256

krauses  Haar  wird  bald  schlimm.“  16)
Dazu  schimmert  sein  Bart  ins  Rötliche:

De  Voßhär'ga  un  Rotbärt'ga  sind  Düwelsort.

  17)

Sie  schließt  mit  einem  beschwörenden:

„Höd  di  vör  den,  den  Godd  teeknet  hett!“
Die  Tochter  aber  behauptet,  der  Bart  sei  gamicht
rot.  sondern  blond,  und  das  sei  gerade  hübsch.
Ohne  Bart  wolle  sie  überhaupt  keinen  Mann:

an  Puß  ahn  Bort  is  as  a  Fisch  ahn  Sult.
Schweigend  sitzen  sich  beide  eine  Weile  gegenüber.
Dann  fängt  die  Tochter  wieder  an:

„Rad  mi,  Mutte,  öwer  rad  mi  nich  af!“
Diese  warnt:

„Raup  nich  eher  Fisch,

eh  du  s'  hest  in  de  Lisch!“  18)
vielleicht  hat  ihm  doch  manches  nicht  gefallen  (der
Bauer  hätte  wohl  freundlicher  zu  ihm  sein  keännen)
und  ihm  ist  die  ganze  Sache  leid  geworden.  Aber
die  Tochter  weiß,  was  sie  gesehen  hat:
Stroh  in  die  Schauh  un  Leiw  in'n  Harten,
dei  kiken  ümmer  rut.  19)
gibt  die  Mutter  endlich  mit  dem  Seufzer  nach:
„Wat  tosamen  kamen  sall,  dat  kümmt  tosamen,
un  wenn't  de  Düwel  up  de  Schuwkar  tosamenkaren

  sall!“"

Eine  fröhliche  Hochzeit  im  Herbste  bestätigt  die
alte  Wahrheit:

„Schön'  Blaumen  stahn  nich  lang  an'n  Weg."

So

Zum  Glück  für  die  weniger  hübschen  und  tüchtigen
  Mädchen  ist  auf  dem  Lande  das  Angebot  von
Mädchen  nicht  größer  als  die  Nachfrage,  da  viele
in  den  Städten  einen  Dienst  suchen  und  ihr  Heimatskorf
  für  immer  verlassen.  So  bleibt  selten  eine
underheiratet,  und  wenn  sie  auch  körperliche  Mängel
  aufzuweisen  hat:

'n  beten  scheef  is  liker  leew;

da  is  keen  Pot  so  scheef,

#  find't  sich'n  Deckelken  to;

scheef  hett  sich  uck  leew.  20)

Glücklicherweise  ist  auch  der  Geschmack  verschieden:
wat  den  eenen  sin  Ul  is,

16)  Kruse  Hor  un  krusen  Sinn,

dor  sitt  de  Düwel  dreemal  in.
Krause  Haare,  krausfer  Sinn.
Sturre  Haare,  sturrer  Sinn.

Von  kleinen  Leuten  heißt  es  schon  in  Kantzows
Chronik
„Die  kleinen  Leute  lewffen  balt  voll  Zorns.“

17)  Rotbart,  Schelmart.

18)  Die  aus  Lischgras  verfertigte  Kiepe.

Naup  nich  ihre  „Hal  Fisch!“  bet  du-  sei  ut't

Wate  hest.
de  laten  sich  nich  verbargen.


20)  Keen  Pott  is  so  schlicht,  dor  find't  sich  doch
ne  oll  Stülp  to.

19)  Hausten  un  Leiw,

Unfser  Dommerland.

dat  is  den  annern  sin  Nachtigall;  21)
de  een  mag  de  Murre,  de  anner  de  Dochte,
un  de  drüdd  mag  se  all  beir.
Mancher  läßt  sich  auch  durch  den  schlechten  Ruf  des
Mädchens  nicht  abschrecken  und  tröstet  sich:
„De  rugsten  Fahlen  warden  de  schiersten  Pier.  22
So  kommt  es  oft  vor,  daß  das  Sprichwort  recht  behält
„Je  arger  dat  Stück,
je  gröter  dat  Glück“  23)
und
„de  schlechsta  Säga  finna  den  besta  Drank."
Fällt  dann  einer  trotz  aller  Warnungen  mit  einer
solchen  Frau  hinein,  so  braucht  er  für  den  Spott
nicht  zu  sorgen;  wo  er  geht  und  steht,  bekommt  er
zu  hören:
Jo

„De  Lieb  föllt  nich  immer  up'n  Rosenblatt,

se  föllt  ok  öfter  up'n  Hopen  Kohllack.“

Im  allgemeinen  aber  sind  beide  einander  würdig;
wat  top  hert,  dat  top  kehrt.

Ul  sind't  sich  bi'n  Schufoot  (-Uhu)  —

so'n  Pott,  so'n  Stülp.  24)

Bleibt  aber  einmal  ein  Mädchen  unverheiratet,
dann  wehe  ihr!  Die  alternde  Jungfrau,

de  Pott  ahn  Stülp,
ist  die  Zielscheibe  allgemeinen  Spottes.  Nachts
klagt  sie,  wenn  die  bösen  Zungen  die  Wahrheit  sagen:


„Alles  kümmt  an'n  Mann,  blot  ick  nich“  25)
Macht  sie  ein  verdrießliches  Gesicht,  so  wird  gehöhnt:


„Sorn  Mul  mak  man,  denn  warst  din  Zick  woll

verköfft  kriege!“
Niemand  kümmert  sich  um  sie,  wenn  sie  zum  Tanz
kommt;  höchstens  steckt  man  lachend  die  Köpfe  zusammen
  und  flüstert:

„Um  de  is  'n  Riten,  as  Wihnachten  üm  de
Strohhör.“  (-Strohhüte.)
Aber  selbst  da  behält  das  Sprichwort

De  täuben  kann,

k  iggt  uck  nen  Mann
noch  oft  recht.  260)  Und  wer  will's  ihr  verdenken,
wenn  sie  dann  nachzuholen  sucht,  was  sie  all  die
einsamen  Jahre  hindurch  versäumt  hat,  und  als
„iunge“  Frau  durch  gemachte  Jugendlichkeit  die
Spuren  des  herannahenden  Alters  übertünchen
möchte!

21)
22)
23)

Den  eenen  sin  Ul  is  den  annern  sin  Papagei.
Je  ruppige  dat  Fauhle,  je  glatte  de  Staut.
Je  arger  dat  Strick  (-Unband,  Galgenstrick),
je  gröter  dat  Glück.
Gleich  sucht'’  sich,  gleich  fand  sich.
„Mandschien,  Mannsliüd  un  Musik,
dat  Beste  up  de  Welt,“
viertig  Johr  olt  wier.
Sieht  sie  eine  Braut  zur  Kirche  gehn,  so  tut  sie
gern,  als  wenn  sie  das  alle  Tage  haben  könnte,
wenn  sie  nur  wollte:

„Den  Gang  müssen  wir  alle  gehn.“  (Forts.  f.)

24)
25)  dat  is

sär  Korlin,  as  se

Verantwortlich  für  die  Redaktion:  Ludwig  Hamann.  Verlag:  PBommernverlag  Max  Mallin.
Druck:  F.  Hendeß,  G.  m.  b.  H.,  sämtlich  in  Stargard  i.  Pomm.