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„Wer  wird  dich  anziehen?“  fragte  der  Kranke,
als  er  gebettet  war.

„Ich  weiß  nich.  Die  Puttgartener  Mädchen,
denk  ich:  Lina  Schwarz  und  Meta  Ohll!“

Aber  es  war  nicht  eigentlich  das,  was  er  hatte
fragen  und  nicht  eigentlich  das,  was  er  hatte  beantwortet
  haben  wollen.

„Und  vor  der  Trauung  seht  ihr  bei  mir  ein  und
sagt  mir  adien?  Man  nich?“  bat  er  leise.

„Ja,  gewiß  sehn  wir  bei  dir  ein!“  sagte  sie.

Gustav  schwieg.  Das  an  Wintertagen  für  gewöhnlich
  ebenmäßige  Rot  seines  Gesichts  färbte  sich
etwas  tiefer.  Aber  wenigstens  sagte  er  nichts  dagegen.


„Mach  man,  daß  du  rechtzeitig  in  Staat  kommst!“
ermahnte  er  seine  Braut.

Und  nun  war  sie  im  Staat.

Der  schmale  hühschgewickelte  Kranz  stand  ihr  gut
zu  Gesicht.  Auch  trug  sie  einen  kurzen  Schleier:
denn  das  hatte  Gustav  gewollt,  obschon  es  als
Lulus  galt  und  sie  selbst  fürchtete,  er  möchte  zu
sehr  das  Kleid  verdecken.

Die  Puttgartener  Mädchen  konnten  sich  gar  nicht
genug  tun  in  Ausrufen  des  Entzückens.  Im  einem
Atem  über  sie,  im  anderen  über  ihr  wunderherrliches
  Seidenkleid.  Und  die  herzu  gerannten  Vitterinnen
  bestaunten  vor  allem  letzteres.

Des  Gesunden  Stimmung  wendet  sich  schnell  von
dem  ab,  was  krank  ist;  und  das  öffentliche  Mitleid
  pflegt  bald  von  dem  Leidenden  auf  dessen  Angehörige
  überzuspringen.  Nicht  allein,  daß  wenige
von  Natur  so  tief  eingehend  sind,  daß  sie  mit  jenem
  fühlen  könnien,  die  meisten  wollen  es  erst  gar
nicht.  Der  vom  Unglück  Gezeichnete  —  dieses  Denkmal
  des  Schicksals  aus  Fleisch  und  Blut  —  dieses
noch  immer  lebende  „Memento  mori“  ist  unbequem.
Der  „arme  Angehörige“  nicht.  Und  da  keiner  sich
veranlaßt  fühlt,  ihn  in  seiner  gegenwärtigen  Lage
zu  beneiden,  wird  er  desto  ehrlicher  bedauert.

So  war  auch  das  Mitleid  des  Dorfes  längst
von  Malte  auf  Gustav,  der  nun  doch  einmal  „die
große  Last“  hatte,  übergegangen.

Aber  daß  Malte  seiner  Marieken  ein  solches
Kleid  mitgebracht  und  es  dann  der  Braut  seines
Bruders  geschenkt  hatte,  hob  ihn  plötzlich  auf  eine
derartige  Lichthöhe,  daß  daselbst  alles  Mitleid  in
andächtige  Rührung  zerschcholz.  Die  Vitterinnen
zerdrückten  aufrichtige  Tränen  oder  ließen  sie  auch
reichlich  sfließen  und  hätten  ihm  von  Herzen  gegönnt,
  er  wäre  noch  der  schmucke  Steuermam  von
früher,  anstatt  der  elende  Krüppel,  und  er,  der  das
Herz  stets  auf  dem  rechten  Fleck  trug,  hätte  die
hübsche  Marieken  Beethmann  gefreit.

Erst  eine  Stunde  vor  Beginn  des  Gottesdienstes
  stoben  die  letzten  Gevatterinnen  von  Beethmanns
  Schwelle,  um  sich  auch  in  ihr  „Sonntägliches“
  zu  werfen.

Und  das  mußie  geschwinder  als  sonst  vor  sich
gegangen  sein;  denn  als  Gustav  und  Marie  vor's
Haus  traten,  um  ihr  Versprechen  bei  Malte  ein-Unser

  Dommerland

zulösen,  öffneten  sich  alle  Nachbartüren  und  Fenster,
  und  feierlich  geputzte  Frauen  und  Mädchen

sahen  ihnen  nach.  Erst  mit  dem  Läuten  trat  die
weibliche  Dorfbevölkerung  den  Kirchweg  an,  während
  die  Männer  trotz  des  Schnees  schon  jetzt  wie
ein  lebendiges  Staket  am  Rande  des  zur  Kapelle
führenden  Arkona-Weges  standen.

Es  rührte  sich  kein  Lüftchen.  Der  Himmel  war
über  urd  über  grau  verhangen.  Sicher  gab  es
noch  heut  oder  spätestens  in  nächster  Nacht  mehr
Schnee.

Wie  eine  schwefelgelbe  Scheibe,  unfestlich-strahlenlos,
  blickte  die  Sonne  aus  einer  Wolkenöffmmg,
die  scheinbar  nicht  größer  war,  als  ein  dürftiges
Schiebefensterchen.

Eine  Braut  bindet  natürlich  nichts  Erwärmendes
  über  ihr  Hochzeitskleid,  und  wären  es  zehn
Grad  Kälte.

Marieken  fror  bis
sie  wußte  es  nicht.
Gustavs  Arm  gelegt.
Kleid  auf.

Als  das  Brautpaar  an  den  Vitter  Männern
vorüberging,  grüßte  erst  der  eine  unwillkürlich,
dann  der  andere,  schließlich  der  Rest,  wie  auf  Kommando.
  Das  galt  natürlich  Marieken  und  ihrem
feierlichen  Aufzuge.  Einen  Dorfkameraden,  wie
Gustav,  grüßte  man  nicht  erst,  und  sei  es  an  seinem
  Hochzeitstage.

Auffällig  war  nur,  daß  auch  Vater  Beethmann
ganz  in  Gedanken  seinen  Zylinder  vom  Kopf  genommen
  und  mit  besonderer  Wucht  wieder  aufgestülpt
  hatte.

Uebrigens  zeichnete  das  Tragen  des  Znylinders
ihn  nicht  etwa  als  Brautvater  aus.  Da  ganz  Vitte
heut  in  der  Kirche  eine  geschlossene  Hochscitsgesellschaft
  bilden  würde,  hatte  jedes  mämliche  Glied
der  Gemeinde,  das  im  Besitz  eines  solchen  vererbten
  Staatsstücks  war,  es  auch  aufgesetzt.  Nur
jüngere  Burschen  begnügten  sich  mit  steifen  runden
Hüten.

Was  den  altem  Beethmann  auszeichnete,  war  etwas
  anderes:  das  Herz  war  ihm  bewegt.  Und  wer
ihn  genau  darauf  hin  ansah,  konnte  es  bemerken.

„ne  schmucke  Braut!“  murmelte  der  alte  Rotsprack.


„Ja,  Beethmann,  deine
lassen!“  bestätigte  ein  anderer.

„Daß  Gustav  sie  richtig  noch  kriegen  würd,  hätt
ich  mir  ehdessen  nicht  träumen  lassen!“  meinte  pfifsig
  Strohmeyer.

„Ja,  Gustav  hat  Dufel  gehabt!“  versuchte  Beeth—
mann  leichthin  zu  sagen.  Von  seiner  Militärzeit
her  hatte  er  noch  immer  einige  forsche  Ausdrücke
an  sich;  und  besonders  waren  sie  ihm  gegen  unzeitige
  Rührung  eine  willkommene  Waffe.

„Was  sie  einmal  für'n  Schick  hat!  —  man  schad,
daf;  man  ihr  hübsches  Haar  nicht  sehn  kann  unter
dem  dämlichen  Schleier!“  meinte  halblaut  ein  junger
  Bursche  zu  seinem  Nebenmann.

in  die  Seele  hinein.  Aber
Die  linke  Hand  hatte  sie  in
Mit  der  rechten  hob  sie  ihr

kann  sich  sehen

Dirmn