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„Immer  freundlich  —  immer  zufrieden;“  sagte
er.  „Und  immer  und  ewig  ist  sie  willig  zur  Hand.“

„Jawohl!  —  Und  ich  habe  oft  schon  im  Stillen
gedacht,  lieber  Piper,  daß  Ihre  Schwägerin  ein
eigentümlich  von  Gott  begabter  Mensch  sei.  Wenige,
  die  so,  wie  sie,  geführt  wurden,  hätten  sich  so
entwickeln  können."

Malte  lächelte  glückstrahlend  vor  sich  hin.
wohl  ihm  dies  vertrauliche  Gespräch  tall

Und  der  alte  Herr  sah  es.  Deshalb  wurde  er
immer  ausführlicher.

„Selbst,  wenn  sie  lacht,  ist  sie  vielleicht  nie  das,
was  man  so  landläufig  lustig  nennt,“  meinte  er,
„aber  auch  wenm  sie  weint,  bleibt  sie  heiter.“  —

„Das  will  ich  Ihnen  sagen,  Herr  Superndent,
woher  das  kommt:  Sie  möchte  nie  mehr  was  für
sich  haben.  Sie  denkt  immer  nur  an  andere."

„Da  haben  Sie  ganz  recht!  Sie  behält  immer
das  schöne  Gleichgewicht  derer,  die  nicht  von  dieser
  Welt  sind.  Sie  hat  ihr  Ich  hingegeben  und
wurde  eine  Persönlichkeit  in  Gott.  Und  das  ist
nichts  Leeres.  Das  ist  der  Inhalt  vom  Inmhalt
Solch  eine  Ichlosigseit  ist  gerade  das  ihr  Eigentümliche.
  —  Auch  in  einem  gang  modernen  Sinne
ist  sie  eine  „Persönlichkeit"  geworden.  Ich  weiß
nicht,  ob  Sie  mich  ganz  verstehen,  lieber  Piper?“

„Ich  denk  denn  doch,  Herr  Superndent!  —  Man
liest  ja  auch  viel.  —  Alles  mögliche!l  —  Was  man
bekommen  kann!  —  Und  dann:  Jch  mein  immer,
die  Bibel  ist  auch  nicht  leicht  zu  verstehen.  Wenn
einer  sich  da  recht  reinliest  .“

„Ach,  gewiß!  —  gewiß!  —  und  es  freut  mich,
daß  Ste  das  selbst  sagen  und  selbst  herausgefunden
haben.  Unsere  Bibel  ist  schwer  zu  verstehen  —  Und
bleibt  die  vornehmste  Uebungsschule  für  die  Sprache
des  Unaussprechlichen.“

*

Wie

Und  die  Jahre  gingen  hin.  Merkwürdigerweise
immer  schneller,  je  älter  die  Menschen  wurden  und
je  lieber  der  eine  oder  andere  von  ihnen  die  fliehenden
  vielleicht  noch  festgehalten  hätte.

Die  Kinder  wurden  groß  und  mußten  das  Elternhaus
  verlassen.  Die  Mädchen  tat  man  in  den
Dienst,  nachdem  sie  noch  mancherlei  Handfertigkeiten
erlernt  hatten;  und  der  kleine  Gustav  —  denn  er
blieb  klein,  wie  sein  Vater  —  ging  zur  See.

Aber  bevor  er  auszog,  ließ  Onkel  Malte  ihn
noch  einmal  mit  einer  gewissen  Feierlichkeit  an  sein
Beit  kommen  und  sagte  ihm,  daß  er  brav  und  rechtschaffen
  bleiben  und  nicht  auf  das  dumme  und  böse
Geschwätz  anderer  hören  solle.  „Denn,“  schloß  er,
„die  Bösen,  das  sind  auch  immer  die  Diuunmen,
Gustav!  Das  kannst  du  dir  man  merken.“  —

Als  vor  Jahren  Mariekens  Brüder  ebenso  in
die  Ferne  gegangen  waren,  erst  August  und  dann
Wilhelm,  ihr  Liebling,  hatte  sie  ihm  vertrauensvoll
damit  angelegen,  daß  er  die  Ausziehenden  zum  Guten
  ermahnen  solle:  „Nimm  du  sie  ins  Gebet,  Mal  e!
Du  weißt,  Vater  mag  so  was  nich  umd  Gustav
kann  das  nichl!“

Unser  Dommerland

Erst  wehrte  er  sich:  „Soll  ich  andre  ermahnen
—  und  bin  selbst  nich  gewesen,  wie  ich  hätt  sein
sollen?“

„Eben  deshalb!“  entgegnete  sie  da
graßer  Einfachheit  als  Bestimmtheit,
Abnung  davon  zu  haben,  daß  sie  eine  Wahrh:i!t
aussprach,  die  ihn  tief  ergriff  und  tröstete.  „Du
weißt  besser  als  andere,  wie  weh  das  nachher  tut.“

Daran  dachte  er,  als  nun  auch  der  kleine  Gustav
fortmußte,  und  ließ  sich  nicht  erst  von  ihr  bitten,  zu
reden.

Und  sie  wucnte,  daß  er  es  tun  würde,  auch  ohne
daß  sie  ein  Wort  darüber  verlor.  War  er  doch
„Onkel“  Maltel

Und  der  ist  er  geblieben.  Auch  seit  die  Jungein
dahon  sind,  um  nur  dann  und  wann  wieder  ins
dest  hinein  zu  gucken,  in  dem  für  gewöhnlich  die
Alten  einförmig  beieinamder  leben.

mit  ebenso
ohne  eine

Maltes  Gebrechlichkeit  nimmt  langsam  zu.  Sein
Haar  lichtet  sich  bereits  über  der  hohen
und  seine  Augen  sind  immer  häufiger  angegriffen.
  Aber  wenn  er  rnicht  lesen  kanm,

liest.,  wie  vor  Zeiten,  Marieken  ihm  vor.  Seit  die
Kinder  groß  sind,  hat  sie  wieder  mehr  Zeit  für  sich
und  deshalb  für  —  ihn.

Sie  ist  noch  immer,  wie  sie  war:  eine  schlanke
Gestalt  mit  der  leicht  vornüber  geneigten  Haltung
derer,  die  viel  haben  arbeiten  müssen.  Mit  einem
Gesicht,  nicht  mehr  jung  —  und  auch  wieder  noch
sehr  jung;  denn  es  trägt  noch  immer  seinen  rührenden
  Ausdruck  kindlicher  Hingebung.

Wenn  der  alte  Herr  Superintendent  noch  lebte,
würde  er  dasselbe  über  sie  zu  sagen  haben,  wie  damals,
  als  er  sich  so  warm  und  unumwunden  zu
Malte  äußerte.

Gustav  ist  verhältnismäßig  rüstig  und  oft  voll
behabiger  Laune.

Vater  Beethmann  aber  starb  nach  kurzem  Krankenlager.
  Auch  der  alte  Rotsprack  ruht  längst  unter
der  nämlichen  Friedhofserde,  zu  der  er  im  Laufe
der  Jahre  so  manchem  seiner  „Kompagnie“  das  Geleit
  gegeben  hatte.

Strohmeyers  blieben  bis  zu  diesem  Tage  frisch
und  redselig.

Und  die  jungen  Rotsprack'schen  Söhne  sind  heißspornige
  Männer  geworden.

Das  neue  Geschlecht  des  Dorfes  nimmt  stellenweise
  auch  einen  neuen  Charakter  an.

Manches  Prachtstück  vom  Vitter  Ufer  umd  von
den  Vitter  Sitten  wird  alljährlich  abgespült.  Anderes
  dafür  freilich  unmerklich  wieder  angeschwemmt.

Und  Gustav  Piper  ist  stolz  darauf,  daß  sein
Haus  eine  Art  vom  Mittelpunkt  bleibt;  sei's  für
die  Alten,  sei's  für  die  Jungen.  Natürlich  hat  er
das  nicht  sich  selbst  zu  verdanken.  Aber  es  stört  ihn
nichi,  daß  „Onkel  Malte“  die  allgemeine  Anziehungskraft
  für  die  Nachbarn  ist.

Er  schmunzelt  sogar  vergnügt,  wenn,  wie
lich,  noch  zu  später  Abendstunde

neu-Frau
  Miele,  die

den  jüngsten  Rotsprack  geheiratet  hat,  in  die  Fa-