Wie  sie  das  auf  einmal  jammerte!  Frieden
hätte  sie  stiften  sollen  von  dem  einen  Bruder  zum
anderen;  und  nun  stand  sie  zwischen  beiden.  Mürrisch
  wie  ein  Bettelmann  schlich  der,  dem  sie  Treue
geschworen  hatte,  hier  in  seinem  eigenen  Hause  umer.


i  Wie  er  sie  jammerte!  —  Redete  hier  mit  dem
kleinen  Kind,  weil  er  zu  keinem  anderen  mehr  reden
  mochtel

Wenn  das  der  Herr  Superintendent  wüßte,  von
dem  sie  sagten,  daß  er  nun  auch  schon  so  lange
krank  und  elend  seil

Wäre  sie  doch  gestorben,  als  sie  ihr  Kind  zur
Welt  brachte!

Aber  dann?  .  .  .  aber  dann  .  .  Armes  Kleines!
  Armes  Kleines!  Hin  und  her  wiegt  sie  den
Kopf  —  immer  leise  hin  und  her.  Ach  nein  1  —
Das  wäre  ja  gar  nicht  gegangen!  —  —

Ach  und  Malte!  —  Da  lag  er  drübem  und
durstete  nach  Kaffee!  Und  die  Fliegen  saßen  ihm
gewis,  wieder  auf  der  Stirn!

Ein  qualvolles  Gefühl  prickelte  ihr
eigene  Haut.

Sie  sprang  auf  und  wollte  so  schnell  als  müglich
  hinüber  und  dann  in  die  Küche,  um  erst  kleines
  Zeug  zu  waschen  und  darnach  den  Kaffee  zu
kochen.

Da  weinte  das  Kind  mit  seinem  quarrenden
Stimmchen  elend  auf.  —  Wie  das  klang!l  —  Es
war  nicht  satt,  oder  es  rumorte  chmerzhaft  in  seinem
  kleinen  Leibe?

Die  Nahrung  taugte  wohl  nichts,  weil  ihr  Herz
nicht  still  war?!  .  ..

„Lieber  Gott!  Gib  mir  ein  ruhiges  Herz!“  Da
kam  zum  zweitenmal  in  ihrem  Leben  eine  große
Kraft  über  sie.

Nicht  nur  die  Kraft  eines  traumseligen  Opfer—
mutes,  sondern  die  eines  großen  Erbarmens,  um
das  der  sieche  Steuermann  umsonst  gerungen  hatte:
denm  ihm  war  es  nur  in  den  Willen  eingegangen
—  ihr  aber  löste  es  das  Herz.

„Weibt  du,“  saate  Malte,  als  er  seinen  Kaffegetrunken
  hatte,  „Gustav  hat  es  übelgenommen,  daß
ich  euren  Jungen  noch  nich  gesehn  hab!  Zeig  ihn
mir  doch  mall“

„Ja  —  gernl“

„Gustav  sagt,  er  nimmt  sich  gut  zu?“

„Ach  Gott!  Das  sieht  er  woll,  weil  er  das  sehn
will!  Noch  is  er  Haut  und  Knochen.  Aber  er
wird  ia  schon  werden!  —  Jetzt  schläft  er.  —  Wenn
er  wieder  wach  is,  sollst  du'n  zu  sehn  kriegem
Oder  sonst  morgen.  —  Mich  dünkt,  es  is  kalt  hier.
Ich  denk,  ich  leg  dir  noch  ’n  bißchen  Feuer  in  den
Ofen.  Denn  kann  ich  dir  vor  Nacht  noch  wos  Luf
machen.“

„Ach  du!  —  Quäl  dich  doch  nich  so  viel  um

über  die

mich.  Um  mich  brauchst  du  kein  Feuer  mehr  zu
machen.  Es  wär  bloß,  wenn  du  noch  heut  abend

den  Jungen  herbrächtsst.“

Unser  Pommerland

287

„Na  eben.  Das  Kind  darf  sich  doch  nich  erkälten.
  —  Weißt  du  nich,  wo  Gustav  is?“

Hier  is  er  nich  gewesen.“

„Ich  glaub,  sie  wollten  heut  Abend  fischen.“

Malte  räusperte  sich.

„Lieber  nich!  —  Zum  wenigsten  nich  in
Nacht  fortbleiben!  Es  wird  schlecht  Wetter.“

„Meinst  dus“

„Ja,  ich  spür  so  was  in  den  Gliedern."

„Na,  laß  man!  Ich  steck  dir  'ne  Lampe  an.
Dann  kanust  du  lesen  und  kommst  auf  andere  Gedanken.
  So!  —  Das  Feuer  brennt!“  —

„Eil  dich  doch  bloß  nich!  —  Die  Lampe  tut
noch  nich  not.  —  Ich  hab  tagsüber  so  viel  gelesen.
  Das  muß  ich  nu  doch  erst  runterdenken.“

Da  lächelte  sie  über  sein  selbstgemachtes  Wort,
wie  er  sie  lange  nicht  hatte  lächeln  sehen.  Als  wäre
sie  harmlos  stolz  auf  ihn.  Ueberhaupt  erschien  sie

der

froher  und  freier,  als  seit  vielen  Wochen.

„Mach  man  zuerst  Nachtkost,  wenn  Gustav  noch
rausfahren  wollt!“"

„Er  wird  doch  nichl  —  Du  meinst  ja  doch,  das
Wetter  will  schlecht  werden.“

Bei  diesen  Gesprächen  war  sie  mehrmals  ausund

  eingegangen.  Dann  blieb  ste  eine  Weile  in
der  Küche  und  kam  erst  mit  der  angezündeten

Lampe  wieder.

Trotz  seiner  Gliederschmerzen  war  er  ein  wenig
eingeschlafen.  Er  hatte  zu  viele  Nächte  hintereinander
  gewacht.

Sein  Gesicht  war  gerötet.  Es  sah  aus,  wie  das
kraftvolle  Gesicht  eines  Gesunden.  Jetzt  aber  malte
sich  plötzlich  eine  angstvolle  Qual  darin.  Und,  als
wöre  ihr  Antlitz  der  Spiegel  des  seinen,  flog  auch
über  ihre  Stirn  ein  Schatten.

Auf  seiner  Schläfe  saß  zufällig  eine  Mücke.  Sie
wußte  wohl,  daß  ihn  noch  anderes  plagte,  als  das
verflogene  Tierchen.  Aber  mit  behutsamer  Gebärde
schlich  sie  doch  ans  Bett  und  jagte  auch  diesen
Qlälgeist  davon.

„Nu  auch  noch  Mücken,  nich  bloß  Fliegen!  —
Warum  all  das  letzte  Ungeziefer  auch  gerad  hier
hereinkommt!?  —  Aber  das  is  vom  Heizen  und
denn  wieder  vom  Fensteraufmachen.  —  Doch  was
kann  einer  dagegen  tun?“

Sie  stand  einen  Augenblick  still,  während  sie  so
dachte  und  sah  ihn  an.  —  Auch  wollte  sie  sich
versichern,  daß  nicht  etwa  die  Mücke  mit  der  Hartnäckigkeit
  des  schädlichen  Insekts  zu  ihm  zurückkehrte.


Wenig  ahnte  sie,  daß  sie  gerade  in  dieser  Minute
  beobachtet  wurde,  daß  einer,  die  Faust  ballend,
unterm  Fenster  stand  und  abwechselnd  ingrimmig
auf  sie  und  den  unruhigen  Schläfer  starrte.

„Den  Hals  könnt  ich  cuch  umdrehen!
beiden!“  fauchte  Gustav  vor  sich  hin.

Dann  sprach  er  lautlos  weiter:  „Ne,  lieber  nich!
—  Aber  dich  da  im  Bett,  dich  allein  möcht  ich
würgen!  Eine  Frau  und  zwei  Männer!  —  Ich
würg  dich,  ich  würg  dich,  du  humdsföttische  Ka-Allen

