein  erhollen,

darf  nich  Wiwer,  noch  Papen

hollen.“

Aber  nach  einiger  Zeit  kommt  er  doch  zu  der  Erkenntnis,
  daß  es  ohne  Frau  nicht  geht;

wat  een  dohn  kann,  wad  twee  nich  sur.

1)  Auch  von  der  Frau,  die  von  der  Küche  nichts
versteht,  sagt  man:
„Se  dögt  keen  Ei  to  kaken.“
Dem  ganz  unerfahrenen  jungen  Mädchen  legt  der
Volkswitz  die  Frage  in  den  Mund:
„Mutte,  wenn  dat  so  ristet  und  rastet  im  Ketel,
kaken  de  Kliwen  da?“
2)  Rist  ist  ein  dünn  zusammengedrehtes  Bündel
gekechelten  Flachses;  also  „schlank  und  rank“.
3)  Irrtümlich  für  „Hackelwark“,  den  durch  eine
Hecke  gebildeten  Zaun.  Aehnlich
„Ein  Mäken  möt  na  ein  Ferre  äwer  drei  (nägen)
  Tün  springen.“

noch  Duwen

Von  Drof.  Dr.  A.  Brunk.

So  beginnt  er  denn  vorsichtig  Umschau  zu  halten
unter  den  Töchtern  des  Landes:
Hetraten  ist  kein  Pferdekauf,
Freier,  tu  die  Augen  auf!  4)
Linnen  un  Fronslüd  mutt  ma
köpen.
Am  liebsten  nähme  er  eine,  die  alles  zugleich,  reich
und  hübsch  und  tüchtig  wäre.  Aber
Schmuck  un  rifk,
schitt  de  Düvel  nich  toglik.
Der  Nachbar  hat  zwar  eine  Tochter,  die  vor  keiner
Arbeit  zurückscheut;  aber  sie  ist  häßlich  wie  die
Nacht,  und
dat  Og  will  doch  ock  wat  hebben.
Eine  andere  ist  zwar  hübsch;  indessen
aus  nem  schönen  Morgen  fällt  ein  trüber  Tag,
aus  nem  hübschen  Mädchen  wird  ein  Schmuddelsack.


nich  bi  Licht

Eine  dritte  ist  zu  mager,
se  hett  nich  Buk  noch  Back,
eine  vierte  ist
'n  sihr  vullkamenes  (=  umfangreiches)  Frugensminsch.

Kort  o  dick,  hett  keina  Schick,
lang  o  schmal,  hett  kein  Gefall:;
aber  mittelmäßig,  das  hat  Gott  erschaffen.
Mittelmaatsch  dat  lett  staatsch.  5)
Diese  hat  rotes  Haar:
rod  Hoar  o  Ellerstruk  (GErlenstrauch)
wasse  up  keinem  gaude  Grund;:
auf  jene  paßt
„im  spitzen  Kinn
sitt  de  Düvel  in.“  6)
Eine  ist  gar
in  Jungswater  döfft,  7)
dorüm  hett  se  ’'n  Schnurrbort  kreege.
So  hat  er  an  allen  etwas  auszusetzen:
Dat  's  noch  'n  Gössel,
de  watschelt  as  ne  Gaus,
de  tottert  as  ne  Gaus  —
dat  's  ne  Gaus  mit  'n  Pfauenstart,

4)  Wer  frigen  will,  dauh  de  Ogen  up.

5)  Kurz  und  dick,  hat  keinen  Schick;
dünn  und  lang  hat  keinen  Gang.
Middelmaat,  dat  ziert  de  Strat.

6)  Spitze  Nase  und  spitzes  Kinn,
da  sitzt  der  Teufel  dreimal  drin.

7)  D.  h.  mit  Wasser,  mit  dem  vorher  schon  ein

Junge  getauft  war.