Onkel  Malte.

(Nachdruck  verboten.

(Schluß.)

Das  Kleid  wurde  nicht  in  Puttgarten  hergestellt,
  sondern  in  Altenkirchen  bei  der  besseren
Schneiderin.

Marieken  lief  zweimal  fünf  Viertelstunden  lang
durch  Wind  und  Wetter  zum  Anuprobieren.  Und
als  sie  es  endlich  fertig  in  Händen  hielt,  sagte  sie
laut  aufschluchzend  zu  Miele:  „Das  Kleid  will  ich
im  Sarg  anhaben!“

Ueberhaupt  war  mit  dem  Hochzeitsstaat  im  Hause
eine  große  Unruhe  über  sie  gekommen.  Als  wäre
ihr  gerades  Losgehen  aufs  Ziel  durch  die  plötzliche
  Erkenntnis  zerstört,  daß  der  Tag,  an  dem  sie
ihn  anlegen  sollte,  der  schrecklichste  ihres  Lebens
sein  würde.

Bater  Beethmann  war  seit  mehr  als  einem
Jahrzehnt  Kapellenwärter  und  hatte  vor  jedem
Grttes  dienst  für  gründliche  Reinigung  des  kleinen
Bethauses  Sorge  zu  tragen.

So  lange  Marieken  dem  Haushalte  ihres  Va—
ters  vorstand,  hatte  er  sie  regelmäßig  alle  drei  Wochen
  ans  Absegen  des  Fußbodens  erinnern  mülüssen.
Was  das  junge  Ding  nicht  täglich  zu  beschicken
hatte,  kam  ihr  aus  dem  Sinn.

Am  heiligen  Abend  aber  stieg  sie  ungemahnt  mit
Schippe  und  Besen  zur  Kapelle  empor.

Eine  Buchsbaumgirlande  mit  roten  Papierrosen
für  den  Altar  sollte  erst  am  andern  Morgen  von
Miele  und  einigen  zur  Hochzeit  geladenen  Puttgartener
  Schulfreundinnen  bei  Rotspracks  gewunden
werden.  Beim  nüchternen  Säubern  des  Gotteshauses
  ließ  man  die  Braut  allein.  Und  das  war
ihr  eben  recht.

Sie  klomm  sogar,  mit  ihrem  Handwerkszeug  beladen,
  von  der  Hinterseite  des  Gartens  aus  in  der
Kehle  der  Schlucht  empor,  um  möglichst  ungesehen
hinaufzugelangen.

Nur  allein  sein!  Nur  einmal  sich  nicht  ängstigen
  müssen,  daß  sie  von  übermorgen  sprachen!

Eisig  wehte  der  Wind.  Und  riesige,  weingraue
Schneewolken  wälzten  sich  von  der  See  herauf.

Marieken  war,  als  stiegen  sie  schneller  empor,
als  sonst  so  große  Wolken  steigen,  als  kämen  sie
förmlich  hinter  ihr  drein.

Trotz  ihrer  warmen  Jacke  fror  sie.  Als  sie  den
letzten  kleinen  Erdbuckel  innerhalb  der  Schlucht  überstieg,
  sah  sie  ihren  fliegenden  Atem  wie  Rauch  vor
sich  hergehen.

Roman  von  Klara  von  Sydow.

Die  Finger  waren  ihr  so  steif,  daß  sie  nur  mit
Gewalt  den  Schlüssel  im  Popellenschloß  umdrebhen
konnte.  Und  glücklich  unter  Dach,  horchte  sie  mit
stillem  Schaudern  auf  die  sich  am  Ufer  brechende
Meeresstimme  und  das  winselnde  Heulen  eines  sich,
ertt  erhebenden  Sturmes,  der  aber  schon  an  den
klapperigen  Fenstern  mit  ihrer  losen  Bleieinfassung
und  an  der  alten  wurmstichigen  Eichentür  rüttelte.

Alles  war  noch  so  gedämpft,  aber  doch  schon
unheimlich.

Was  sie  übermorgen  für  Wetter  haben  würde,
war  ihr  an  sich  gleichgiltig.  In  ihren  Kdanz  mochte
es  regnen  oder  schneien  —  ja,  der  Sturm  mochte
ihn  ihr  vom  Kopfe  reißen,  wenn  er  wollte!  Aber
ihr  Kleid  —  ihr  schönes,  schwarzes  Seidenkleid,
das  hätte  sie  um  alles  in  der  Welt  nicht  beschmutzen
mögen!

Sie  wurde  flinker  mit  Fegen  und  Wischen  sertig
  denn  je.  Die  Kälte  in  ihren  Fingern  und  ihre
fliegenden  Gedanken  hatten  sie  zur  Eile  getrieben.

Es  dunkelte  kaum,  da  lag  wohl  kein  Stäubchen
mehr  auf  der  hübschen  Fliesenmosaik,  geschweige
denn  auf  den  im  Herbst  frisch  gestrichenen  Sitgbänken.
  Sie  war  zum  Fortgehen  bereit.

Aber  noch  einmal  trat  sie  von  der  Schwelle  aus
ins  Kapellchen  zurück.  Doch  nicht  eilig,  beinah
schweren,  wankenden  Schrittes.  —  Und  rechts  auf
die  dritte  Männerbank  —  auf  den  ersten  Platz  ganz
dicht  an  der  Wand,  gerade  unterm  Fenster,  durch,
das  am  frlihen  Nachmittag  das  Sonmnenlicht  zu
fallen  pflegte  —  da  kauerte  sie  sich  nieder;  denn  da
hatie  Malte  immer  gesessen,  wenn  er  Winters  zu
Hause  war  und  der  Superintendent  im  Vitte  predigte.


Sie  faltete  die  Hände  über  ihren  Knieen  und
schüttelte  lange  stumm  den  Kopf.  Das  große  Elend
war  ihr  so  unbegreiflich.

„Lieber  Gott,  sei  doch  barmherzig!  —  Sei  doch
barmherzig  mit  mir,  mein  Herr  Gott.“  betete  sie
endlich  ganz  laut.  Und  da  in  demselben  Augenblick
  der  Wind  gewaltiger  seine  Stimme  erhob,
scheute  sie  sich  nicht  selbst  vor  ihren  Worten.  Vielmehr
  war  ihr,  als  wirden  sie  rettend  emporgetragen
  auf  unsichtbaren  Flügeln.

Dann  weinte  sie  lange  still  vor  sich  hin,  umd  es
fing  an,  ihr  etwas  leichter  ums  Herz  zu  werdin.

Auf  einmal  wurde  die  Tür  aufgerissen.  Sie
dachte,  es  wäre  der  Wind  und  kehrte  sich  erst  gar