er  alles,  was  ihm  zwischen  die  Finger  kam,  zu
Boden  geworfen.  Insbesondere  seinen  Brubder,
wenn  er  und  Frau  Strohmeyer  ihm  zum  Bett  hinaus
  und  wieder  hineinhalfen.  —

Miele  hatte  für  diese  Zeit  das  Kochen  im  Hause
übernommen.  So  brachte  sie  auch  an  Stelle  ihrer
Schwester  Malten  das  Essen;  und  äußerlich  ging
ihm  wenig  ab.  Innerlich  aber  wühlte  in  ihm  die
Sorge  um  Mariekens  Leben.

Er  hatte  Miele  gern.  Er  wußte,  daß  sie  sich
immer  gut  mit  der  Aelteren  gestanden  hatte,  und
ihre  junge  Altklugheit  und  Sicherheit  gefielen  ihm
Auch  sie  mochte  ihn  leiden.  Schon  im  Gegensatz  zu-Gustav,
  den  sie  nie  genugsam  von  oben  herab  be
handeln  konnte.  Deshalb  sprachen  sie  jetzt  gelegentlich
  manch  ernsthaftes  Wort  miteinander;  und  das
Möädchen  sagte  ihm  jeden  Morgen  und  Abend  ausführlicher
  und  vernünftiger  Bescheid,  wie  es  drüben
ging.  als  die  Cousine.

Endlich  kam  die  junge  Frau  zum  erstenmal  wieder
  selbst  an  sein  Bett  und  trug  auch  Gustavs  und

ihre  Mahlzeit,  wie  vor  der  Geburt  des  Kindes,  àisnn

dem  großen  Tisch  in  seiner  Stube  auf.

„Gott  sei  Dank,  daß  dir  das  wieder  besser  geht!“

„Ja,  Gott  sei  Dank!“  sagte  sie  vor  sich  niedersehend.
  mit  schwacher  Stimme.  „JIch  hoff',  Miele
hat  dich  inzwischen  gut  versorgt!  Sie  ist  wie  zwanzig.“


Dann  kam  Gustav  hinein.

„Hier  sollen  wir  essen?  —  Ich  denk,  wir  gehöbren
  nu  nach  drüben?“

„Ja,  wie  du  das  witllst.  Ich  setz  es  auch  rüber.
Aber  bloß  —  der  Jung  schläft  gerad!  —  Und  denn

das  is  hier  auch  bequemer!“  —

„Ach  so!  Woll  wegen  Malten?“

„Ja,  wegen  Malten!“  antwortete  sie  erregt.
Doch  dies  hauptsächlich  aus  Kummer  über  seinen
häßlichen  Ton.

„Nal  wenn  das  wegen  Malten  ist,  denn  können
wir  ja  auch  hier  bleiben!“  erwiderte  er  noch  höhnischer.


Maltes  Teller,  von  dem  er  schon  die  erste  Portion
  gegessen  hatte,  stand  jetzt  leer  auf  seinem
Knieen,  um  noch  einmal  gef'’llt  zu  werden.  Wutschnaubend
  hätte  er  ihn  ergreifen  und  seinem  Bruder
  vor  die  Füße  werfen  mögen.  Er  wurde  braunrot
  bis  an  die  Haarwurzel.  Aber  —  er  konnte  ia
nichts  erareifen!  —  —  Und  er  wollte  auch  schweigen.
  Schweigen,  um  des  Friedens  willen,  schweigen,
  weil  es  gemein  gewesen  wäre,  zu  reden  umd
liehlos  gegen  Marieken.  Aus  Rücksicht  für  sie
quälte  er  sich  später  auch  noch  ein  paar  Bissen  hinunter.


Oft,  wenn  er  allein  lag,  grübelte  er  darüber
nach,  daß  das  Leben  für  alle  Teile  unerträglich
sein  würde,  wenn  es  so  bliebe.  Und  in  schlaflosen
Nächten  schalt  er  sich  einen  Feigling  und  Selbstsüchtigen,
  daß  er  diese  Heirat  üherhaupt  zugelassen
hatte.

Unse  Dommerland

285

Heller  Mondschein  ließ  ihn  Ende  Oktober  mehrmals
  hintereinander  die  ganze  Nacht  kein  Auge  zutun.


Mitten  in  der  kleinen  Stube  lag  stundenlang
das  bläuliche  Licht  mit  dem  es  durchquerenden
Schrankschatten  und  rückte  nur  allmählich  ein  w  enig
nach  der  einen  Seite  hinüber,  bis  gegen  Morgen
die  Dämmerung  des  Tages  es  aufsog.

Und  er  dachte  daran,  wie  er  es  oft  auf  dem
endlosen  Wasser  hatte  schwimmen  sehen,  wenn  #zer
Schiffswacht  gehabt  hatte.

Das  war  schön  gewesen!  Das  war  ein  Leben
—  das  war  das  Leben  gewesen!

Und  auch  daran  dachte  er,  daß  früher  oder
später  einmal  dasselbe  Licht  desselben  Mondes  auf
seinem  Grabe  liegen,  und  daß  Gustav  dann  erleichtert
  aufatmen  würde.

Aber  er  wollte  hindurch.  Er  wollte  sein  Fahrzeug
  nicht  verlassen.  Ihm  war,  als  höben  sich  seine
Glieder  und  als  stände  er  fest  auf  dem  ihm  anvertrauten
  Posten.

Sonst  hätte  er  am  Ende  den  verzweifelten  Versuch
  machen  können,  ob  diese  Elendshände  nicht
doch  noch  zu  etwas  nütze  seien?  —  Vielleicht  hätten
  sie  trotz  allem  die  Kraft  besessen,  ihn  zu  erdrosselm?)!
  —  —

Kalter  Schweiß  stand  ihm  auf  der  Stirn.

Ja,  das  Leben!  Er  hatte  es  besessen.

.  Aber  dann  fiel  ihm  plötzlich  eine  ganz  bestiumte
  Mondscheinnacht  ein:  Ausgelassen  lörmend

gingen  sie  an  Land,  und  schuldig  kehrte  er  an
Bord  zurück.  Das  war  nicht  mehr  das  Leben  gewesen,

  sondern  —  ein  Zerrbild  vom  Leben!  —
ben!  —

O,  über  das  Elend  der  Menschen!

O,  Gott,  Gott!  War  keiner,  der  sie  erretten

konnte?  Alle  die
Alle,  die  litten?
Keiner?
„Jesus!“  Gedankenlos  hatte  er's  gedacht.  Nun
aber  trat  er  auf  einmal  gedankenvoll  vor  ihn  hin,
der  grosie,  göttliche  Lehrer  mit  dem  mitleidigen
Erlöserlächeln  im  Angesicht.

Schuldigen  und  Unschuldigen?

Menschen,  erbarmt  euch  untereinander,  wie  er
such  eurer  erbarmt  hat!  —  Erbarmen  —  sa,  das
war's!  —  —  6

Warum  hatte  er  selbst  denn  kein  Erbarmen  mit
seinem  Bruder,  der  doch  auch  in  seiner  nach  jedem
  Besitz  gierigen  Natur  litt,  weil  Marieken  ihn
nicht  lieber  hatte,  als  sie  ihn  nun  einmal  haben
konnte?

Und  Marieken?

Ob  wohl  Marieken  Erbarmen  mit  Gustav  hatter
Oder  ob  sie  alles  nur  um  seinetwillen  tat?  Auch
nachdem  sie  Mutter  war?

Kein  Laut  regte  sich  in  der  hellen  Oktobernacht.
Die  See  schien  zu  schlafen  und  der  Inselwind  dazu.
Nur  sein  Herzblut  hörte  er  in  rauschenden  Wellen
in  seine  eigenen  Ohren  hineinschlagen.  —  Und  ein-