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mal.  als  es  schon  mehr  gegen  Morgen  war,  erklang
  drüben  ein  Kindesschrei.

Am  anderen  Tage  sah  er  Marieken  bei  jeder
Gelegenheit  darauf  an,  ob  nicht  doch  ein  Hauch
von  Mutterglück  auf  ihrem  Gesicht  und  Wesen  liege.

Er  durchforschte  ste  mit  der  Bangigkeit  eines
widerspruchsvollen  Gefühls,  aber  auch  mit  dessen

tief  eingreifender  Schärfe
suchte.

Mit  großen,  traurigen  Augen  ging  sie  hastig
aus  und  ein;  denn  jetzt,  wo  sie  hüben  und  drüben
so  viel  zu  tum  hatte,  war  sie  stets  hastig.  —

Jeden  Augenblick  nahm  er  sich  vor,  sich  auf  irgend
  eine  Art  bei  ihr  nach  dem  Kinde  zu  erkundigen.
  Doch,  als  wäre  es  eine  Unnatur,  verstummte
ihm  das  Wort  immer  auf  den  Lippen.

Dagegen  ermannte  er  sich,  Gustav  einmal  wieder
  auf  seinen  Sohn  anzureden,  als  dieser,  Mittag
essend,  bei  ihm  in  der  Stube  saß  und  Marieken
eben  auf  ein  jenseits  ertönendes  Weinen  hinausgelaufen
  war:  „Na  —  umd  nächsten  Sonntag,  Gustav,
wird  ja  woll  dein  Jung  getauft?  Nimmt  er  sich
denn  gut  zus“

„Warum  sollt  denn-So'’n
  gesundes  Kind!
allein  sehn?“

Malte  schwieg  beklommen.

„Was?  —  Na  nu  hört  sich  aber  allens  auf!  —
Am  End  hat  ste  dir  den  Jungen  noch  gar  nich  geund

  fand  nicht,  was  er

der  sich
Kannst

nich  zunehmen?
du  denn  das  nicht

zeigt!?“  —
„Sie  hat  ietzt  mehr  zu  tun!“
„Was?  Mehr  zu  tum!  —  Schnackl  —  Das  is

’mn  dummen  Schnack  —  is  ja  das!  —  Sie  burrt
doch  wieder  genug  hier  rum!  —  Aber  mir  soll  das
egal  sein!  Mir  is  überhaupt  all  lang'n  allens
egal."

Er  schlang  sein  Essen  hinunter  und  verließ  die
Stube.

„Gott's  Donnerwetter!  Zeigt  ihm  nich  mal  den
Junaen!  —  Is  nich  mal  der  Ehren,  daß  sie  ihm
den  Jungen  zeigt!“  brummte  er  auf  dem  Flur.
Aber  das  wollte  er  ihr  eintränken!  Das  sollte  sie
mal  ordentlich  zu  hören  bekommen!  —  Doch  als
er  nur  erst  die  Klinke  der  jenseitigen  Stubentür  in
der  Hand  hielt,  verrauchte  ihm  schon  der  Mut  zu
seinem  grof  artigen  Vorsatz.  Es  war  nicht  so  ganz
einfach,  ihr  seine  Meinung  ins  Gesicht  zu  sagen.  —
Und  am  Ende  hatte  Malte  recht:  am  Ende  war  sie
wirklich  noch  schwach  auf  den  Füßen!  —

Erleichtert  sah  er,  daß  sie  überhaupt  nicht  mehr
bei  dem  Jungen  war.  Sie  mußte  ihn  schon  beriedigt
  haben
sein.  Jedenfalls  lag  er  mit
Augen  und  rot  verschrumpeltem  Gesichtchen,  wie  ein
ganz  sonderbares  kleines  Gewächs,
Kissen.

Mit  rundem  Rücken,  der  unter  der  weißen  Hinjerwand
  seiner  losen  Weste  noch  runder  aussah,  als
wenn  er  seine  dicke  Ueberziehfacke  trug,  bückte
Gustav  sich  über  das  Bett  seines  Kindes.

Unser  Dommerland

und  gleich  darnach  hinausgegangen
zusammengekniffenen

ruhig  in  seinen

Er  wollte  sehen,
und  piekte  ihn  sacht
finger  an.

Das  gestörte  kleine  Menschenwesen  quiekte  kaum
vernehmlich.

„Du  dich  nich  zunehmen?!  —  Und  wenn  deine
Mutter  nichts  nach  Dir  nachfrägt  —  laß  sie!“

Es  trat  eine  Pause  ein;  und  nebenan  in  der
Kammer  ließ  sich  ein  Geräusch  vernehmen.  Aber
Gustav  war  so  von  Zorn  und  zugleich  von  Vaterentzücken
  befangen,  daß  er  nichts  sah  und  hörte,
als  vor  sich  das  Kind,  und  in  Absätzen  weilermurmelte:
  „Und  denn  so  hast  du'n  Vater  —  kleines
  Luder,  du!  —  Na,  sei  man  gut,  Luderchen,
kleines!  —  Hast  'nen  Vater!  —  Hast  'nen  guten
Vater!l  —  Hä?“

Marieken  stand  jetzt  in  der  Kammertür  und  sah,
daß  er  sich  mit  dem  haarigen  Handrücken  eine
Träne  aus  den  Augen  wischte.  Lautlos  trat  sie
zur  sck.  Gott  sei  Dank!  Er  kam  nicht  zu  ihr  herein!


Als  er  fort  war,  setzte  sie  sich  auf  einen  Schemel
  am  Fenster,  sann  und  sann.  —  Und  nach
einer  Weile  kam  sie  zu  dem  Kleinen  in  die  Stube
und  sagte  leise  über  ihm:  „Ach  Gott,  und  nu  denkt
er,  ich  hätt  kein  Gefühl  für  dich!  —  Ich  kein  Gefühl
  für  einen  Menschen  haben?!  Noch  dazu  für
mein  eigen  Kind?“

Traurig  und  zärtlich  strich  sie  mit  der  während
des  Liegens  weich  gewordenen  Hand  über  das
kahle  Köpfchen.

Ach,  wie  schrecklich  war  alles!  Da  drüben  lag
einer  auf  seinem  Bett  —  und  keine  Liebe  der  Welt
machte  ihn  wieder  zum  gesunden  Menschen!  —  Und
der  andere  ging  und  stand  gesund  auf  seinen  Beinen
  —  aber  im  Herzen  verbitterte  er  sich,  weil  ste
ihn  nicht  genug  lieb  hatte.

So  hämisch  und  aufsässig  wurde  er  jetzt!  —  Genau
  so  tückisch,  wie  früher,  als  er  zuerst  dahinter
gekommen  war,  daß  Malte  und  sie  Heimlichkkeiten
miteinander  hatten.

In  der  Nacht,  in  der  Marieken  mit  ihrem  Leben
  rang,  und  die  ersten  paar  Tage  darnach  war:
Gustav  gut  zu  ihr  gewesen.  Sein  Gesicht  mit  der
ewig  gerunzelten  Stirn  und  den  ängstlich  aufgerissemen
  Augen,  wie  es  sich  über  sie  neigte,  als  sie  in
ihren  unsäglichen  Schmerzen  stöhnte,  taucht  plötzlich
  mit  einem  Ausdruck  in  ihrer  Erinnerung  auf,
wie  sie  ihn  früher  niemals  darauf  gesehen  hat.

Er  hatte  Mitleid  mit  ihr  gehabt!  —  Er  konnte
auch  Mitleid  mit  einem  Menschen  haben  —  wirkliches
  Mitleid!  Und  nicht  nur  in  Habgier  mit  dem
Knüttel  ein  Geschöpf  zu  Boden  schlagen!  —

Sie  saß  an  der  Wiege  des  Jungen  und  bewegte
sinnlos  mit  dem  Fuß  die  schweren  Holzgängel.
Ihre  Hände  rieb  sie  langsam  und  ruhelos  gegeneinander
  im  Schoß.

Und  nun  war  er  so  „wehleidig"  und  redete  sich
selbst  hier  Trost  ein  bei  dem  kleinen  Kind!

ob  der  Junge  schon  schliefe
mit  dem  ausgestreckten  Zeige-