Unwillkürlich  lächelte  er  und  ließ  den  Kopf  et—
was  rückwärts  sinken.  Er  wußte,  daß  sie  nie  aufhören
  konnte,  gut  zu  ihm  zu  sein,  und  deshalb  war
er  imstande,  es  sich  vorzustellen.

„Dann  würd  ich  höher  klettern  —  und  immer
höher!“  phantasierte  er,  „,bis  in'  Top.  —  Und  da
oben  hört  ich  und  säh'  ich  nichts  mehr  deutlich,  als
das  wirrige,  brausende  Wasser  tief  unmten.“

Marieken  staunte.  Er  sprach  wieder  einmal  ganz
wie  der  alte  Malte.  Anders,  als  sonst  die  Vitter
reden.  Aber  noch  schöner  als  früher.  Viel  schöner!
—  Und  auch  wieder  nicht;  denn  in  seinen  Worten
lag  eine  bittere  Verachtung  des  Lebens.  Oder  verstand
  sie  ihn  nicht  ganz?  —

„Malte!  Du  liest  oft  in  der  Bibel  und  seit  du
hier  so  liegst,  bist  du  fromm  geworden.  Aber  dies
war  eben  —  gottlos,  glaub  ich.  —  Du  sollst  nicht
so  für  dich  sein  wollen!“

„Ich  meint  das  ja  nich  im  Ennst."

„Aber  auch  nich  in  deinen  Gedanken!  —  —
Nein!  —  Nein!  —  Ich  sag':  Wir  müssen  doch  alle
drei  Frieden  miteinander  halten  kömnen.  —  Es  is
bloß,  er  hat  gedacht,  ich  hätt'  kein  Gefühl  für  sein
Kind.  —  Das  kennt  er  nich:  Mit  jedem  Tier  erbarmt
  einen  das  und  denn  sollt  einer  kein  Erbarmen
  haben  mit  dem  Kind,  das  so  schwer  zur  Welt
gekommen  is!?“

Malte  sann  wieder  brütend  vor  sich  hin.

„Aber  mit  ihm  .  .  .“  begann  er,  und  es  zuckte
kämpfend  durch  sein  Gesicht.  Dam  sah  er  sie  mit
einem  vollen  Blick  an  und  sah,  daß  sie  sein  war
bis  in  alle  Ewigkeit.  Das  machte  ihn  großmütig:
„Er  will,  daß  du  auch  mit  ihm  Erbarmen  hahen
sollst.“

Tief  senkte  sie  ihren  Blick  in  den  seinen.  „Ja,
das  hab  ich  auch.  Seit  heut  nachmittag.  Großes!“

„Großes!“  wiederholte  er.

Ja,  sie  war  sein!  Aber  ohne  Leidenschaft.
Ohne  die  süße  Leidenschaft  von  früher.  —  War  die
mun  zum  zweiten  Mal  gestorben?  Gestorben  in  dem
großen  Erbarmen  mit  Gustav?  —  Auch  recht  —
Denn  so  hatte  es  nicht  bleiben  können!  —

Es  war  gut,  daß  sie  einmal  so  deutlich  miteinander
geredet  hatten.  Hier  waren  sie  nun  beisammen,  als
lebten  sie  schon  ein  zweites  Leben.  —

Wie  waren  sie  reif  geworden!  Biel  vor  der
Zeit.  Ihre  Jugend  lag  hinter  ihnen,  wie  etwas,
das  vor  hundert  Jahren  gewesen  war.  Und  doch
hatten  noch  gestern  die  Wellen  ihres  großen  Meeres
emporgeleckt  bis  zu  ihrem  Herzen.  —  Gestern  —

Die  Uhr  tickte,  und  die  frühe  Nacht  sank.

Da  krachten  und  schmetterten  von  neuem
Sturmböen  herab.

Marieken  sprang  auf.
das  Dach  über  den  Häuptern
Und  drüben  schrie  das  Kind.

„Herr  Gott!  sei  uns  gnädig!"“

Wankend,  mit  einem  Blick,  der  ihn  wie  aus  der
Irre  traf,  stürzte  sie  hinaus.

die

Es  war,  als  wolle  ihnen
zusammenbrechen.

Unfser  Dommerland

289

Nach  einer  Weile  kam  sie  mit  einer  schnell  kenntlichen
  Last  wieder  herein.  Aus  ihren  dicken  Tüchern
  schälte  sie  ein  kleines,  wimmerndes  Bündel,
schnürke  es  noch  einmal  in  eine  dünnere  Wollhüllle,
so  daß  nur  das  Köpfchen  frei  blieb,  und  schob  es
Malte  zwischen  die  steif  auf  den  Knieen  ruhenden
Hände.

„Willst  du  ihn  woll'n  Augenblick  halten?  —
Wenn  was  passtert,  seid  ihr  doch  zusammen.  —
Sei  ruhig,  Kind,  bist  bei  Onkel  Malten!“

Ganz  benommen  fragte  Malte,  was  sie  denn
wolle?
„Mal  an'n  Strand!  Mal  nachsehn!  —  Was

woll  Vater  auch  mit  aus  is?  Glaubst  du?  —  Ich
kann  das  nich  glauben.  —  St!  —  St!  —  Gustav,
bist  bet  Onkel  Malten!"

„Marieken,  bleib  hier!“

„Ne  —  laß  mich!  Denk,  wenn  dem  Kind  sein
Vater  nich  wieder  kommt?!"“
„Und  wenn  Dn  zu  Grund  gehst,  hat's  auch

keine  Mutter  mehr!“

Wieder  ein  Stoß.  —  Und  wieder  einer.  —  Es
heult  und  zischt  und  donnert.  Der  Tisch  unter'm
Fenster  bebt;  und  der  Schrank  in  der  Ecke  wackelt.

„Ich  muß!"“

„Du  bleibst!“"

„Aber,  wenn  die  Böen  vorbei  sind!“  unterhandelt
  sie  atemlos.  Sie  steht  jetzt  am  Fußende  seines
Bettes  und  stemmt  sich  mit  gestrafften  Armen  dagegen.


In  ihrer  allgemeinen  Angst,  in  der  Angst  um
Haus  und  Stall,  um  das  Dach  über  ihrem  und  des
Kranken  Haupte  und  um  das  Boot  auf  der  wütenden
  See  und  in  ihrer  besonderen  um  des  Kindes
  Vater  kommt  es  ihr  erst  gar  nicht  zum  Bewußtsein,
  daß  sie  dieses  selbst  zwischen  Onkel  Maltes
  lahme  Hände  gebettet  hat.

Und  jetzt!  —  Und  jetzt!  —

„Malte!  —  Das  jüngste  Gericht!“

„Setz  dich,  Marieken!“

„Still,  Gustav!  —  Still!  —  Bist  bei  Onkeln!“

„Ich  glaub,  es  wird  wieder  ruhig!“

Ste  horcht  mit  einem  geisterhaften  Gesicht  nach
draußen.

„I  ch  nich!“  —

„Hörst  du?  Es  wird  ruhig!“

„Auf  Minuten  —  möglich!“

„Dann  geh  ich.“

„Aber  du  kannst  nich  gegen  an.“

„Dochl“

„Denn  mach  dich  warm!“  —  —

Das  Kind  wimmert.  Und  ihm  schlägt  wieder
einmal  das  Herz  wie  von  zahllosen  Hämmern  getrieben.


Er  steht  eine  Todesangst  um  das  schwache  Weib
aus.  Aber  er  konnte  ihr  nicht  länger  widerstehen.
Auch  er  ist  schwach.  —

Der  kleine  krebsige  Wicht  zwischen  seinen  steifen
Fäusten  sieht  genau  aus,  wie  sein  Vater.