„Marieken,“  wollte  er  fragen,  „bist  du  tot  oder
lebst  du  noch?“  Aber  er  hielt  an  sich.

„Geh!“  sagte  er  tonlos.  „Geh  zu  Gustav!"

Und  sie  ging.  Ohne  ein  letztes  Wort  —  nur
mit  einem  einzigen,  gehorsam-ergebenen  Blick  auf
ihn,  der  sie  gehen  hieß.  —

Als  sie  hinaus  war,  weinte  er  bitterlich  —
weinte  die  halbe  Nacht.  Und  niemand  war  da,
seine  Tränen  abzuwischen.

S

Für  das  Lebensschifflein,  das  eine  Liebes=  und
Leidensgeschichte  an  Bord  trägt,  ist  selbst  in  Vitte
der  Beginn  der  Ehe  kein  ganz  sicherer  Eingang  zum
Hafen.

Zunächst  war  Gustav  zufrieden.  Er  hatte  seinen
Willen  durchgesetzt,  besaß,  was  er  hatte  bestgen
wollen.  Das  Opfer  seines  Zehnpfennigers  in  den
Kapellenstock  an  jenem  glühenden  Julimittag  war
nicht  umsonst  gebracht  worden!  —  Freilich  hatte  er
sich  das  Verheiratetsein  wohl  unwillkürlich  lustiger

gedacht.  Nicht,  daß  er  selbst  bei  seiner  Schwerblütigkeit
  je  lustig  gewesen  wäre,  aber  eben  deshalb!

  —  Mariekens  stille,  gleichmäßige  Freundlichkeit
  nach  allen  Seiten  hin  schichterte  ihn  im  Grunde
seines  derben,  aber  nicht  empfindungslosen  Wesens
ein.

Indessen  überwog  immer
friedigung.

Wo  sollte  denn  auch  in  einem  Hause,  in  dem
Tag  und  Nacht  —  ja  vielleicht  Jahr  aus  Jahr  ein
—  ein  Krankenbett  stand,  zwischen  drei  erwachsenen
Personen  die  Fröhlichkeit  herkommen?  —  Ein  Krankenbett
  war  schlimmer  als  ein  Sarg.  Denn  der  im
Sarge  liegt,  verlangt  und  bedarf  wenigstens  nichts
mehr  als  seine  letzte  Vestattung.

Auch  war  es  natürlich  nicht  gut,  daß  der  Kranke
früher  ein  schöner,  lebenslustiger  Wensch  und  der
Auserlorene  der  Hausfrau  gewesen  war.  —

Daß  sie  ihn  nun  plötzlich  lieber  haben  würde,
als  jenen,  hatte  Gustav  sich  gar  nicht  eingebildet.
èAlso  konnte  er  über  nichts  klagen.  —  Sie  ließ  es

wieder  stark  die  Be-Malte

  nie  an  etwas  fehlen.  Aber  sie  versäumte  auch

ihn  nicht,  noch  ihren  Haushalt.  Wenn  sie  ans
Bett  des  Schwagers  trat,  hatte  sie  allerdings  immer
  ein  besonderes  liebevolles  Wesen  und  nicht  selten
  obenein  ein  Wort  der  Zerstreuung  auf  den  Lippen
  Doch  hielt  sie  mit  nichts  hinterm  Berge.  Wer
wollte,  konnte  hören  und  sehen.

Und  gegen  ihn  war  sie  ja  nicht  amders.  7
alles,  was  sie  ihm  gab,  im  Grunde  auch  nur  Malten
  gegeben  wurde,  machte  er  sich  nie  in  ganzer
Schwere  und  Feinheit  klar.  Spinnweben  sah  er
nicht,  nur  in  Unordnung  geratene  Taue.  Und  die
Schwere  lag  diesmal  in  der  Feinheit.

Im  ganzen  herrschte  bis  gegen  Ostern  ein  friedliches
  und  angenehmes  Leben  in  Pipers  Hütte.
Wer  von  den  Nachbarn  zum  Besuch  kam,  lobte,  wie
sauber  die  junge  Frau  alles  halte,  und  wie  nett  sie
Maltes  überseeische  Schätze  im  Zimmer  aufgepuzt
habe.

Das

UAnser  Pommerland

283

„Ja,“  sagte  Gustav  stolz,  „fleißig  is  sie.“

Und  Malte  lächelte  sein  stilles  Lächeln  der  Ergebung.


Ihm  war  es  ein  schmerzliches  Glück,  daß  sie
nun  täglich  und  stündlich  bei  ihm  ein=  und  ausging,
  —  daß  sie  tros  allem  nun  doch  miteinander
lebten.

Ruhig,  wie  eine  pflegende  Schwester  dem  Bruder,
  nahte  ste  ihm  seit  dem  Tage  der  Hochacit.
Und  diese  Kraft  der  Entäugerung  von  jeder  Leidenschaft
  ging  allmählich  auf  ihn  über.  —  Es  war,
als  führen  sie  in  ihrer  Enge  doch  mitten  auf  hoher
See  und  atmeten  gereinigte  Lüfte.  Wurde  er  auch
ein  stiller  Mann,  war  er  doch  kein  verzweifelter
mehr.

Das  viele  Lesen,  das  er  während  des  Alleinseins
  schon  am  Tage  betrieb,  griff  ziemlich  bald
seine  Augen  an.  Lesen  bei  Licht  wurde  ihm  zuweilen
  schmerzhaft  fühlbar,  obgleich  Marieken  ost
auch  am  Alltag  die  schöne,  ihr  von  Rotspracks  ge—
schenkte  Hochzeitslampe  mit  dem  großen  Breiner
für  ihn  anzündele.  —  Doch  auch  für  solch  Gebrechen
  hatte  ve  Rat.  Merkte  sie  seine  Unzulänglichkeit
  und  hatte  eben  ein  Strickzeug  in  der  Hand,
nahm  sie  ihm  nicht  selten  das  Buch  vom  Beti,
legte  es  vor  sich  hin  und  las  bei  ihrer  Arbeit  vor.

Sie  las  fließend,  anfangs  aber  ohne  die  richtige
  Betonung.  Doch  nachgerade  gewöhnte  sie  sich,
ernsthaft  den  Gedankengöngen  des  Schreibers  zu
folgen  —  schon,  weil  sie  wußte,  daß  Malte  es  tat,
und  brachte  deshalb  das  Geschriebene  immer  vollkommener
  zum  Ausdruck.

Um  die  Lippen  des  Gelähmten  spielte  bei  solcher
  Gllegenheit  ein  fasl  v##terlicher  Siolz.  Und
Gustav  hörte,  wohl  oder  übel,  auch  von  der  Ofenecke
  aus  zu.  Bisweilen  war  sogar  er  wirklich  gefessell
  und  hatte  dann  nichts  dagegen,  wenn  Malte
umd  Marieken  zum  Schluß  noch  ihre  Meinung  über
das  Gelesene  äußerten.

Mehrmals  kam  auch  der  Superintendent  im  Anschlun
  an  den  Vitter  Gottesdienst  zum  Besuch  und
hatte  seine  geheime  Freude  an  dem  Gang  der  Dinge
im  Piperschen  Hause.

Gegen's  Frühjahr  kränkelte
seim  Stellvertreter  übernahm
Fahrten.

So  wurde  es  ihm  erspart,  Schatten  zu  beobachten,
  die  über  dem  Dasein  seiner  Schützlinge  aner

  wiederholt  und
für  ihn  die  Bitter

scheinend  nicht  nur  dahinzogen,  sondern  unheilooll
lagerten.
Marieken  wurde  schwersällig.  Und  mit  dieser

Schwerfälligkeit  kam  eine  peinvolle  Verlegenheit  über
sie,  die  Malte  oft  an  einem  einzigen  Blick,  oder
Nichtblick,  an  einer  einzigen  kleinen  Ungeschicklichkeit
bei  irgend  einer  Hilfeleistung  bemerkte.

Als  sie  einmal  im  Winter  aus  dem  Gottesdienst
zurückgekehrt  war,  hatte  ste  dem  Schwager  harmlos
ein  Sträußchen  Immortellen  mitgebracht  und  dabei
freundlich  gesagt:  „Sieh  bloß,  die  standen  am  Opferstock.
  grad  auf  der  Höhl  Daß  die  nicht  längst  er-