280.

gerückt  zu  bekommen,
gangen.

„Gelobet  sei  der  Herr  täglich!  Gott  legt  uns
eine  Last  auf.  Aber  er  hilft  uns  auch.“  So  oft
diese  Textworte  in  der  Wiederholung  am  ihr  Ohr
schlugen,  munte  sie  sich  das  Gesagte  freilich  in  ihre
Sprache  und  Bedürfnisse  übersetzen.

Sie  wurde  zur  Geduld  ermahnt  —  zur  freundliche:
  Vermittelung  zwischen  Bruder  und  Bruder,
wenn  je  einmal  dem  gesunden  Manne  der  Kranke,
als  ihm  wider  die  Natur  gehend,  lästig  fallen,  oder
der  Kranke  dem  Gesunden  mit  üblen  Launen  zusetzen
  sollte.  Immer  aber  von  dem  Standpunkte
aus,  als  befände  sie  sich  naturgemäß  auf  der  Seite
dessen,  dem  sie  heute  ihr  „Ja“  sprechen  würde.

Alles,  was  der  Herr  Suuperintendent  sagle,
munte  sie  also  gerade  auf  den  Kopf  stellen,  damit
es  richtig  für  sie  stand.  Doch  ste  tat  es  in  unschuldiger
  Unbewußtheit  und  tiefer  Andacht.  Und  schon
die  unwillkürliche  Gedankemarbeit  half  ihr  über  jeden
  Tränenausbruch  hinweg.

Sie  war  dem  Herrn  Superintendenten  so  dankbar,
  o,  so  dankbar  für  all  seine  schönen  und  lieben
Worte!  Sie  gaben  ihr  Kraft,  fest  zu  stehen  von
Ansang  bis  zu  Ende.  Ja,  Gott  würde  ihr  helfen
—  nun  und  immerdar!  —  BVoll  inbrünstiger  Zuversicht
  blickten  ihre  schänen  Augen  dem  alten  Herrn
in  das  liebe,  kluge  Gesicht.  Und  als  er  das  sah,
kam  es  über  ihn,  immer  beredter  zu  werden  und
ergriffen  Worte  an  Worte  zu  reihen,  die  er  sich
gar  nicht  vorgesetzt  hatte.

Da  war  ihr,  als  sei  sie  nicht  mehr  auf  der  Erde
und  als  würde  alles,  was  ihr  noch  begegnen  müßte,
nicht  mehr  von  dieser  Erde  sein.  Was  sie  je  aus
ihres  Pastors  Munde  gehört  hatte  —  erst  als  Kind
bei  den  Strandpredigten,  dann  bei  ihrer  Einsegnung
  und  später,  als  sie  erwachsen  war,  wieder
draußen  in  blühender  Schlucht,  wenn  das  Meer
dazu  donnerte  oder  flüsterte,  und  Winters  hier  in
der  Kapelle,  wenn  Malte  dort  zur  Rechten  mit  den
groten,  froh-nachdenklichen  Augen  und  dem  braun
gebrannten  Gesicht  zuhörend  unterm  Fenster  saß  —
all  das  brauste  jetzt  in  eins  zusammen  mit  dem,
was  er  heute  sprach,  und  klang  schließlich  in  den
köstlichen  Trostworten  aus:  „Sei  getreu  bis  in  den
Tod,  so  will  ich  dir  die  Krone  des  Lebens  geben!“


Ja,  getreu!  —  O,  gewiß:  getreu!  Sie  wollte  es
sein!  würde  es  sein!  Ihr  eigener  Vorssatz  hob  sie
am  Ende  in  eine  himmlische  Sphäre.  —  —

Schon  saßen  sie,  Männer,  Weiber,  junges  Volk
und  allerlei  Kinder,  eng  zusammengepfercht  in  der
sogenannten  „großen  Stube“  in  Beethmanms  Hütte
beim  Hochzeitsmahl,  als  der  Superintendent  vor
Pipers  Anhöhe  halten  ließ.

Er  hatte  inzwischen  in  der  Sakristei  des  Kapellchens
  seinen  Talar  abgelegt  und  stieg  recht  geschwind
  für  seine  Jahre,  noch  dazu  im  Pelz,  vom
Wagen.

aller  Andacht  verlustig  ge-Unser

  Dommerland

Ihm  war,  als  habe  er  für  diesmal  seine  Hauptarbeit
  getan.  Noch  ein  kurzer  geistlicher  Zuspruch
an  Malte,  den  er  gerade  heute  nicht  leer  mochte
ausgehen  lassen,  lag  ihm  am  Herzen.

Etwas  eilig  trat  er  ans  Bett  des  Kranken.

„Lieber  Piper,  ich  mochte  doch  nicht  bei  Ihnen
vorüberfahren!  Ich  weiß,  daß  Sie  gerade  heut,
am  Freudentage  der  Ihrigen,  sich  sehr  vereinsamt
verkommen  werden.  —  Aber,  Sie  wissen,  Goit  vor
Augen  und  im  Herzen,  sind  wir  niemals  allein!“

„Ja,  Herr  Superintendent!  —  Undg  ich  dank  auch
für  Ihren  Besuch."

Dem  geistlichen  Herrn,  der  jetzt  Malte  genauer
ansah,  stel  etwas  auf  im  Gesicht  des  Kranken,  er
hätte  es  einen  gespenstischen  Ausdruck  nennen  mögen.


„Lieber  Piper,“  sagte  er,  ihm  teilnehmend  zum
zweitenmal  die  Hand  auf  die  Schulter  legend,  „ich
weiß,  daß  Sie  es  schwer  haben,  ja,  ganz  unsagbar
schwer  —  bei  Ihrer  Jugend  —  und  bei  all  #en
nun  geknickten,  gerade  mit  der  Jugend  zusammenhängenden
  Lebenshoffnungen.“

„Jal“  stöhnte  der  Kranke  bekräftigend.  Dann
aber  raffte  er  sich  innerlich  zusammen  und  sah  seinem
  Tröster  mit  einem  flammenden  Blick  fest  ins

Angesicht:  „Aber  man  trägt  es,  Herr  Snperndent,
wenn  man  weiß,  daß  man  es  zu  seiner  Strafe
trägt.“

Der  alte  Herr  wurde  stutzig.
„Nicht  doch!  Nicht  so,  lieber
bewegt.  „Wenn  Sie  es  als  Strafe  fassen,  könnte
sie  Ihmen  eines  Tages  doch  zu  schwer  erscheinen.
Ich  glaube  nicht,  daß  es  Gottes  Wille  ist,  daß  wir

Piper!“  sagte  er

die  Geschicke  aus  seiner  Hand  so  ummittelbar  als
Strafe  hinnehmen.  —  Gewiß  sind  wir  allzumal
Sünder,  und  deshalb  kommen  für  uns  alle  die

Tage,  von  denen  wir  sagen:  „Sie  gefallen  uns
nicht!“  Aber  nicht  immer  ist  das  einzelne  Schicksal
die  Antwort  für  die  einzelne  Straftat.  Fassen  Sie
es  anders  auf,  und  Sie  werden  weiter  damit  kommen,
  denke  ich!  Viel,  viel  weiter,  lieber  Piper!  —
Zur  Ehre  Gottes,  des  Allmächtigen,  liegen  Sie  hier
hingestreckt.  Alle  Tugenden  des  Menschen,  die  Gott
wohlgefällig  sind,  sollen  an  Ihnen  geoffenbart  werden:
  Geduld  —  Nachsicht  —  Friedferligkeit  und
Selbstverleugnung.  —  Lauter  Tugenden,  die  einem
Kranken  unter  seinen  besonderen  Umständen  dreimal
  so  schwer  werden,  als  einem  Gesunden.  Aber
wie  herrlich,  wenn  er  sie  übt,  lieber  Piper!  —  Bitten
  Sie  Gott  täglich,  daß  er  Ihnen  dazu  verhilft!"“

„Ich  danke  Ihnen,  Herr  Superndent!  Ich  dank
Ihnen  vielmals.“  Leise  schlugen  Maltes  Zähne
aufeinander;  und  das  feine  Ohr  des  alten  Herrn
überhörte  es  nicht.

„Ich  hoffe,  Sie  werden  es  in  Zukunft  besser
und  freundlicher  hier  haben,  als  bisher!  —  Im
Haushalt  eines  Junggefellen  macht  sich  jede  Krankenpflege
  schwerer,  als  in  dem  des  verheirateten
Mannes.  Frauen  sind  ja  geborene  Krankenpflegerinnen.
  Und  ich  hoffe  bestimmt,  mich  in  Ihrer  lie-