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Kalt  starrt  er  ihn  an.  Mag  er  schreien!  Er
kann  ihm  nicht  helfen.

Wenn  sie  auch  umkäme?  Gleich,  oder  in  der

Folge?  —  Und  er  hier  allein  liegen  bliebe?  —
Ganz  mutterseelenallein  mit  dem  wimmernden  Kind!?
Und  auf  einmal  ist  es  ihm  doch  schredlich  —

ganz  über  alle  Maßen  schrecklich,  daß  er  dem  Kinde

nichi  helfen  kann  —  nie  würde  helfen  können.

„Scht!  —  Scht!  —  Schweig  still,  unselige,  kleiee
Kreatur!"

Wenn  er  es  doch  nur  ein  bißchen  anrühren  und
schitteln  kömntel

„Scht!  —  Scht!  —  Ich  tu  dir  ja  nichts!"

Da:  ein  Krach,  als  ob  die  Tür  draußen
flöge!

„Scht!  —  Scht!  —  Wein
is  noch  lang!“

Krampfhaft  bewegt  er  die  Knie  und  wiegt  mit
zusammengezogenen  Brauen  unter  Schmerzen  den
kleinen  Körper  hin  und  her.

„Schweig!  —  Nich  jeder  muß  elend  werden!  —
Scht!  —  Scht!  —  Schweig  doch  nurl“

Und  das  Wippen  und  Wiegen  hilftk  Und  das
Stüöhnen  und  die  abgebrochenen  Worte  dazu  müssen

auf  -

nich!  —  Das  Leben

wie  ein  stürmisches  Wiegenlied  sein.  Aber  nun:
Wieder  ein  Donner  —  und  wieder.  —  Eine  zweite
Sturmflut?

Malte  ist,  als  müsse  er  die  lahmen  Hände  um
das  Kind  klammern,  es  fest  zu  halten.  Dröhnend
fällt  die  Außent  ir  ins  Schloß,  und  die  Stubentür
geht  auf,  Marieken  steht  auf  der  Schwelle,  und
Gustav  halb  hinter,  halb  schon  neben  ihr.

Wenige  Schritt  vom  Hause,  auf  dem  Wege  von
und  zu  Vater  Beethmann,  hatten  sie  sich  getroffen,
in  dem  Unwetter  um  ein  Haar  aneinander  prallend
  und  sich  gegenseitig  zu  Boden  reißend.
er  hatte  einen  Fluch  ausgestoßen;  und  daran  hatte
sie  ihn  erkannt.  Erst  auf  dem  Flur  konnten  sie  zusammenhängend
  miteinander  reden.

Die  anderen  hätten  nicht  gewollt,  berichtete  er.
Und  das  war  wahr.  Weniger  wahr  war  es,  das
er  allein  am  Strande  das  Boot  nicht  hätte  flolt  bekommen
  könmen.

Er  hatte  erst  gar  keine  Anstrengung  dazu  gemacht;
  denn  als  er  sich  eben,  ergrimmt  über  die
Weigerung  seiner  Kompagnie,  mit  doppelter  Kraft
und  Hartnäckigkeit  ins  Zeug  werfen  wollte,  schrie
una  lärmte  etwas  in  seinen  Ohren,  mächtiger  als
aller  Sturm.  „Denk  an  dein  Kind!"  schrie  es.  Und
schrie  ohne  Aufhören,  daß  ihm  die  Arme  steif  am
Körper  herabfielen  und  es  ihn  allmächtig  wieder
ans  Land  zog:  so  allmächtig,  wie  umgekehrt  die
Welle  etwas  ins  Meer  hinaus  reißt,  das  sie  erst
zum  Strande  mit  sich  geführt  hatte.  Da  er  in  seinem
  Eigenfsinn  nicht  gleich  ins  eigene  Haus  zurick
mochte,  ging  er  daran  vorbei  zu  Beethmanns  und
rauchte  dort  seines  Schwiegervaters  Tabak,  bis
Miele  ihn  mit  den  Fragen  forttrieb,  ob  eigentlich
Marieken  denken  solle,  daß  er  bei  dem  Wetter  auf
See  sei?  Und  ob  er  sich  nicht  schäme,  sein  Haus

Unser  Dommerland.

Aber

mit  einem  Schwerkranken,  einer  kaum  gesunden  Frau
und  einem  noch  ungetauften  Kinde  in  solcher  Nacht
allein  zu  lassen?

Jetzt  stand  er  geblendet  vom  Licht  der  Lampe,
noch  immer  betroffen  über  seine  Begegnung  mit  Marieken
  und  voll  innerster  Genugtuung  über  ihre  Besorgnis.
  Mitten  in  der  Stube  stand  er  bereits,
ohne  recht  nach  Malte  hingesehen  zu  haben.

„Gott  sei  Dank,  daß  du  lebendig  wieder  da  bist!
Marieken  hat  'ne  schöne  Angst  um  dich  ausgestanden!“
  sagte  indessen  dieser  so  laut  er  konnte,  um  sich
bei  dem  wieder  losbrüllenden  Sturm  vernehmlich  zu
machen.

Gustav  schüttelte  sich  vor  Frost,  rieb  sich  die
Hände  und  schlug  die  Arme  gegen  seinen  Körper
wie  ein  paar  Pumpenschwengel.

„Ich  will  dir  noch  schnell  die  Grütz  wieder  warm
machen!“  erklärte  Marieken.

„Scht!“  machte  Malte.  „Hörst  du  nich?  Deine
Mutter  hat  noch  keine  Zeit  für  dich!  —  Schweig
still,  lüttge  Krabbel!“

Da  erst  gewahrte  Gustav,  daß  der  kranke  Bruder
  sein  Kind  auf  den  Knieen  hielt.

„Na,  das  is  wahr!  —  Das  is  ja  gar  kein
schlecht  Metier  für  dich,  den  Kleinen  betuscheln!“
rief  er  mehr  heiter  als  verblüfft.

Andauernde  Verlegenheit  überkam  ihn.

Halb  freute  ihn,  was  er  sah,  halb  widerstand
es  ihm.

„Ja,  ich  hab  mich  als  Kindsmagd  bei  dir  verheuert,“
  versuchte  Malte  zu  scherzen.

Als  Marieken  wieder  hineinkam,  fand  sie  Gustav
am  Bett  sitzen.  Wieder  wie  am  Nachmittag,  streckte
er,  ein  wenig  grinsend,  den  Zeigefinger  nach  dem
Kinde  aus,  um  es  an  der  Backe  damit  zu  kitzeln

„Mensch,“  sagte  Malte,  „mit  den  kalten  Händen!“


„Na,  so'n  Pimperling  wird  das  doch  nich  sein?!“

„Aber  'n  Mann  auch  noch  nich  —  obschon  das
einer  werden  will.“

Die  Brüder  lachten.  Aber  Malte  sah  blaß  aus:
und  Marieken  glaubte,  es  werde  ihm  sauer,  den
Kleinen  so  lange  auf  den  Knieen  zu  haben.

„Gib!“  sagte  sie.  „Und  du  iß  endlich  zu  Nackt.
Gustav!  —  Oder  hast  du  schon  bei  ihnen  zu  Haus
gegessen?“

„Ne!  Damit  waren  die  lange  über  Seit.“"

Sorglich  band  sie  das  Kind  wieder  ins  Tuch
und  ging  mit  ihm  hinüber.

Als  Gustav  am  Tische  saß,  hätten  die  Brüder
auch  bei  lebhafterer  Neigung  dazu  nicht  viel  miteinander

  reden  können.  Die  Gewalt  des  Unwekters
würde  ihre  Worte  unterwegs  verschluckt  habem.
Man  hörte  die  See  in  der  Stube  brüllen,  als

stände  man  unmittelbar  am  Ufer  und  ließe  die  Wogen
  an  sich  emporspritzen.  Und  obwohl  Marieken
in  der  Dämmerung  gut  geheizt  hatte,  wehte  es
durch  den  kleinen,  wenn  auch  für  heimische  Verhältnisse
  großen  Raum  wie  frische,  kalte  Salzluft.