Nur  einmal,  als  sich  der  Sturm  wieder  mit  be—
sonderen  Kraftstößen  über  das  Haus  dahinwälzte,
murmelte  Malte:  „Donnertausend,  der  fährt  vierspännig!“


Aber  er  murmelte  es  wohl  ausschließlich  vor  sich
hin.

Immer  froher  und  freier  wurde  ihm  an  diesem
Abend,  fast  als  säße  er  an  Backbord  und  lenke  das

Steuer.  So  hatte  es  nicht  bleiben  können.  Und  so
blieb  es  auch  nicht!  Sie  hatten  schon  den  neuen
Kurs.

Es  lag  in  der  Luft.

Mühsam  hob  er  den  Kopf  und  lehnte  ihn  fest
gegen  die  Kissen.  Aber  sein  Ausdruck  hatte  etwas
Sieghaftes.

Immer  höher  hinauf  bis  in  den  Top!  Es  war
schön,  über  sich  selbst  hiauszuklettern.

Ob  er  sich's  nun  gerade  gedankenhaft  so  zurechtlegte,
  oder  nicht,  jedenfalls  fühlte  er's  so.  Und
es  war  auch  nicht  unfromm  mehr.

Erstaunt  wandte  Gustav  den  Kopf  und  erstaunt
richtete  Malte  seine  Augen  nach  der  Tür:  Marieken
war  schon  wieder  da.  —  Mit  dem  Kinde.

„Ach  Gott,“  sagte  sie  betreten,  „drüben  is  das
graulich  kalt!  Mein  Feuer  is  ganz  ausgegangen.
Ich  hatt'  woll  vergessen,  zur  Zeit  nachzulegen.  Nu
dauert  es  was!  —  Ich  kann  da  nich  mit  ihm  bleiben.
  Und  wenn  ich'n  noch  so  sehr  einpack,  er  verklamt
  mir  da."“

„Na,  denn  geh  doch  hier  sitzen!“

„Herr  Gott,  wie  das  hier  auch  durchpusten  tut!“

Hastig  nahm  sie  das  Tuch  von  ihren  Schultern
und  hing  es  mit  der  Rechten  geschickt  vor's  Feuster,
  das  Maltes  Bett  zunächst  war.  Im  linken
Arm  hielt  sie  das  Kind.

Dann  sah  sie  sich  einen  Augenblick  wie  suchend
um  Am  Ofen  stand  Gustavs  niedriger  Schemel,
auf  dem  er  Netze  zu  flicken  pflegte.  Darauf  setzte
sie  sich.

Nun  erst  fühlte  sie  ihre  Müdigkeit  und  alles,
was  an  diesem  Abend  durch  sie  hingegangen  war.

Eine  Sekunde  lang  schloß  sie  die  Augen  und
lehnte  sich  mit  dem  Rücken  gegen  den  Ofen.

„Wird  dir  schlecht,  Marieken?“  wollte  Malte  fragen.
  Aber  er  fragte  es  nicht.

Vielleicht  schlief  sie  ein  wenig  ein,  während  drüben
  das  Feuer  wieder  anbrannte!

Da  wurde  der  Junge  unruhig.
sie,  ihn  durch  leises  Hin=  und  Herwiegen
einzuschläfern,  aber  es  gelang  ihr  nicht.
sich  auf  lautes  Weinen.

„Er  wird  hungrig  sein!“  rief  Gustav,  selbst  noch
essend,  vom  Tisch  aus  hinüber.

Sie  sah  mit  müden  Augen  nach  der  Uhr.

„Ja,  seine  Zeit  is  da.  —  Still  doch!  —  Stilll“

Wie  im  Traume  schickte  sie  sich  an,  ihn  satt  zu
machen.  Und  sowie  sie  ihm  zu  trinken  gab,  verstummte
  das  kleine  Lebewesen  auch  befriedigt.  1

Da  freute  sie  sich;  und  ein  seliges  Lächeln  ging
allmählich  über  ihr  Gesicht.

Erst  versuchte
wieder
Er  legte

AUnser  Pommerland

291

Malte  sah  lange  reglos  vor  sich  hin  aufs  Deckbett.


Dann  hob  er  doch  langsam  die  Lider.  Welch  ein
Bild!

In  Hamburg  in  einer  großen  Galerie  hatte
einmal  eine  wunderliebliche  Madonna  gesehen.

An  die  dachte  er.

*
*  #

Seit  diesem  Abend  zog  sich  das  Familienlebern
immer  enger  in  Onkel  Maltes  Stube  zusammen.
Und  je  mehr  es  das  tat,  desto  deutlicher  fühlte  er
auch  innerlich  den  Onkel  in  sich.

Er  bekam  noch  manchmal  ein  Kind  auf  die  Kuie
gelegt,  auch  wenn  es  nicht  sturmflutartig  um  die
Hütte  herumtobte  und  keine  aufs  äußerste  gestiegene
Augst  des  Augenblicks  Marieken  zu  ihm  trieb.

Nach  dem  kleinen  Gustav  wurden  noch  zwei
Mäödchen  geboren,  so  daß  die  häuslichen  Lasten  der
jungen  Frau  von  Jahr  zu  Jahr  wuchsen.

Aber  die  Last  war  ihr  nicht  Last.

Uebrigens  hielt  sich  Maltes  Leiden  lange  auf
derselben  Höhe.  Die  Kinder  waren  im  ganzem  gesund
  —  besonders  die  kleinen  Mädchen  —  und  aus
dem  schwer  zu  behandelnden  Hausvater,  dem  einst
hämischen  Sonderling,  der  in  schlimmer  Zeit  zum
Wüterich  ausarten  konnte,  wurde  allmählich  ein  gemütlicher
  Knurrer.

Da  sich  der  Altenkirchener  Pfarrer  noch  einmal
von  langwierigem  Sichtum  erholt  hatte,  saß  er  nach
manchem  Gottesdienst  auch  wieder  getroulich  zur
Seite  von  Maltes  Lager.

Eines  Tages  meinte  er,  nachdem  die  Familie
eine  Weile  in  wechselnden  Augenblicksbildern  durcks
Zimmer  gegangen  war:  „Wie  schön,  lieber  Piper,
dan  Sie  hier  nicht  einsam  liegen!“

„Ja,  Herr  Superndent!  —  und  denken  Sie  —
aufrichtig  gesagt:  Nun  möcht  ich  noch  gar  nicht
sterben.  —  Nun  möcht  ich  noch  wissen,  was  aus
den  Kindern  wird.  —  Und  —  wenn  die  nachher
fortgehen,  ja  natürlich  wird  es  dann  einsamer  werden.
  —  Aber  —  wir  Großen  halten  ja  auch  zusammen.“


„Das  weiß  ich.  Das  seh  ich,  lieber  Piper!
ist  gut  gegangen,  sehr  gut!
Gnade  erwiesen.  Aber  Sie
wesen.“

„Ach,  ich!“  Doch  plötzlich  besann  er  sich:  „Nein,
warum  soll  ich  mich  selbst  schlecht  machen?  Tapfer
bin  ich  wohl  auch  gewesen.  Aber  Maricken,  die  hat
es  schwerer  gehabt,  als  ich,  Herr  Superndent."

„Ja,  die  Marieken,  Ihre  liebe  Schwägerin!  Das
ist  wohl  eine  wunderbare  Frau!  Man  weiß  nicht,
wenn  man  sie  jetzt  ansieht,  ob  sie  noch  jung  ist  oder
schen  alt?  So  abgeklärt,  so  ausgereift  erscheint  sie.
Und  doch  verliert  sie  niemals  ihre  schöne  Kindlichkeit.
  Wie  etwas  Losgelöstes  weht  es  dirch  ihre
Züge.  Als  geschähe  ein  Wunder  und  man  sähe
einmal  eine  Seele  von  Angesicht  zu  Angesicht.“

Malte  nickte.

er

Es
Gott  hat  Ihnen  große
sind  auch  tapfer  ge—