„Du!  —  hä!  Du  aber  auch!  —  Der  Schleier
kleid't  ihr  gerad  fein!  —  Meine  soll  auch  mal  einen
haben!“

„Aber  'n  längeren!“  bemerkte  ein  dritter.

„Ja:  wer  lang  hat,  lägt  lang  hängen!“

„Und  denn  daneben  Gustav  Piper,
Dussel!“

„Den  Deubel  auch:  Duffel!  —  der  is  schlaul“

das  olle

„Kinders,  man  kriegt  aber  bammig  kalte  Füß
hier  im  Schnee!  —  Wir  sollten  ruhig  raufgehn!“
meinte  plötzlich  Strohmeher,  sich  an  den  ganzen
Trupp  wendend.

„Denn  so  geh  du!“  murrte  Rotsprack,  der  Greis.
„Wenn  Ihr  Jungen,“  Strohmeyer  war  Mitte  Fünfzig,
  „kein  Saft  und  kein  Kraft  mehr  habt,  und
wenn  Euch  Fischblut  durch  Eure  Beine  kriechen  tut,
denn  so  geht!  —  Wir  Alten  bleiben  hier,  wo  uns
der  Superndent  gewohnt  is  und  wo  wir  immer  gestanden
  haben,  wenn  der  Presterwagen  vorbeikam!

Nur  der  Kapellenwärter  geht  vorweg,  wenn  das
Zeit  zum  Läuten  sein  wird.“
Malte  sah  anders  aus,  als  gewöhnlich.  Sein

Gesicht  war  sonderbar  geschwollen,  dabei  aber  ganz
blaß.  Nur  die  Augemlider  hatten  rote  Ränder.

Ob  er  schon  heut  Morgen  so  ausgesehen  hatte?
—  Marieken  besann  sich  nicht,  es  bemerkt  zu  haben.


Jetzt  lächelte  er  auf  einmal  —  lächelte  wie  verklärt.
  In  seiner  inneren  Lebhaftigkeit  vergaß  er
eine  Sekunde  ganz,  wozu  sie  das  Kleid  angelegt
hatte.  Er  sah  nur,  daß  sie  es  trug  —  und  wie  es
ihr  stand.

Reizend  schmiegte  es  sich  an  ihre  Gestalt.  Die
Schneiderin  hatte  es  schön  gemacht.  Es  schleppte
hinter  ihr  drein  und  rauschte  leise.

Blaß,  wie  eine  junge  Fürstin,  sah  sie  aus.  Nie
hajte  er  sie  so  entzückend  gesehen.

Und  wie  ihre  blauen  Augen  ihn  ansahen!  Und
wie  sie  plötzlich  aufleuchteten  gegen  das  weiße  Gesicht
  umd  die  schwarze  Seidel

Und  wie  ihre  Lippen  immerfort
und  kein  Wort  sagen  konnten!

Wie  sie  ihn  lieb  hatte!  —  und  er  sie!  —  ja,  er
siel

Sie  sah  gar  nicht,  daß  er  ein  Krüppel  geworden
  war.  Merkwürdig,  daß  sie  so  dariber  hinwegsehen
  konmtel

Da  fing  oben  auf  der  Höhe  der  Kapelle  das
Glöckchen  zu  läuten  an.  Bim!  bam!  —  Bim  —
bim  —  bam!  —  Bim!  —  bim  —  bam!

Es  hatte  ein  unsäglich  blechernes  Stimmchen;
und  der  alte  Beethmann  schien  heute  noch  dazu  unsicher
  die  Stränge  zu  ziehen.

Bim--bam!  Bim-bim--bam!  —  biml

Man  wußte,  der  Pastorenwagen  war  jetzt  binter
  dem  letzten  Goorer  Bauernhof  sichtbar  geworden
  und  die  Vitter  sollten  sich  sammeln.  In  spätestens
  fünf  Minuten  fuhr  er  ins  Dorf.

„Komm!“  mahnte  Gustav.

leise  bebten

Unser  Dommerland

279

„Adieu,  Malte,“  sagte  Marieken.  „Vom  Miitagessen
  soll  Miele  dir  bringen,  und  den  Kuchen  bring
ich  dir  abends  selbst  mit!“

Da  verzerrten  sich  unversehens  seine  Züge.
Nase,  Stirn  und  Mund  wurden  ganz  scharf  in  dem
vorher  gedumsenen  Gesicht,  wie  mit  einer  Schere  geschnitten.


Er  sah  ste  an.  —  Verzweifelt,  als  müsse  sie  ihn
aus  Todesnot  retten.

Sie  zuckte  zusammen.  So,  genau  so  haite  diesen
Herbst  der  Hirsch  sie  angesehen,  als  er  lautlos  unter
  Knütteln  zusammenbrach  unter  Gustads
Knüttel!  —

Was  wollte  sie  nur?  —  War  sie  verruckt  —
Was  wollte  sie  mit  dem  Hirsch  jetzt?

Und  doch  war  es  ein  Glück,  daß  er  ihr  einsiel.
Sie  mugte  doch  was  denken.  Sonst  hätte  sie  laut
aufgeschrien.

„Komm,  Marieken!“  sagte  Gustav  wieder.

O,  Jefus!  Wie  konnte  er  nur  so  ruhig  sagen:
„Komm!“  —  und  hatte  doch  als  letzter  den  Hirsch
zu  Boden  gekeilt!  —  —

Da  nahm  Malte  sich  gewaltsam  zusammen.  „Ich
wünsch  euch  auch  Gottes  Segen!  Geht  nu  manl
Ihr  kommt  sonst  zu  spät!“  flüsterte  er  heiser.

Und  Marieken  besann  sich,  daß  Gustav  ihr  versprochen
  hatte,  immer  gut  gegen  seinen  Bruder  zu
sein.

Draußen  warteten  die  Puttgartener  Brautjungfern.
  Der  Bräutigam  setzte  seinen  Zylinder  auf
und  die  Braut  legte  wieder  ihre  Hand  gebührend
in  seinen  Arm.

Gustavs  Zylinder  war
her  und  ihm  viel  zu  groß.

Aber  Marieken  sah  es  nicht.  —

Auch  der  Superintendent  sprach  in  seiner  Traurede
  von  der  augerordentlichen  Bürde,  die  dieses
Paar  nach  Gottes  Ratschluß  schon  mit  in  die  Ehe
nähme.

Es  war  nur  natürlich  so.  Was  wußte  auch  er
von  den  Liebesschwüren,  die  an  dunklen  Winterabenden
  hinter  Türen  und  Stallecken  von  den  Lippen
  junger  Burschen  und  Mädchen  kamen  und  von
Marie  Beethmanms  heimlich  geweinten  Tränen?

Zudem  lag  Vitte  fast  eine  Meile  Weges  von
Altenkirchen;  und  es  sprach  sich  nicht  leicht  herum,
was  dort  geschah.  Die  Vitter  zählten  im  großen
und  ganzen  nicht  mit.

Für  den  Geistlichen  freilich  zählten  sie  sehr,  und
er  hatte  sich  deshalb  eine  besonders  durchdachte  Rede
für  Gustav  Piper  und  Marie  Beethmann  ausgearbeitet.
  Es  wäre  auch  weit  gefehlt,  anzumehmen,
seine  Worte  hätten  auf  Marteken  keinen  oder  gar
einen  verletzenden  Eindruck  gemacht.

Im  Gegenteil!  Sie  gereichten  ihr  zu  aufrichti—
ger  Erbauung  und  Stärkung.

Hätte  der  Herr  Superintendent  ihre  Lage  aus
nur  andeutend  der  Wirklichkeit  gemäß  behandelt,
wäre  sie  vor  Scham,  ihr  Innerstes  so  vor  Augen

noch  von  seinem  Vater