2  Einleitung.

des  Reichs  nach  innen  hin  am  meisten  ausgebildet.  Denn  die  aufstrebende,
  nach  Selbständigkeit  ringende  Macht  der  weltlichen  Reichsfürsten
  ist  tiefer  gebeugt  als  jemals,  und  der  König  steht  da  im  wahren
Sinne  des  Worts  als  ihr  Oberhaupt.  Diese  Stellung  aber  hatten
die  ersten  salischen  Kaiser  bloß  dadurch  erworben,  daß  sie  den  niedern
  Adel,  vor  allem  aber,  daß  sie  die  Geistlichkeit  des  Reichs,  die
Bischöfe,  zu  sich  herangezogen,  zu  ihren  treuesten  Bundesgenossen
gewonnen  hatten.  Der  Vereinigung  dieser  beiden  Gewalten  allein
mußte  das  weltliche  Fürstenthum  weichen.

Sobald  nun  aber  in  dieser  Parteistellung  der  drei  Hauptfactoren
  in  dem  staatlichen  Leben  des  Reichs  eine  Veränderung  eintrat,
mußte  auch  das  Uebergewicht  des  Kaisers,  das  eben  darauf  beruhte,
mehr  oder  weniger  gefährdet  werden.  Diese  entscheidende  Krisis
aber  vollzog  sich  nach  dem  Tode  Heinrichs  III.  in  den  Jahren  der
Unmündigkeit  des  von  ihm  als  Erben  des  Reichs  zurückgelassenen
Knaben.  In  der  Zeit,  wo  der  prachtliebende,  stolze  Adalbert  von
Bremen  die  Zügel  der  Reichsregierung  in  seiner  Hand  hielt,  erreicht
die  Machtstellung  der  Geistlichkeit  in  dem  Organismus  des  Reichs
ihren  Gipfelpunkt.  Mit  seinem  Sturze  tritt  die  entscheidende  Wendung
  ein:  die  weltlichen  Reichsfürsten  erheben  sich  nunmehr  mit
Nachdruck  gegen  die  übergroße  Geltung  der  Bischöfe  und  sind  bemüht,
die  bisher  in  deren  Händen  liegenden  Zügel  der  Reichsregierung
in  die  ihrigen  zu  bekommen.  Ganz  besonders  verhängnißvoll  aber,
und  zwar  nicht  bloß  für  die  Geschichte  Heinrichs  IV.,  sondern  für
die  fernere  Entwickelung  der  deutschen  Verhältnisse  überhaupt  wurde
es,  daß  in  dem  gewaltigen  Kampfe,  der  sich  zwischen  Gregor  VII.
und  Heinrich  IV.  entspann,  die  Fürsten  des  Reichs  sich  dem  Gegner
ihres  Herrschers  anschlossen.  Nur  dadurch  zunächst  nahm  derselbe
einen  für  Heinrich  so  ungünstigen  Ausgang  und  Jahrhunderte  lang
hatte  Deutschland  diese  Politik  in  ihren  schweren  Folgen  zu  büßen.

Die  leidenschaftliche  Fehde  zwischen  weltlicher  und  geistlicher
Macht  hatte  das  bisher  den  Kaiser  mit  den  geistlichen  Reichsfürsten
vereinigende  und  sein  Uebergewicht  den  weltlichen  Fürsten  gegenüber
  sichernde  Band  gelöst;  die  nachfolgenden  Kämpfe  mit  dem
Papstthum,  von  denen  namentlich  die  Zeit  der  Hohenstaufischen  Herrscher
  erschüttert  wurde,  in  denen  es  auf  äußerste  Anspannung  aller
Kräfte  ankam,  führten  dann  wieder  zu  einer  neuen  Annäherung  der
weltlichen  an  den  Kaiser.  Aber  die  Zeiten  der  Salier  waren
jetzt  nicht  mehr:  die  Fürsten  beugten  sich  nicht  mehr  ohne  weiteres